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Ben Chananja · 1866-12-01 · 42 (1.12.1866) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
42 (1.12.1866)
Date
1866-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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813 finden; 3) wurde auch der deutsche» Muttersprache Rechnung getragen. Wenn das Gebetbuch noch mancher Verbesserung bedarf, da es auf Verlangen und durch vie Verhaltniffe nothwendig in Eile verfertigt sein mußte, so wird bald durch das nachträgliche Erscheinen des ,4. Bandes mit Verbeffernngen und Jnhaltsverzeichniß dem Nebel möglichst abgeholfen werden. Die ganze Liturgie mit dem herrlichen Gefange und den ergreifenden Orgeltönen erfreut sich des Beifalls der Gemeinde. Der Besuch der Synagoge ist sehr stark, was das beste Zeugniß für die Anerkennung des Gottesdienstes ist. So weit mir der Kultus in den Synagogen zu Frankfurt a. M., Mainz, Mannheim und Stuttgart bekannt ist, zeichnet der in dieser prachtvollen Synagoge Berlins sich vortheilhaft vor jenem aus. Der vernünftige und gebildete Theil der Gemeinde spricht auch dem Rabbiner Dr. Aub für die ganze Einrichtung des Gottesdienstes warmen Dank aus, wie denn auch den Leistungen des Musikdirektors Lewandovski der gebührende Beifall gezollt wird. —- An Kritikastern fehlt es natürlich auch nicht. Besonders werfen sich manche zu Richtern auf, die am wenigsten dazu berufen scheinen. Was soll man z. B. antworten, wenn es getadelt wird, daß die drei ersten und die drei letzten Benedeiungen in der Tefilla von dem Vorbeter laut und der Gemeinde leise, der übrige Theil der Lobsprüche und Bitten aber überhaupt leise gebetet werden? Ist dieser Brauch nicht schon in dem Orach Chajim erwähnt (Kap. 124 in M. Abr. Nr. 3)? Doch über das Gebetbuch will ich heute nicht weiter berichten, darüber nächstens. Heute noch einige Worte über die Gemeinde und den Rabbiner. . In der Gemeinde, die viele Ihnen-bekannte Gelehrte in ihrer Mitte Hat, gibt es einen ziemlich 'großen Theil, welcher in der Religion die R o m antik liebt. Bei einem herzhaften offenen Worte,׳ das ohne, Hehl die Schäden ausdeckt, erzittert ihr in Fantasien sich wiegendes Herz.;Diese Herren und Damen lieben das Verkünstelte. Eine׳blumenr^che,׳ wen.n auch gedankenleere, Rede ziehen sie einer' einfach belehrenden Predigt vor. Das Wort des' großen Dichters ■Es; trägt Verstand nnd! rechter . Sinn .; , .־ Mit wenig Kunst sich selber an; Und^ wcnn's euch Ernst ist, was^zu; sagen, v Jst's nöthig, Worten nachzujagen? . hat für Verbildete keinen Werth, oder kein Verständniß. — Alle Ächtung vor der seltenen Rednergabe deö seligen DrS. Sachs: — seine neüorthadöre Richtung, unterstützt von seiner poetischen Natur,, hielt ihn. ab, eine gesunde geistige Nahrüng 'seinen Zuhörern zu reichen. Wie gewählt seine Sprache, wie Herrlich seine Bilder waren, seine Blumen verbreiteten einen rasch berfliegenden Duft; aber die Gemeinde gewann nicht an Belehrung. Wurden die begeisterten Zuhörer, die in ihrem Ausrufe: ״Sehr schön!" nicht enden wollten,,.gefragt : ״Was hat er denn gepredigt?", so konnten sie kaum eine Antwort geben. Und Dr. Sachs war der Meister; aber seine Nachäffer hüllen ebenfalls ihre Worte in dieses Täuscherwerk, um narkotischen Duft zu verbreiten, ohne doch das geistig-poetische Talent eines Dr.. Sachs zu