Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 38 (1.10.1866)
- Date
- 1866-10-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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ס 4 Erdreich, kommt in jedem Klima trefflich fort. Im ewigen Sommer der Tropengegenden, wie in dem ewigen Winter der Polarländer, unter dem heitern Himmel Spaniens, wie in den feuchten Nebeln Englands, mitten in Russlands Schnee, wie in dem norddeutschen Bund, überall wächst und gedeiht unser Judenthum — ומתערה באודה רענן — als wärs ein heimischer Baum. Nur Eines verträgt unser Judentlmm nicht, durchaus nicht: die Treibhausscbeere, das Gartenmesser, das den mächtigen Baum zierlich zuputzen und stutzen will. Nein, unser Judenthum ist eben kein Zierbaum, um Luxus damit zu treiben, um die Blumcngärten und Glashäuser der Kavaliere damit zu schmücken, oder zarte, lieblich duftende Knospen und Reiser davon zu brechen. Nein, unser Judenthum ist ein alter Kernbaum, ein עץ עשה פרי , der nur Frucht, Herz und Geist nährende, stärkende Frucht bieten will, und nichts anderes. Darum redet uns nicht von Verschönerung des Judenthums, von Verschönerung, Veredlung, Verherrlichung der jüdischen Gebrauche, der religiösen Zeremonien , von zeitgemässer Umbildung seiner äusseren Formen! Nein, das Judenthum braucht nicht yerschönert zu werden, darf nicht verschönert werden! Die Religion ist wie eine Mutter, eine treue, liebende, von ihren Kindern hochzuverehrende Mutter. ״Verschmähe nicht die Mutter, weil sie alt geworden.“ Im Gegentheil, je älter, um so ehrwürdiger, heiliger, hochachtungsvoller erscheine sie dir! Saget nur selbst wie verächtlich wäre nicht ein Sohn, der seiner Mutter sich schämen wollte, dieweil sie Falten in ihrer Wange, Runzeln in ihrer Stirne, das silberne Haar des Greisenthumes auf ihrem ehrwürdigen Mutterhaupte trägt. Oder wie lächerlich wäre nicht gar ein Sohn, der da wünschte, dass seine Mutter Schminke auf die Wange lege, damit die greise, ehrwürdige Matrone wie ein junges Mädchen ausschaue, mit der er sich nicht zu schämen brauche, in Gesellschaften zu gehen, in noblen Kreisen sich zu zeigen. Nein, 0 nein, nicht minder lächerlich ist Derjenige, der da wünscht, dass sein Judenthum, diese erhabene Mutter, über deren gelichtes und hochzuverehrendes Greisenhaupt j Jahrtausende mit ihren milden Frühlingen, j wie mit ihren Winterstürmen hingezogen sind, sich in ein Flügelgewand kleide, eine Kinderblouse anziehe und die Haare durch künstliehe Färbemittel hübsch blond oder schwarz färbe, um so wie ein eitles Knäblein dazustehen, bei dessen Anblick alle Welt entzückt ausrufe: 0, wie reizend und zierlich! Darum nein, — redet uns nicht von Verschönerung des Judenthums, von zeitgemässer Modulirung und Umbildung seiner Formen! Was wäre aus unserm Judenthurae geworden, wenn es zu jeder Zeit der Zeit hätte Kon- Zessionen machen sollen. Welch ein monströ- 868 Flick- und Stückwerk stünde es heute da! — Nein, was für die Ewigkeit ward geschaffen, daran hat eben die Zeit nicht zu modeln! Darum nein und abermals nein! redet uns nicht von Verschönerung und zeitgemässer Umbildung. הקובע עתים לתורה מפר מורה ״Wer die Thora der Zeit unterwirft, der löst die Thora auf.“ — Und dann, was habt ihr denn eigentlich erzielt durch euere Reformen? Man sehe nur unser altes, schlichtes Judenthum an und vergleiche damit das eitrige, das mit allem Luxus und Flitter der Neuzeit ausgestattete Judenthum. Dann sage man uns auf’s Gewissen, wo mehr Wahrheit und Innigkeit und echte, ungeheuchelte Begeisterung zu finden sei. Geht nur einmal in unsere alten Syna- Zogen hinein, ihr findet da freilich keine, regelrechten Chöre, keine Orgelklänge versetzen da den Beter im Geiste auf nichtjüdischen Boden hinüber — ihr lacht über unsere Un- 01’dnUng, über unser gewaltiges Schreien, über unser wirres Durcheinander. Nun lacht immerhin! Das winzige Bächlein, das man fast trockenen Fusses durchwaten kann, das macht freilich kein grosses Geräusch, das plätschert mit einer, dünnen Silberstimme und rieselt und murmelt so melodisch, dass man dabei in stissen Schlummer eingelullt werden kann. — Doch der Katarakt, der mächtige Wasserfall, der donnernd herabstürzt von gewaltigen Höhen, oder der reissende Bergstrom, der seine brausenden Finthen über mächtiges Steingerolle hinwälzt, der kümmert sich blutwenig um feierliche Stille oder um süssliehe Melodie und Harmonie. Nun, uhsere Andacht in unseru alten Synagogen ist auch solch ein mächtiger V