Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 40 (1.11.1866)
- Date
- 1866-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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761 762 Nvtabllitäten der Stadt sammelten sich im Trauerhause, wo unser Rabbiner, Herr Dr. Klemperer, an der Bahre der Verklärten mahrhaft ergreifende Worte des Trostes den Trauernden reichte. Die eigentliche Trauerrede aber, so führte unser Rabiner aus, sei nicht dem Orte, der Heimat, die die Heimgegangene nun auf immer verlaßt, sondern der Stelle und der Heimat nach alter Sitte bestimmt, die 'sie auf immer nun bezieht. Und diese Rede zeichnete dem unabsehbaren Trauergcfolge, das der Vielverdienten die letzte Ehre gegeben, in wahren, aufrichtigen Zügen das ehrwürdige Bild ihres Lebens und Wirkens. Möge ihr die Erde leicht sein: dem Gatten aber, demselben warmherzigen und edlen, verleiht Gott Kraft und Stärke, sein schweres Geschick zu ertragen. Noch sei bemerkt, daß beide Trauerreden des Herrn Dr. Klemperer auf Wunsch der hochachtbaren Familie dem Drucke übergeben werden. Die Mm in Wien. Die ״France" vom 28. Oktober theilt folgenden Korrespondenz-Artikel aus Wilna, 8. Oktober, mit: ״Die Jsraetiten befinden sich unter dem schrecklichen Drucke einer religiösen Propaganda, die unter der Aufmunterung der Lokalbehörden geübt wird. Es hat sich nämlich ein Verein gebildet, der nichts Geringeres anstrebt, als die seit Jahr- Hunderten im Lande wohnende jüdische Bevölkerung zu vertreiben, und dieselbe in den Kaukasus oder an die Ufer des Amur zu drängen. Das Journal von Wilna, das Organ dieses Vereins , geht so weit, daß es zu sagen wagt, man müsse, um das Land von dieser Lepra zu reinigen, die Juden bekehren oder vertreiben. Diesem Journale werden ofsizielle Ermuthigungen zu Theil. Der General Kaufmann, Gouverneur der Provinz *), hat nicht nur den Behörden der Städte, sondern auch den Familienvätern ans Herz gelegt, auf das Blatt zu abonniren. Den Lehrern gab er die Weisung, das Blatt den Bauern vorzulesen, um dieselben auf das Werk der Versagung vorznbereiten. In die Dörfer schickt man Agenten, um neue Mitglieder für den Verein zu ge- Winnen, und Haß gegen die Israeliten zu verbreiten. Der Verein zählt mehrere hochgestellte Beamte zu seinen Mitgliedern, unter Anderen auch den Inspektor des Volksschulwesens. Die Israeliten würden ihre Klagen der Regierung in St. Petersburg unterbreiten, welche seit einigen Jahren ihre Lage verbesserte, und die, wie sie glauben, von der verabscheuungswürdigen Propaganda kerne Kenntniß hat. Unglücklicher Weise besitzen sie aber in Folge des Belagerungszustandes kein Mittel, zu der St. Petersburger Regierung zu gelangen. So befinden sie sich in einem schrecklichen Zustande, welchem, wie sie hoffen, die Regierung ein Ende machen wird, sobald sie davon unterrichtet ist*)." *) Nach dm Berichten verschiedener politischer Blätter ist dieser General vor Kurzem abberufen worden. N e d. - ף Die traurige Lage der polnischen .Juden hat, ivie wir unsere Leser versichern können, bereits die Aufmerksamkeit des Zentral-Komitss der .Alliaiico israölite universelle in Paris im vollsten Maße auf sich gezogen, und werden wir hoffentlich bald in der Lage sein, über dir in dieser i efbetrübenden Angelegenheit gethanen Schritte Näheres zu berichten. N e d. ,!Ins .Bet ft 11. (Schluß. *) L Das ״Magazin für die Literatur des Auslandes" bespricht in seiner Nr. 39 c. die zweite Lieferung der Sachö'schen Predigten. Unter Anderm heißt es daselbst: ״Wir glauben, unsere Leser auf diese Erscheinung anfmerksam machen zu müssen. Dieselbe ist auf dem Gebiete der deutsch-israelitischen Kanzelberedsamkeit unstreitig daS Beste von Allem, was dieses westöstliche Gebiet bisher zur Erscheinung brachte. Eö bieten diese Reden in sprachlicher, wie in oratorischer Hinsicht auch für Nichtisraeliten uugemein viel Schönes und BewundernSwerthes dar. Ein Profet des alten Bundes ist es gleichsam, der darin seine Stimme erhebt, dem die Erhabenheit der Gottesidee, von welcher seine Reden getragen werden, eine seltene Kraft des Ausdrucks verleiht, und dem in seinen hochfliegenden Ideen zu folgen oft schwer, stets aber belohnend ist . . . . . Es muß schwer, sehr schwer sein, jetzt zu derselben Gemeinde, die diese Reden gehört, zu sprechen, ohne zu demüthigenden Vergleichen Anlaß zu geben. — Dazu konstatiren wir , daß sämmtliche im Druck erscheinenden Predigten deö sel. Drs. Michael Sachs von früherer Zeit datiren und daß er seit vielen Jahren, weil die Feder nicht seinem Gedankenfluge, folgen konnte, nur ex tempore gesprochen hat, so daß wir von seinen späteren, zu immer vollendeterer Meisterhaftigkeit sich herausbildenden, Reden leider kein Denkmal zurückbehalten haben. Wir konstatiren ferner, daß auch diese früheren Predigten von ihm nur als Entwurf betrachtet worden sind, und daß das geschriebene Wort keineswegs an das׳ geredete hinanreichte. Die Gewalt seiner Rede , die seine Zuhörer begeisterte und mit sich sortriß, ja die ganze Form der Rede, die sich oft nur in ihren Umrissen darstellt, kann also nimmermehr an den hinterlassenen Predigten, die feiner Feile entbehren, gemessen werden." Ich komme heute noch einmal auf das Aub'sche Gebetbuch zurück. Wie mir Herr Dr. Aub sagte, steht mit Nächstem das Erscheinen der zweiten Auflage bevor. Zu dem Ende dürften wol geeignete Vorschläge am Orte sein. Die neu hinzugekommenen hebräischen Gebetstücke entbehren zumeist des hebräischen Sprachgeistes, wie des warmen Tones der alten Gebete und nehmen sich nicht selten ziemlich sonderbar ans. In den Hoscha'anvth z. B. heißt es einmal: ,כהושעת את אבותינו אברהם יצהק ריעקיב השליכו עליך יהם ותשלח למו מושיע ורב <ק הושענא. Einen Vermittler zwischeu Gott und den Erzvätern kenne ich nichtz den Beistand Gottes hinwiederum als' personifizirt anfzufassen, scheint mir ungerechtfertigt.**) Die Stücke im Geiger'fchen Gebetbuche sind meines Dafürhaltens größtentheils passender. Ueberdies sieht man nicht ab, was denn überhaupt neue Stücke sollen, wenn die Gebete zu kürzen sind. — Noch Eins möchten wir der Beachtung anheimstellen. In der ברבת המינים hat bereits *) S. die vorige Nummer. , **) Der kundige Herr Eiuseuder hätte hinznfügen fciuieu, Wf; der Ausdruck בהושעת überhaupt nnhebräisch ist; hebräisch muß man באשר הושעת sagen. ' Red. 43