Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-10-15 · 39 (15.10.1866) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
39 (15.10.1866)
Date
1866-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543214--5012-2549063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

719 720 daß der Beseitigung dieser Mißbräuche, oder dock der überwiegenden Mehrzahl derselben, bei der Berliner Orthodoxie irgend ein wesentliches Hinderniß im Wege stehe. Wenn die konservativen Elemente der neuen Liturgie den orthodoxen Mitgliedern der Berliner Gemeinde nicht genügen, so steht es denselben frei, an einem Gottesdienste Theil zu nehmen, der ihrer Ueberzeugnng und Anschauung besser entspricht. Kein Billigdenkender wird dies mißbilligen können. Dagegen handeln sie gegen ihr eigenes Interesse, wenn sie eine Agitation gegen die neuen Einrichtungen provoziren. Und dennoch scheinen manche derselben diese gefährliche Bahn einschlagen zu wollen. So las man vor Kurzem in einem der ersten Berliner Journale folgende, ans einer orthodoxen Feder geflossene Zeilen: "אין והמברך אלא מנאץ. Laut dem Buche רברי הבריה, gedruckt in Altona 5579, herausgegeben von der damaligen Rabbinats-Verwaltung zu Hamburg, ist nach Ansicht der 18 größten und berühmtesten jüdischen Gelehrten jener Zeit streng verboten, in einer Synagoge zu beten, welche Prinzipien und Formen huldigt, wie sie in unserer neuen Synagoge maßgebend sind." Der Urheber dieser Warnung ahnte nicht, wie wenig bas angeführte Buch geeignet sei, die von ihm vertretenen Tendenzen zu begünstigen. Kritisch geprüft liefert nämlich dasselbe einen neuen Beweis, daß die Orthodoxie überhaupt nicht fähig ist, religionsgesetzliche Fragen wissenschaftlich zu erörtern. Das fragliche Buch enthält so viele Absurditäten, daß gebildetere Orthodoxe sich hüten sollten, die Erinnerung daran aufzusrischen. Der talmudische Spruch (B. Kama 94, a; Sanh. 6, b.) an der Spitze der Warnung gehört gar nicht hieher; die Anwendung desselben an dieser Stelle verräth einen Fanatismus, den selbst der orthodoxeste Berliner verabscheuen sollte. Nächst der KultuSreform ist es die Berufung Geigers, welche in Berlin lebhafte Diskussionen hervorruft. Auch für diese Frage wurde die polit. Tagespresse in Anspruch genommen , und brachte ein Berliner Journal vor Kurzem nachstehenden ״Aufruf" an die jüdische Gemeinde. ״Die jüdischen.Religionsschriften und wissenschaftlichen Werke mußten oft dazu dienen, um aus einzelnen abgerissenen Stellen derselben Scheiterhaufen für sie selbst zu errichten, oder wenigstens Verfolgungen für ihre Bekenner hervorzurufen. Doch das geschah im Mittelalter und von Judenfeinden. Unseres großen Rabbi MaimonideS hochberühmtes Werk wurde auch einst zum Feuertode verdammt; doch das ging wenigstens vom fanatischen GlaubenSeifer aus. Neu dagegen ist gewiß die Erscheinung, daß unsere Repräsentanten-Versammlung, eine Versammlung, welche zu mehr als drei Vierteln aus Männern praktischen Lebensberufes besteht, zu einem Glaubenstribunal aufgerufen wird, um über die gläubige Würdigkeit eines der bedeutendsten jüdischen Gelehrten ein Urtheil zu fällen, aus einzelnen Brocken, welche ein ehrenwerthes Mitglied in den wissenschaftlichen Werken dieses in Israel berühmten Mannes aufgeleseu haben will. Diese Werke sollen nun allerdings nicht dem Scheiterhaufen zugewiesen werden, auch beabsichtigt der Entdecker keineswegs eive wirkliche Verfolgung des Autors; er sucht nur, nachdem mehrere andere 'Wege erfolglos geblieben sind, durch diesen Schlag — die Wahl dieses bedeutenden Mannes zum hiesigen Rabbiner zu vereiteln!" ״Woher dem ehrenwerthen Herrn die Kenntniß aus einem, seiner ganzen Beschäftigung fern liegenden Merke gekommen, kann uns gleichgiltig sein; daß sie nicht etwa einem Selbststudium eutsprossen ist, zeigt eben die Unrichtigkeit selbst der wenigen Brocken. Was aber unsere volle Aufmerksamkeit auf sich zieht, das sind die Folgen, die dieser mehr als dreiste Schritt in seinem Geleite hat. Das würdige Mitglied hat sich nicht umsonst bemüht; es ist ihm endlich wirklich gelungen, einen oder zwei seiner Kollegen Ln ihren Anfichten wankend zu machen und dadurch die wichtigsten Interessen unserer Gemeinde zu gefährden. Wir beneiden ihn freilich wenig um diesen Triumph, in seinem ganzen Ernste aber bedauern wir das traurige Geschick der größten Gemeinde Deutschlands, ihre ganze religiöse Entwicklung von der Stimme einiger Maunxr abhängen zu sehen, welche durch einige unrichtig vorgebrachte abgerissene Stellen wissenschaftlicher Werke, der Frucht vieljähriger strenger Forschung, und durch irrig erregte Besorgnisse gewissermaßen eingeschüchtert und wankend gemacht werden können!" ״An.Euch, Ihr Vertreter, die Ihr im Bewußtsein der großen Aufgabe, welche der Judenschaft Berlins in dem rieligiösen Entwicklungsprozesse unserer Glaubensgenossen gefallen ist, den Namen auf Eure Fahne geschrieben, der vor Allen geeignet ist, das.bedeutungsvolle Werk segensreich zu fördern — an Euch ist es jetzt, die Ehre unserer Gemeinde vor Israel zu vertreten l Haltet fest an Eurer Ueberzeugung und wanket nicht. Vertretet die intelligente Berliner Gemcinde, wie Ihr ja in Euren Reihen alle wissenschaftlich gebildete Männer zählt, welche der Versammlung angehören. Laßt Euch nicht einschüchtern durch die immer wiederkehrende Drohung möglichen Zwiespaltes. Was wir wollen ist ja nicht Vernichtung der Religion, sondern ihre Erhaltung und Belebung in Recht und Wahrheit. Der Sieg muß Eure Anstrengung krönen. Aber auch Ihr Gemeindeglieder, die Ihr vor nicht vielen Monden in wahrhaft erhebender Weise Euch für die Nothwendigkeit zeitgemäßer Entwicklung ausgesprocheu habet, stützet Eure - würdigen Vertreter. Stehet nicht da als müßige Zuschauer; jene Männer kämpfen für Euer und Eurer Kinder geistiges Wohl. Erhebet kräftig Eure Stimme, daß sie nicht überhört werden kann. Fürchtet nicht etwaige Erregung, ohne Kampf ist das Gute nie errungen worden. Zeige! nur festen Willen , dann wird man Euch auch von anderer-Seite entgegenkommen. Unsere Gemeinde ist kein Boden für geistige Reaktion; die richtige Erkenutniß brickt sich bei der großen Mehrheit trotz Verdächtigung und Entstellung dennoch Bahn. Leget darum rüstig die Hand ans Werk, den Weg dazu werdet Ihr leicht finden. Gebet bald unserm wackern, Wahrheit und Recht offen und muthig vertretenden Dr. Aub den Kollegen, den er selbst so sehulichst wünscht." ״Wir sind am Ende. Nur wider Willen haben wir innere Angelegenheiten der Gemeinde vor das Forum, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.