Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-10-01 · 38 (1.10.1866) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
38 (1.10.1866)
Date
1866-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543213--4986-2549036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

685 686 gelegentlich eingeflochtenen religionsfilosofischen, psychologischen, ethischen und dogmatischen Exkursen und Bemerkungen, sondern auch bei Erklärung naturwissenschaftlicher Aussprüche der Mischna. Letztere fesseln hier zunächst unsere Ansmerksamkeit. Herr Dr. Reich behauptet allerdings: ״In der kurz und apodiktisch, wie ein Gesetzbuch, geschriebenen Mischna ist immer von konkreten Dingen die Rede, nicht von abstrakten und hypothetischen." Dem ist jedoch nicht also. Die Mischna behandelt auch solche Dinge als ״konkret", die es in Wirklichkeit nicht stud. Die germanosräukische Schule nimmt die mischnischen Voraussetzungen ans Treu und Glanben an, ohne darüber Reflexionen anzustellen. Maimonides thut dies nur ausnahmsweise'"), «nt) er pflegt selbst in diesem Falle leise anzudeuten, daß der Standpunkt der Mischna nicht der seinige ist 20). Er schreckt sogar vor rationalistischen Mischnaerklärungen nicht zurück, um die Mischna mit seinen naturwissenschaftlichen Anschauungen in Einklang zu bringen 21). Im Geiste dieser Selbstständigkeit läßt er auch auf dem Gebiete der Halacha gemaristisch - naturwissenschaftliche Anschauungen fallen, um seinen eigenen Weg zu gehenaa). Besonders charakteristisch ist sein Verfahren, wo er ihm befremdlich scheinende Anschauungen zwar iu Schutz nimmt, aber nicht ansteht, auch seinem Befremden Ausdruck zu geben 22). Damit hängt nun auch seine Erklärung des Joze Dvfan zusammen. Von einem Medikamente, wodurch die Operation bewirkt werden soll, findet sich bei ihm keine Spur. Vielmehr spricht er sich zu wiederholten Malen dahin aus, daß der Joze Dofan nur in Folge einer vollzogenen Operation zur Welt komme 24). Einen Unterschied zwischen dem menschlichen und thierischen Joze Dofan kenn! er daher nicht. Wenn man nun bisher annahm, es läge in den von einander abweichenden Erklärungen Raschis und Rambams nichts Anderes vor, als die Verschiedenheit subjektiver Ansichten; so war man entschieden im Jrrthnme. In diesem, wie in jedem ähnlichen Falle, stehen nicht verschiedene individuelle Ansichten einander gegenüber, sondern verschied e n e Ku l t u r st u f e n. Die germanofränkische Schule kann sich nicht denken, daß man einer Gebärerin vermittelst eines Messers den Bauch öffne, ohne dieselbe zu tobten; sie rathet daher, daß man derselben ein Medikament gereicht habe, wodurch die Geburt ״von der Seite" bewerkstelliget wurde. Die spanische Schule, die sich mit der von den Germanofranken gänzlich vernachlässigten Medizin vielfach beschäftigte, konnte an ein Medikament nicht denken, sie mußte daher eine Operation snpponiren. Nun kannte aber die medizinische Praxis der Maimonidischen Zeit weder den Kaiserschnitt, noch den Bauchschnitt an Lebenden. Daher die Bedächtigkeit, mit welcher Maimonides bei Erklärung der bezüglichen Mischna's zu Werke geht. An einer Stelle sagt er, daß der Bauchschnitt nur an solchen Gebärerinnen vollzogen werde, die ״zu den Pforten des Todes gelangt sind." An einer andern Stelle äußert er nuverholen, daß er es trotz der bestätigenden Erzählungen unbegreiflich finde, wie ein Weib nach dem Bauchschnitte noch leben, schwanger werden und gebären könne 25). Da aber die Mischna ausdrücklich von einer auf den Joze Dofan folgenden Geburt spricht, so sieht er sich genöthigt, dies auf eine Zwillingsgeburt zu ,beziehen. Dagegen polemistrt nun Wunderbar, indem er sich nicht nur auf die älteren (germanofränkischen) Kommentatoren, sondern auch auf die Erfahrung ״der ältesten und neuesten Zeit" beruft, nach welcher Weiber selbst nach der Operation des eigentlichen Kaiserschnittes empfangen und geboren haben. Maimonides gegenüber ist aber die Einwendung nicht vom geringsten Belange. Wunderbar hat hier die Hauptsache, nämlich die Unterscheidung zwischen der Operation an Lebenden und der an Tobten, ans den Augen verloren. Nur letztere ist aus der ältesten Zeit bekannt. Auf sie bezieht sich die lex regia des Numa Pompilius: ״keine schwanger verstorbene Frau zu begraben, wenn ihr nicht zuvor die Frucht aus dem Leibe geschnitten wird; wer dagegen handle, solle 1 als-Mörder angesehen werden." Der Kaiserschnitt, — eigentlich Bauchschnitt, — an Lebenden konnte aber dem Maim. nicht bekannt sein, da diese Operation in seiner Zeit noch nicht versucht worden war, wie wir bereits oben nach Scanzoni dargethan haben. Maimonides bleibt also auch hier seiner selbstständigen Forschung getreu, indem er sich durch unverbürgte Sagen nicht irre machen läßt. Seine Skepsis ist um so begründeter, als selbst geburtshilfliche Autoritäten unserer Zeit trotz aller Fortschritte, welche die operative Technik gemacht hat, nichtsweniger als geneigt sind, der fraglichen Operation eine günstige Prognose zu stellen. ״Für nuö", sagt Scanzoni, ״ist der Bauchschnitt eine der nur höchst selten von einem günstigen Erfolge begleiteten Operationen, sowol bezüglich der Erhaltung der Mutter, als auch in Rücksicht auf die Lebensrettung des Kindes2")." Und in Bezug auf den Kaiserschnitt: ״Wenn man berücksichtigt, welche Gefahren die Verletzung des PeritonäumS und des hochschwangeren Uterus in der Regel-einschließt: so muß man, wenn man auch von den vorliegenden Ersahrungen gänzlich absieht, schon a priori zur festen Ueberzengnng gelangen, daß die uns beschäftigende Operation zu den die ungünstigste Prognose bedingenden Eingriffen gezählt zu werden verdient2^)." - 3. Die oriental. Schule kennet keinen Bauchschnitt an Lebenden; sie läßt daher den Joze Dofan erst nach dem Tode der Mutter zur Welt kommen 2^). Dies steht nun allerdings mit Mischna und Gemara in Widerspruch, und Simon b. Zemach Duran bemühte sich schon im 15. Juhrhundert, diesenHWidersprnch auszugleichen ■a0), was ihm aber nicht gelang. Ausgeglichen kann dieser Widerspruch überhaupt nicht werden; erklären läßt er sich auf eine doppelte Weise. Entweder nimmt man an, daß die Gaonen, die sich überhaupt minder ängstlich au das Wort des Talmuds hielten, als ihre Nachfolger""), auch hier die Bahn des Talmuds verließen; oder man gibt der Vermnthung Raum, es sei schon ihnen bekannt gewesen, daß der Talmud auch höchst problematische, in^der Wirklichkeit niemals vorkommende Fälle mit in den Kreis seiner minutiösen Kasuistik zieht"'). Für unfern Gegenstand ist die Wahrnehmung von besonderem Interesse, daß dies auf keinem besondern Gebiete der talmndischen 38*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.