Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 38 (1.10.1866)
- Date
- 1866-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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691 692 Sectio caesarea in viva, sondern von der post worttzva handelte. Genau genommen wird die Anzeige erst durch diese Voraussetzung begreiflich: die Todtenbeschauer waren v'ethindert, ihrer Instruktion auch bei den Juden vollständig Nachzukommen, und sie mußten sich daher veranlaßt fühlen, höherü Orts die Anzeige davon zu machen. Die Weigerung, an einer Leiche den Kaiserschnitt vollziehen zu lassen, konnte ihnen nur als Vorurtheil erscheinen, das wegen seiner Schädlichkeit nicht geschont zu werden verdient. Die Weigerung, den Kaiserschnitt an Lebenden vollziehen zu lassen, hätte unmöglich Gegenständ einer amtlichen Anzeige werden können, wenn die Veranlassung zu einer solchen Operation auch öfters vorgekommen wäre, was aber durchaus nicht angenom- Men werden kann. Hieraus erklärt sich nun auch das räthselhafte Zitat, welches Herr Dr. Wolf nicht finden konnte, weil sich in das bezügliche Aktenstück ein Schreibfehler eingeschlichen hat- oder weil dasselbe nicht leserlich genug geschrieben war. Statt Peßächim 7 ist nämlich Ar ach in 7 zu lesen. Aus dieser Stelle, die wir in vorliegender Abhandlung zu. wiederholten Maleü anführren, erhellt in der Thai, daß der Talmud den Kaiserschnitt an Verstorbenen nur bedingt zuläßt, wie wir bereits erwähnt haben. Schließlich ist noch auf die talmndische Lehre vom -Fötus zu achten, welche Herr Dr. Wolf aus guten Gründen mit in den Kreis seiner Untersuchung gezogen hat. Wenden wir uns zuvörderst zu den biblischen Antecedentienso haben wir folgende Schilderung Job's zu erwähnen: ״Hast du nicht wie Milch mich hinfließen und wie Käse mich gerinnen lassen? Mit Haut und Fleisch bekleidetest du mich und mit Gebein und Sehnen durchwobst du mich. Leben und Liebe gewährtest du mir, und deine Fürsorge hütet meinen Odem^)." Damit verwandt sind die Worte eines jünger» Psalms: ״Du hast gebildet meine Nieren, mich gewoben im Leibe meiner. Mutter. Nicht verhohlen war dir mein Gebein, als ich gewirkt wurde im Verborgenen, gestickt in den Tiefen der Erde^)." Gegenstand legislativer Bestimmmung-en ist der Fötus in der Bibel nichts. Ja, es findet sich im biblischen Hebraismus nicht einmal ein besonderer Ausdruck zur Bezeichnung der Frucht im Mutterleibes); in der Sprache des Talmuds heißt dieselbe U&&ar 51עובר). Der Talmud bietet in dieser Rücksicht manche originelle Anschauungen dar, deren Eigenthümlichkeit bisher verkannt wurde, und die daher eine genauere Prüfung verdienen. Nach Plutarch herrschten unter den griechischen Filosofen fünf verschiedene Meinungen über den Fötus. Plato hält denselben für ein lebendes Wesen, indem sich der Fö- MS im Uterus bewegt und ernährt wird. Die Stoiker lehren: der Fötus ist kein lebendes Wesen, sondern ein Theil des Uterus. Wie die Frucht, die ein Theil des Baumes ist, abfällt, sobald sie reif ist; so verhält es sich auch mit dem FötUS. Empedokles aus Agrigent meint, der Fötus sei zwar kein lebendes Wesen, er besitze jedoch die Fähigkeit, einzuathmen (&nnvovf); das erste Auf- oder Ausathmen (ävcinvori) geschehe jedoch nach der Geburt, nachdem sich die im Fötus 1 befindliche Feuchtigkeit entfernt hat, und an deren Stelle die äußere Luft in die offenen Gefäße gedrungen ist. Nach Diogenes kommt das Thier unbeseelt, jedoch mit Wärme begabt, zur Welt. Diese angeborne Wärme zieht 'sich bei der Gebürt des Thteres Plötzlich in die Lungen. Herophilus schreibt dem Fötus eine natürliche, keine beseelte Bewegung zu, welche er auf die Nerven zurückführt. Lebende Wesen entstehen nach der Geburt, wen» sie etwas Luft erhalten 52). Diese Mittheilungen Pseudo - Plutarch's hat zuerst Dr. Frankel zum Behufe der talmudischen Hermeneutik benutzt. Er hat sich jedoch auf eine flüchtige Notiz beschränkt, ohne auf die Spezialitäten näher einzugehen^). Einer tiefem geschichtlichen Prüfung hat zuerst Dr. Geiger die talmudischen Ubbar-Gesetze unterzogen. Er weist nach, daß der Unfall, von welchem das Gesetz spricht (2 M. 21, 22. 23) wol von Josefus und der rezipirten Tradition auf die Mutter, von der Septuaginta, dem Samaritaner und denKaräern hingegen auf die frühgebornen Kinder bezogen wird, wonach das betreffende Gesetz sagen will: Wenn kein Unfall ist, d. i. wenn das Kind noch nicht lebensfähig, nicht vollständig ausgetragen war; dann wird die Verletzung nicht als Todschlag betrachtet und bestraft, umgekehrt, wenn das Kind bereits lebensfähig war 54). Den Sinn der Septuaginta hat Geiger zuerst entdeckt. Dasselbe scheint auch in Ansehung des Samaritaners der Fall zu sein. Anders verhält es sich mit der Auslegung der Karäer. Jehnda Hebest!, der Vertreter des reinen Karaismus, kennt den Unterschied zwischen reifer und unreifer Leibesfrnchk liicfyt55). Erst Nachmanides Schüler, Aaron b. Josef, der dem Rabbinismus überhaupt manche Konzessionen macht, erwähnt denselben. Es bestätigt sich also nicht, daß sich hier die Karäer der angeblich ält.rn Halacha anschließen. Ueberdem reicht hier das einfache Schriftwort hin, um die Opposition der Karäer erklärlich zu finden. Die behauptete Differenz zwischen älterer und jüngerer Halacha vermögen wir in dem vorliegendem Falle auch in den talmndischen Quellen nicht zu entdecken, und ist kaum abzusehen, was gerade die spätere erklnsivere Zeit bewogen haben könnte, sich der fremden, stoischen Doktrin zu nähern °°). Betrachten wir nun die talmudische Lehre vom Fötus in physiologisch-psychologischer, zivil- und strafrechtlicher und in religionsgesetzlicher Beziehung. 1. 3« Physiologisch-psychologischer Beziehung folgt der Talmud durchaus nicht griechischen Anschauungen, wie man bisher irrthümlich geglaubt hat. Schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lehrte R. Mei'r, daß diesEmbrya im Mntterleibe in den Gesang am rothen Meere mit eingestimmt habenÖr). Ein Zeitgenosse R. Mei'r's, R. Simon b. Jochai, läßt den König David schon im Mntterleibe Danklieder singenss). AM der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts hat sich ein angeblich zwischen R. Jehnda I. und einem Antoninns stattgehabter Dialog erhalten, dessen Resultat mit der platonischen Lehre vom Fötus übereinstimmt 5״). Aus der ersten * Hälfte des dritten Jahrhunders liegt eine ausführliche Beschreibung des Fötus vor, in welcher von dem Neichthnme