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Ben Chananja · 1866-10-15 · 39 (15.10.1866) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
39 (15.10.1866)
Date
1866-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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716 715 heutigen ungarischen Orthodoren, Chorgesang und Predigt ans der Synagoge verbannt wiffen wollte. Beide mußten vom 3. März 1824 ab eingestellt werden. Zunz predigte in der Synagoge in der zweiten Epoche deS reformirten Gottesdienstes. Er war Zeuge des Kampfes und der Niederlage der Reform, welche zuletzt auf ein bescheidenes Minimum reduzirt worden war. Solchen Resnltaten gegenüber mußten seine Ansprüche au die Gegenwart und seine Erwartnugen von der Zukunft bedeutend herabgestimmt werden. Dieselben Anschauungen scheinen bei den Aeltesten der Berliner Gemeinde vorherrschend gewesen zu sein. Als daher in den dreißiger Jahren Aussicht auf Erfolg einer gemäßigten Synagogenreform vorhanden war , dachte man daran, Mannheimer zu berufen, dessen eminente homiletische Tüchtigkeit in Berlin aus der Jacobson'schen Zeit hinlänglich bekannt und anerkannt war. Da Mannheimer nicht geneigt war, Wien zu verlassen, und eine andere geeignete Persönlichkeit sich nicht darbot, ließ man die Kultus- und Predigerfrage ruhen, bis im Jahre 1842 der Entschluß zur Reife kam, das Oberrabbinat zu besetzen, welches seit dem Tode Hirsch Lewin's (1800) erledigt geblieben war. Die Aeltesten richteten ihre Blicke ans Dr. Frankel in Dresden. Die Ver- Handlungen mit demselben nahmen ein ganzes Jahr in Anspruch, ohne zu dem gewünschten Resultate zu führen. Im Jäner 1844 zeigte der Vorstand in einem Zirkulare an, daß Dr. Frankel daö Oberrabbinat nicht angenommen; es sollte daher ein dritter Mabbinats-Assessor gewählt werden. der zugleich das Amt eines Predigers versehen sollte. Die Wahl fiel auf Dr. Sachs, der trotz seiner bekannten konservativen Gesinnnng in Prag in einem Tempel predigte, in welchem das.Znnzische Kultus-Ideal verwirklicht war. Allein seine Wirksamkeit in Berlin führte nicht zu den Resultaten, die man davon erwartet hatte. Ja, wenn man die aus jener Zeit stammenden Berichte in den jüdischen Journalen liest, kann man sich kaum des Gedankens entschlagen, daß die scharf pointirte konservative Tendenz des neuen Predigers mit dazu beitrug , die von der Zeitströmitng begünstigte Forderung eines Marimums von Reform zu provoziren. Dr. Sachs hielt seine Antrittsrede am 5. Oktober 1844; der Aufruf der Reformer ״au unsere Glaubensbrüder" erschien am 2. April 1845, von 32 Männern unterzeichnet, welche anerkanntermaßen zu der Elite der Berliner Gemeinde gehörten. Die Bildung einer Neformgemeiude in Berlin konnte fortan nicht.mehr verhindert werden. Sachs, der Vertreter der milden Jacobson'schen Richtung, und Holdheim, der Erbe der Tendenzen David Friedländers, standen sich feindlich gegenüber. Der Zunzischen Profezeiung schlug also in Berlin selbst keine Stunde der Erfüllung! Unter diesen Umständen hätte man erwarten sollen, daß sich die Orthodoren entschieden dem beredten konservativen Prediger anschließen würden, um durch ihre Koalition dem gemeinsamen Feinde mit größerem Nachdrucke die Spitze bieten zu können, die von Sachs vertretene Minimalreform zu befestigen und das Zunzische Ideal von 1832 für die Dauer zu realisiren. Die Orthodoxie war aber nichts weniger als geneigt, auf eine Koalition einzugehen. Vielmehr erklärten die RabbinatS-Assessoren, I. I. Oettinger und E. Rosenstein, in ihren an den Gemeindevorstand gerichteten Zuschriften vom 20. Jäner und 4. August 1845, daß im öffentlichen Gottesdienst keinerlei Aenderung vorgenommen werden und der hierauf bezügliche Vorschlag des Drs. Sachs nicht verwirklicht werden darf. In ihrer zweiten Znschrift berufen sich die Herren auch auf Magen Abraham Hilchoth Megilla, ohne die betreffende Stelle näher zu bezeichnen. Sie hatten vhue Zweifel 690, 22. im Sinne, und sie wollten somit auch die Hamauitische Perkussion aufrecht erhalten wiffen! Die Orthodoxie befand sich also 1845 in Berlin ungefähr auf demselben Standpunkte, den sie ein Jahrhundert früher eingenommen hatte, als der Rabbiner Jechiel Michel die Sabbathäer verfluchte.*) Der Zorn deS R. Jechiel erscheint aber in einem milderen Lichte, wenn man erwägt, daß sein eigener Sohn den Glauben der Väter verließ, und daß der Vater Ursache hatte/diesen Schritt der sabbathäischen Schwärmerei zuzuschreiben. Alois v. Sonnenfels sagt nämlich in der Einleitung zu seinem 1753 erschienenen Büchlein : ״Jüdischer Bluteckel", daß sein Vater Ober- Laudrabbiner in Berlin und der ganzen Chur—Brandenburgischen Mark gewesen ist, und als solchen finden wir in der That unser» N. Jechiel unterzeichnet. Sein Enkel war also der Reichsfreiherr Josef v. Sonnenfets, der sich um die Kultur in Oesterreich so vielfache Verdienste erwarb. Der Zorn des Drs. Michael Sachs, — dessen Perufung nach Berlin fast an die Berufung Schellings (1841) erinnert, — über die junghegelianischen Reformer seiner Gemeinde war nicht minder heftig, als der Zorn, in welchen sein Vorgänger und Namensbruder hundert Jahre früher über die kabbalistischen Reformer gerieth. Denn wenn auch Dr. Sachs die Reformgenoffen nicht verfluchte, so trug er doch, wie aus seinen gedruckten Predigten zu ersehen ist, kein Bedenken, dieselben ״Feinde Gottes und seines Wortes" zu nennen. Und dennoch wird die jüdische Religiousgeschichte koustatiren, daß Dr. Sachs mit seiner Weltanschauung der Weltanschaunng dieser ״Feinde Gottes und seines Wortes" viel näher stand, als der Weltanschaunng seiner konservativen AmtSbrüder, die so viel Courage hatten, oder, was wahrscheiulicher ist, so bornirt waren, im Jahre 1845 in Berlin für das Hamanklopfen eine Lanze zu brechen! Sie und ihre Gesinnungsgenossen charakterisirt er selbst mit den Worten : ״Sie halten das Buch (die Bibel) umklammert, und seinen inneru Gehalt, die Hoheit seiner Gedanken, das Ewige seiner Lehren, — sie glauben zwar daran, — aber erkannt haben sie es nicht. Es auslegen und seine reiche Fülle der Jugend zur Erhebung und den.Bedürftigen zum Genüsse und zur Labung reichen, das können sie nicht. Sie stehen au den Pforten des verschlossenen Tempels und halten den Schlüssel mit eifersüchtiger Angst, aber die Thüren öffnen sie nicht, und in die inneren Räume dringen sie nicht." *) Zweite Vorrede zum יס“ מריאה (Bert. 1749): חרשים מקרוב מאו מאמיני בשם עוצר פרי שרף מעופף שרש נהש עקלתון ... לשונם תהלך בארץ ועפר ילחכו אור רשעים ידען לא יגה שביב אשם והיו לדראון עולם.

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