Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 42 (1.12.1866)
- Date
- 1866-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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829 durch die Aufnahme der Juden in die Armee eine der ungerechtesten Schranken ntederriß, welche den Juden vom Anderögläubigen trennten. Nach Absingung eines großen Psalmes wurde die BundeSlade geöffnet und der Segensspruch für seine Majestät den Kaiser und die kaiserliche Familie gesprochen, darauf folgte die Seelenfeier für die Gefallenen, zuerst in deutscher Sprache, dann nach jüdischem NituS. Mit der Abstngung des Schlußgebetes war die erhebende Feier zn Ende. FML. Baron Hartung drückte dem Komits, Welches die Feier veranstaltet hatte, den Dank Sr. Erzellenz des Kriegsministerö ans, und injpizkrte die ausgerückte halbe Kompagnie, worauf diese in ihre Kaserne abrückte. 8. Znschnn, im November. Es ist endlich doch Thatsacke, baß unsere Gemeinde Herrn Dr. Zipser zu threm geistlichen Oberhaupte wählen werbe. Selbem wird auch die Einweihnngspredigt unseres seiner Vollendung nahenden Tempels übertragen. Die anerkannte Schulfreundlichkeit dieses ehrwürdigen Herrn ist uns Bürge dafür, baß er dem Jugendunterrichte sein Augenmerk vorzüglich zuwenden wird, und dies um so mehr, da seit dem Rücktritt des eine lange Reihe von Jahren mit Opferwilligkeit wirkenden Kultus- Vorstehers Herrn I. Adler von unserer einst in Blüte grstandenen Volksschule keine Rede ist, und besuchen gegenwärtig unsere Knaben katholische Unterrichtsanstalten, die Mädchen hingegen finden bei den englischen Fräulein freundlicke Aufnahme. Eine solche Verwahrlosung findet sich in unserem großen Vaterlande hier in Kaschau als Unikum und verdient als warnendes Beispiel regiftrirt zu werden, wenngleich die hiesige Kultnsgemeinde um die hierherige Verlegung der in S. A. Ujhely brach liegenden Musterhanptschule jüngst petitionirt haben soll, um welche sie seiner Zeit erfolglos nachgesucht hat. Ans Mernngarll, Mitte November. Den Blicken desjenigen, der ans der Vogelperspektive alle oberungarischen Gemeinden mit einem Male zu überschauen vermöchte, böte sich der innere Raum einer großen Camera obscura dar, wo beim gewaltsamen Eindringen der aus dem sumpfigen Boden der Lew-Jwri-Literatnr sich entwickelnden Jrrlichtftrahlen sich die scheußlichsten Gestalten in schreckhaften, dunkeln Umrissen reflektiren. Hier der tollste Fanatismus in Kaftan und Cchlat, der täglich durch den Rebben seinen Gott befragt; dort das geräuschlose, aber von um so sichererem Erfolge begleitete Wühlen der Pßakdinianer, das drinnen im Eingeweide des Gemeinbelebens sein finsteres Werk übt, die Nevenüen schädigt, Hader unter Brüdern stiftet und Beamte an den Bettelstab bringt; da wiederum der leidige Judifferentismus, der jeder Reaktion offene, ungestörte Passage läßt, ja ihr sogar mit eigener Hand den Passirschein ausstellt — allüberall, wohin sich auch der'Blick des für seinen Glauben und seinen Stamm erglüthen, vom bessern Geiste beseelten Israeliten wendet, müßte dieser zurückschaudern ob des Anblickes, der ihn mit Furcht, Trauer und Schrecken erfüllt. — Ganz gerechtfertigt erscheint uns daher eine Brochüre, die verfaßt von einem ״Eperieser CultuSbeamten", binnen wenigen Tagen das Licht der Welt er, blickt, und deren Inhalt wir aus dem Manuskripte zu er- 830 fahren Gelegenheit hatten. Eine Arbeit , die Beachtung verdient. Der Verfasser geißelt schonungslos alle Parteien, selbst die Fortschritspartei dieser Gegend nicht ausgenommen, tadelt das Verhalten einiger sonst progressiv genannte» Oberung. Gemeinden, ertheilt denselben vorzügliche Rathschlage und polemisirt mit aller Schärfe gegen den Lew-Jwri und den Pßak-beth-din. Die Polemik wird iu rabbinischhebräischer Sprache geführt, und wird die Fülle von aus den verschiedensten Gebieten der Talmudliteratnr angeführten Zitaten den Gegnern wol nicht wenig imponiren. Wir sind begierig ans das Urtheil der berechtigten Kritik; doch mag diese sich über genannte Brochüre wie immer anssprechen, die Berechtigung ihres Erscheinens, und gerade in der gewählten Form und Sprache wird man ihr, wenn man das Unglück, das das Treiben jener Szikßoer Neujuden hier angerichtet, nur einigermaßen kennt, wol nicht abspreche» können. Mit Bedauern muß ich auch die Thatsache melden, daß die Eperieser israelitische Kultusgemeinde ihren Beamten die Gehalte reduzirte und sogar ihrem verdienstvollen Oberlehrer, Herrn Deutsch, dem gegenüber die Gemeinde kontraktlich verbunden ist, seine Stelle gekündigt hat, weil — die Gemeinde kein Geld hat. Herr Deutsch hat bereits seine Klage zur h. k. ung. Statthalterei eingereicht und um R§- Habilitation angesucht, was sagt aber die Oeffentlichkeit zu einem solchen Benehmen? Ueber den Erfolg der letzterwähnten Affaire werden wir seiner Zeit zn referiren gewiß nicht ermangeln. D. Glittsrrndorf, 15. November. In dem Wartezimmer der hiesigen Eisenbahnstation hat heute eine charakteristische Debatte stattgefunben. Ein Reisender erzählte aus dem B. CH., daß in Szegedin, während die Cholera herschke, den Leidtragenden die herkömmlichen Enthaltungen erlassen wurden. Ein junger Rabbiner, der gegenwärtig war und dessen sorgfältige Frisur und Toilette die Aufmerksamkeit einiger anwesenden Damen auf sich zog, replizirte: ״Ich habe den betreffenden Artikel ebenfalls gelesen und auch widerlegt. Denn sehen Sie, fuhr er ungefähr fort, Rabb. Jakob Levi, aus welchem der Dispens fließt, sprich!, nur von der Geltung derselben in der Lombardei, welche in diesem Augenbicke nicht einmal zur österreichischen Monarchie gehört. Dann muß man das בעתוחא (Schrecken. Furcht,) wovon hier die Rede ist, auf die Furcht vor Austreibuug beziehen, welcher die Juden in früheren Jährhunderten bei öffentlichen Kalamitäten ausgesetzt waren: eine Furcht, die heutzutage nicht vorhanden ist. Endlich müßte den Leidtragenden die Weisung gegeben werden , nach dem Erlöschen der Cholera das Versäumte nachzuholen." Ein bejahrter, polnischgekleideter Glaubensgenosse, der an ,einem andern Tische saß, und an dem Gespräche seiner Reisegeführten bis dahin keinen Antheil genommen Hatte, trat endlich heran, und sprach, zu dem Rabbiner gewendet, ungesähr wie folgt: ״Verzeihet mir, waö Ihr da saget, sind eitel Träume. Ich habe während der großen Cholera vor 35 Jahren noch in Dukla gewohnt, und ich kann Euch versichern, daß damals daselbst das Nämliche geschah, was jetzt -13 *