besitzen. Genug, dieses Uebel trübte den klaren Blick und es bildete 814 sich bei Dielen, die von einigen sonst sehr geachteten Gelehrten bestärkt wurden, eine Richtung, die man als eine süßlich -Mystisch e bezeichnen kann. Satzungen, Gebräuche und Gebete, welche nach ihrem Inhalte der gereiften Einsicht nicht znsagtcno der widersprachen, wurden damit vertheidigt und aufrecht erhalten, daß matt, denselben einen Sinn gewaltsam zu unterschieben trachtete, den sie nicht hatten und nicht haben. Die äußere Glanzfarbe sollte das Schadhafte verdecken. Anstatt zu erleuchten, wurde geblendet. Der intelligente Theil der Gemeinde — und der ist hier groß — läßt sich nicht beirren. Als daher die Rabbinatsstellen besetzt werden sollten, hielt die Majorität der Gemeinde-Aeltestett und Repräsentanten ' an dem Prinzipe fest, nur solche Männer kn . die Wahl aufzunehmen, auf deren Gesinnungstüchtigkeit man bauen kann. -Man sah aber auch darauf, daß der .aufzunehmende Rabbiner mit Mäßigung wirke, damit kein Riß in dem Gemeinde entstehe. , ' So traf die Wahl zunächst Dr. Aub. Sie kennen, verehrter Herr Redakteur, diesen Mann und sein literärischeS und amtliches Wirken, indem Sie sehr günstig einige Broschüren und besonders sein Buch. ״Grundlagen zu einem wissenschaftlichen Unterricht in der mosaischen Religion^ rezensirt haben*). Änb meidet in seinen Predigten alles Gezierte, und sucht in faßlicher Rede seine Gemeinde zu belehren. Seine Predigten sind streng logisch und reihen' die Gedanken folgerecht an einander. Die Wahrheiten, die mitgetheilt werden ,, sind stets getragen und gestützt von biblischen, talmudischen und Midrasch-Sprüchen. Mancher dunklen ׳Stelle dieser alten Werke gibt' Aub ,eine schöne sinnige Dentung. Anfangs störte Einige her süddeutsche ^Dialekt^ der in manchen Worten sich kund that; allmälig gewöhnt sich das Publikum an diese Ausspruche, und der Redner eignet sich'! stets mehr die norddeutsche Aussprache an. Aub, der jeden ' Sabbath zu predigen.hat wechselt ab mit diesen' Predigten ' zwischen der alten und neuen Synagoge, und erfreut' sich immer mehr,, des. Beifalls feiner Hörer. Denn jeder Unparteiische gesteht, daß diese Predigten belehren und erbauen,. Es ist nur zu beklagen, daß in depneuen großen' Synagoge die Kanzel nicht gut placirt ist. In der letzten Woche wurde sie etwas erhöht, wodurch die Worte' des Redners weit vernehmlicher sind. — Mit der Wahl des andern Rabbiners scheint es fast ebenso langsam vorwärts zu gehen, als , mit der des Drö. Aub. Für den Winter über mag .es Aub gelingen, allein dem Berufe vorzustehen. Ob für die' Dauer? . — Aub zählt übrigens zu den אנשי מעשה; er ist ein Mann der Thatkrast, der ruhig, aber energisch eingreift und seinen Weg ungestört geht. An einem solchen praktischen Manne - fehlte es in der Gemeinde unter den Nabbinatömitgliedern lange Zeit. : .;׳, - ...... Ueber das Schulwesen sollen Sie bald einen Bericht erhalten. Im Allgemeinen sei heute schon bemerkt, daß sehr ' tüchtige Lehrkräfte an den Uuterrichtsanstalten der Gemeinde wirken. An dem Lehrerseminar übernahm Dr. I. Lassel, der *) Ichhabe dem Herrn Dr. Anb nur Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich zolle ihm die aufrichtige Verehrung, die seine.literarischen 9 p beiten jedem Sachkenner einflößen müssen. Ncd)^ 42 *

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