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Ben Chananja · 1866-10-15 · 39 (15.10.1866) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
39 (15.10.1866)
Date
1866-10-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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730 729 Der Verein zur NM,Willig »Melkier isr. Slnöcntcn .! in Me». J! Ein zeitgemäßer Vorschlag. . vr. Wien, 7. Oktober. Die Festtage sind vorüber; die Synagogen, die einige Tage hindurch so zahlreich frequentirt waren, stehen wieder leer, wie zuvor; von dem etliche Tage lang währenden Jnsichgehen Ist man wieder für ein ganzes Jahr zum Geschäfte zurückgekehrt und die ״heiligen Tage" sind von Vielen schon vergessen! , Auch der Sommer ist dahin; die Saison, die man Heuer mit doppeltem Rechte die ״todte" nennen konnte, ist zu Grabe getragen worden; die schönste Saison der Restdenz, der Hervsi, hat ihren Einzug gehalten, leider ״auf keine erfreuliche Art. Der böse Gast, der Europa heimsucht, geht hier zwar noch glimpflich vor, doch daß derselbe ganzlich schwinden sollte, — dafür ist für eine ziemlich geraume Zeit leider nicht die mindeste Aussicht vorhanden. Diesem bösen Gaste ist es auch znzuschreiben, daß unsere lieben Gäste, die Studenten von Nah und Fern noch nicht in voller Zahl eingerückt sind. Doch sie kommen allmälig, die Kleinen und die Großen, und in einigen Tagen werden sie alle angelangt sein. An der Universität beginnen künftige Woche die Inskriptionen, bis dahin werden auch die jüd. Gives acadeiniei bereits in unseren Mauern weilen. Und sie kommen nicht.Alle mit gut gefüllten Börsen, deren Haupttaschen die Väter versorgt haben, und deren Nebentäschlein noch im Geheimen von den Müttern mit einigen StatSnoten versehen wurden, — der.Glücklichen dieses Kalibers gibt es nur Wenige. Viel größer ist die Zahl derer, die in die.Residenz kommen, gleichfalls zwar mit vollen Portefeuilles, die aber nicht mit schnödem Mammon gefüllt sind. Empsehlungsdriefe in,Dutzenden verleihen der Brieftasche das verdächtig volle Aeußere. Der innere Werth wird durch einige Etatsnoten der alleruiedrigsten Appointö repräsentier. Doch auch diesen wenigen StatSnoten ist es nicht gegönnt, beisammen zu bleiben; denn indem der unglückselige Besitzer derselben beim hiesigen Bahnhof anlaugt) findet man, daß einige seiner Empfehlungsbriefe versiegelt sind, und er muß dieses große Verbrechen mit der Hälfte seiner Habe sühnen! So kommt er im.großen Wien an. Wie wird es ihm ergehen? Beneide ihn nicht, mein Leser. Gar viele Empfehlungsbriefe wird er abzugeben haben, bis ihm einer nützen wird und gar viele Sechsguldenschuhe wird er zerreißen, bis er eine Fünsgulden-Lektion erhält; doch er findet endlich seinen Weg! « Der ״Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studenten" wird sein, einige Monate hindurch Wirtes, heilsames Wirken wieder aufnehmen. Wie am Anfänge eines jeden Schuljahres, wird er auch Heuer ein weites Feld für seine ersprießliche Thätigkeit vorfinden. Gar vielen Jüngern der Wissenschaft wird er den materiellen Hunger stillen helfen, auf daß sie im Stande seien, ihren geistigen Hunger zu lindern. Der Verein ist ohne Zweifel eine herrliche Institution, sein;Bestand ist ein sprechendes Zeugniß nicht nur für den WöhlthätigkeitSsinn, sondern auch für den vorgeschrittenen Bildungsgrad der Wiener Gemeinde. Die Leitung des Vereins ist eine musterhafte. Doch eines! erlaube ich mir zu bemerken. Ich glaube nämlich, h aß d'er Verein einen zu beschränkten. Wirkungskreis' habe, und will mich hierüber eines Nähern auslassen. Die ungemein zahlreich frequentirten, sowol Privatals öffentlichen Schulen in Wien setzen beim Unterrichte eine Korrepetition zu Hause ganz ausdrücklich voraus.. Daher kommt es, daß nicht nur die reichen und wohlhabenden, sondern auch die minder bemittelten Väter zu ihren Kindern, die die Schule besuchen, entweder einen Erzieher ins Haus nehmen, oder ihnen wenigstens Lektionen ertheilen lassen. Das Bedürfniß nach Erziehern, Hofmeistern, Lehrern, Körrepetitoren und wie diese unglückseligen Geschöpfe alle heißen mögen, ist also ziemlich groß. Dem Bedürfnisse entsprechend A'gibt es in der That außer den Lehrern ex professo eine^ bedeutende Anzahl solcher Studirender, welche, um. sich erhalten zu können, darauf angewiesen sind, Erzieherstellen zu bekleiden, oder — was etwas bequemer ist- — Lektionen zu ertheilen. Die Schwierigkeit aber besteht darin: Wie sinden die Väter die für sie paffenden Personen und wie finden die^armen *Studirenden die Häuser, in die sie die ganze Fülle ihres ausgedehnten Wissens hineintragen sotten? Hausiren kann weder der Eine, noch der Andere gehen und aus die sogenannten PlacirungS-Jnstitute kann sich gleichfalls, da dieselben reine Spekulations-Anstalten sind, weder der Eine noch der Andere verlassen. Und so wird denn diese hochwichtige Sache-einzig und allein dem Zufall überlassen, und wie der Zufall so häufig schlechte Ehen stiftet, so richtet er auch hier viel Unheil an.'Mein -Borschlag isi nu n der: Der ״Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studenten" beschränke sich nicht auf bloße, Unterstützung, sondern übernehme die Vermittlung zwischen den Vätern, die Lehrer suchen, und den Studenten,, die als Lehrer' sungiren wollen. Wie dies zu 'geschehen habe, brauche ich nicht erst ausführlich auseinanderzusetzen. Die auf Lehrerstellen reflektirenden Studenten melden sich bei der Vereinsdirektion, die sich von den Fähigkeiten der sich Vorstellenden überzeugt. Die Väter werden aber in gehöriger Weise aufgefordert, sich nöthigen Falles stets an die Vereinsleitüng zu wenden, die ihnen dann die passendsten Personen zuweiseu wird. Materielle Opfer wird dies dem Vereine nicht auferlegen; es ist sogar möglich, daß die wirkliche materielle Unterstützuug von Seite des Vereins geringer werden wird, indem derselbe solche Studirende, denen, zu passenden Stellen verholsen wurde, nicht mehr zu unterstützen haben wird. Falls der Verein auf meinen Vorschlag—- der doch wenigstens einige Ueberleguug verdient — eingeht, wird er sich einerseits den Dank der Familienväter der Gemeinde erringen, andererseits aber wird er den höchsten, Grad der Wohlthätigkeit auöüben, welcher nicht im Almosengeben, sondern darin besteht, daß man dem Dürftigen dazu verhilft, daß er selber sein Brod verdiene! 41

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