Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 39 (15.10.1866)
- Date
- 1866-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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717 Wir wissen nickt, wie oft die RabbinatSgesckäfte den Dr. Sacks mit seinen Kollegen, Oettinger und Rosenstein, zusammengeführt haben.' So viel steht aber fest, daß er sich in Gesellschaft dieser Herren nicht reckt behaglich fühlen konnte. Denn wenn ihm auch nicht immer der verschlossene Tempel einfiel, dessen Schlüssel seine ehrwürdigen Kollegen mit eifersüchtiger Angst in der Hand hielten, ohne den Tempel öffnen zu können; so fehlte es doch gewiß nicht an Gelegenheiten, wo er sich im Stillen sagen mußte: ״Das Wort Gottes ist für sie ein todter Buchstabe, und seine Lehre eine starre Mumie (Pred. 145)." Ebensowenig war es den Scklüsselbewahrern gegönnt, ein Herz zu ihrem neuen Kollegen zu fassen. Sie konnten in demselben weder vom Standpunkte der Orthodoxie einen Gleichgesinnten, noch vom Standpunkte der talmudischen Wissenschaft einen Gleichberechtigten anerkennen. In letzterer Beziehung hat es der sel. Sachs sicherlich nicht an fleißigem Studium fehlen lassen, und sein Eifer blieb nicht nnbelohnt, ohne daß es ihm jedoch gelang, unter Fachtalwudisten für einen Talmudisten von Fach gehalten zu werden. Ist es ihm ja sogar widerfahren, daß er in demselben Augenblicke, wo er seine Devotion gegen die talmudische Halacka unzweideutig zu erkennen gibt, ebenso unzweideutig die talmudische Halacha verwirft, ohne von dieser Inkonsequenz auch nur die leiseste Ahnung zu haben! Es handelte sich dabei um eine archäologische Spezialität, über welche er sich folgeudermaßen ausspricht: ״Das oft genannte Ge wil מיל gilt neben דוכסוסטיס ׳קלף als eine Art des Pergamentes. Wenn der Name des ersten auf den Stamm ״ ,ק?ףabschälen" zurückgeht, und wol die bereitete, zum Schreiben präparirte Thierhaut bezeichnen mag, die zweite Bezeichnung oder dii-vgog von beiden Seiten geglättet oder geschabt ausbrückt, so sieht die dritte sich so fremd an, daß die Frage nach dem etymologischen Ursprünge auch die nach der Qualität in sich zu enthalten scheint. Die im Talmud gegebenen Bestimmungen über die Unterschiede der drei angeblichen Gatlungen des Pergaments sind nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten, und bereits von Muffafia ist in Bezug auf eine derselben ein Bedenken erhoben worben. Da es sich hier um eine rein gelehrte Spezialität handelt, ist der Weg für eine in die Praris ohneh'lu nicht eingreifende Untersuchung frei, und eine von den talmudischen Angaben abweichende Meinung zu äußern unversän glich. Trügen nicht alle Anzeichen, so ist Gewil nur ein von dem- Orte der ersten Bereitung entnommener Name des Materials, und man wird an 2ל) (Ezech. 27, 9.,. wovon das nomen gentile 1 גבלים Kon. 5, 32. Jesaj. 13, 5) unwillkürlich erinnert. Es ist dies das phönizische Bybluö zwischer! Berytuö und Tripolis (Männert Geographie der Griechen und Römer VI. Abth. I. S. 382). Er erklärt bereits, ohne nähere Gründe anzugeben, die גבלים, welche bei dem Tempelbaue durch Salomo mitgeholsen, für die Bewohner von Altbyblos. Auch Ewald in der Geschichte des Volkes Israel bestimmt den Namen in gleicher Weise, wie Männert. Die ba st artige Pflanze, die zu Kränzen verwendet wurde und auch zu einem Schreibmateriale diente, ßvßXog, 718 scheint dem Orte den Namen gegeben zu haben (Beitr. II. S. 188. 189)." Der sel. Sachs lebte also in dem guten Glauben, daß es der Praris gleichgiltig sei, Gewil für ein vegetabiles Schreibmaterial zu erklären! Sachkenner werden einräumen, daß diese Aeußerung allein hingereicht hätte, ihn in den Augen seiner Kollegen im Berliner Nabbinate schwer zu kompromittiren, wenn dieselben seine. Beiträge zur Sprach- und Alterthumsforschung einer nähern Prüfung gewürdigt haben würden. Wir waren stets bereit, den Pastoralen und literärischen Verdiensten des sel. Sachs die gebührliche Anerkennung zu zollen. Auch ist sein edler Geist der Erde entrückt und über alle und jede Polemik erhaben. Das Gesagte mußte aber hervorgehoben werden, weil es geeignet ist, auch dem Fernstehenden zu erklären, wie es kam, daß die Frage der Kttltusreform in der Berliner Gemeinde Jahre hindurch ventilirt werden konnte, bis eö der so sehr hervorragenden jüdischen Intelligenz in Berlin gelang, dieselbe zum Abschlusse zu bringen. Die Anregung zur Reform des synagogaleu Kultus ist vielfach von Berlin ausgegangen. Das längere Zurückbleiben der Berliner Gemeinde auf dem Gebiete der praktischen Reform erinnert daher gewissermaßen an die Kalttische Filosofie, welche zu einer gewissen Zeit in ganz Deutschland, nur nicht in der Hauptstadt des Vaterlandes Kaut'S Aufnahme und Pflege gefunden hat. Die Berliner Orthodorie wies 1845 die Hand der Minimalreform zurück, die ihr dargeboten wurde. Sie hat es also sich selbst zuzuschreiben, wenn die betreffenden Fra-, gen sich im Lause der Jahre weiter entwickelten , und'das Beispiel der Gemeinden in Breslau, Frankfurt am Main und Stuttgart in Berlin nicht ohne Wirkung blieb. . Die Orthodoxen an der Spree werden sich vielleicht an die Worte des Talmuds erinnern: ״Als ich wollte, wolltest Du nicht; jetzt wo'Du willst, will ich nicht mehr (Ber. 7, a)!״ Wir sind über die Liturgie der neuen . Synagoge in Berlin noch nicht genau unterrichtet; das eingeführte Gebetbuch liegt uns noch nicht vor. Nach Allem, was wir bisher darüber vernahmen, hat die Liturgie der Reformgenossenschaft gegenüber einen entschieden konservativen Charakter, ohne sich jedoch der Gunst der Orthodoxie erfreuen zu können. Letztere ist dadurch in der angenehmen Lage, daß sie sich dem Znnzischen Ideale von 1832 bedeutend nähern, ja dasselbe vielleicht realisiren, und der neuen Synagoge gegen- * über dennoch dieselbe Stellring einnehmen kann, welche letztere gegen den Resormtempel behauptet. ״Zu den, von den' achtbarsten Autoritäten beklagten Mißbräuchen, die sich bei dem allgemeinen Verfall in dem öffentlichen Gottesdienste festsetzteu", gehören nämlich nach Zunz: ״Unordnung, Schreien und Schütteln, Mangel an Andacht und Aufmerksamkeit/ die Anstellung ungehöriger Vorbeter, der Gebrauch unpassender Gesangweisen, die Verlesung der pentateuchischen Lektionen nach dem Trop, die Versteigerung der Thora-Funktionen, die Anmaßlichkeit der Reichen im Gotteshanse, die Abwesenheit der Rabbiner und der Mangel tüchtiger Synagogen-Jnspektoren, vor Allem aber die Vernachlässigung passender regelmäßiger Vorträge." Wir können nicht glauben, 40*