Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-10-01 · 38 (1.10.1866) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
38 (1.10.1866)
Date
1866-10-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543213--5002-2549052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5 6 Strom, der gewaltig־ hervorbraust aus den Tiefen unserer Brust. --- Man trete dagegen in eure modernen Tempel hinein, da ist’s freilieh so ruhig, aber auch so kalt, so gemessen, so andachtsleer. Darum nein — unser Judenthum ist kein Rosenstock, daran zierlich und lieblich duftende Knospen hängen, sondern ein urkräftiger Baum, mit knorrigen Aesten, mit bemooster Rinde, aber mit einer Frucht, die kein Gleichen hat. Siehst du, mein Leser, das ist die eine Partei im heutigen Israel, die ich mit dem Palmenbaume verglichen, der Frucht hat, aber keinen Duft. II. Doch neben dein Zweig vom Palmenbäum stehen in unserem Feststrauss die Myrthenreiser, die mit glänzenden Blättern geschmückten Zweige des Myrthenbaumes. Palmenbaum und Myrthenbaum — zwei Gegensätze! Denn wenn der Palmenbaum nur Frucht hat und keinen Duft, so hat dagegen der Myrthenbaum wiederum nur Duft und keine Frucht. הרס יש בו ריח ואין בו פרי. Der Myrthenbaum ist daher eben nur eine Luxuspflanze, wird blos zur Zierde in Gärten und Treibhäusern gezogen, ja, sowie er im Altertkume als Symbol der Jugend und der Schönheit galt, so soll er auch heute nur Brautkränze und Aehnliches liefern. Und ebenso haben wir auch im heutigen Israel eine zweite Partei, als vollen Gegensatz der erstem. Denn während diese, wie wir oben sahen, rief: Lasst uns unser altes Judenthum und verschönert nichts daran; denn das Judenthum will nur Frucht bieten, die Herz und Geist ernährt und kräftigt, nicht aber Duft, der die Sinne besticht: es sieht nur auf den innern Kern und nicht auf die äussere bunte, farbenprächtige Hülse und Schale: — ruft dabei eine zweite Partei im heutigen Israel: Ihr versteht das nicht! Nein, eben der Duft, .der auf die Sinne wirkt, ist heutzutage eine Hauptsache, eben der äussere Farben- Schmelz, der das Auge fesselt, ist gegenwärtig ein Haupterforderniss. Gewiss, wir lieben unser Judenthum ebenso innig, als ihr, aber eben weil wir es lieben, wollen wir es zu erhalten suchen, es der Generation, die aufwächst, lieb und werth machen, und wollen, ohne sckamroth die Augen niedersehlagen zu müssen, sondern im Gegentheil mit, gehobenem Selbstbewusstsein mit itnserm väterlichen Judenthume der nichtjüdischen Welt gegenüber uns zeigen. Dazu aber tbut vor Allem noth, dass das Judenthum seine veralteten Formen ,abstreife, seine unschönen Aussenseiten gänzlich ablege, damit es lieblich und die Herzen gewinnend in allen seinen Formen dastphe, feierlich, imponirend, erhebend, achtunggebietend sich manifestire. Alle Zeremonien des Judenthums müssen daher in ein zeitgeraässes, ästhetisch-schönes Gewand sich kleiden, sonst geht ihm in den Augen unserer Zeitgenossen jeder Werth und jede Bedentung ab. Mit seiner dttstern, eckigen Aussen- Seite muss es den so vorwiegend ausgebildeten Schönheitssinn unseres Jahrhunderts gcwaltsam von sich stosseh. Darum — unsere Begeisterung, unsere unablässige Tliatkraft gehört der Reform der äusseren Formen, sie gehört — dem äusseru Duft. Wie die schönen Blätter der Myrthe, so gläzend und duftend soll das Judenthum dastehen! Harmonie, Anstand, Feierlichkeit, in allen seinen Erscheinungen, das ist unser Ziel unÄ wir wollen nicht eher ruhen, bis wir an diesem Ziele sind. Alles Andere dagegen ist für uns vorläufig nur Nebensache, der wir für den Augenblick nicht unser Augenmerk widmen können und wollen. Ob unsere Jugend in den Schulen die Sprache, die Lehre und die Geschichte des Judenthums gründlich kenneu und lieben lernt; ob daheim in den Hausern jüdischer Sinn herrscht, jüdischer Geist und Odem geht; ob unsere Sabbathe gehciligt werden oder nicht; ob die alten jüdischen Nationaltugenden, die alte jüdische Familien- Innigkeit/ die jüdische Barmherzigkeit und die alte jttd. Brüderlichkeit, jenes הברים כל ישראל — ob das Alles sich noch erhalte, ja oder nicht, das geht uns nichts an für den Augenblick. Nennt ihr das immerhin den innern Kern. Unsertwegen! Aber auf den innern Kein sieht eben heutzutage die Welt nicht. Wir leben eben in dem Jahrhunderte der äussern Formen, und diese zu heben , zeitgeraäss zu gestalten, muss daher unser ganzes Streben sein! In der That, mein Leser, hier hast du die Sprache einer Partei im heutigen Israel. die ein grosses Kontingent zählt. Es sind du־ *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.