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Ben Chananja · 1866-10-01 · 38 (1.10.1866) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
38 (1.10.1866)
Date
1866-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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683 684 Nach Wunderbar's Anschauung kommt der Joze Dofan durch Gastrotomie (Laparotomie) zur Welk Diese Operation trat, wie er glaubt, ״ohne Zweifel auch bei Lebenden in dem Falle ein, wo ein Kind, welches durch gewisse Umstände frei im Unterleibe, oder in der Muttertrompeten, oder im Eierstocke sich befand, künstlich zur Welt befördert werden sollte." Nach dieser Auffassung setzt der Joze Dofan eine Schwangerschaft am Unrechten Orte (Parakyesis, gravickitas 6xtraut6r1na) voraus. Dagegen halt es Dr. Reich für selbstverständlich, daß die dem Talmud angeblich bekannte Operation der wirkliche Kaiserschnitt war, wobei also nicht nur die Bauchhöhle, sondern auch der Fruchthalter künstlich eröffnet wurde. Nimmt man es mit dem Wortlaute der Quellen genau, so muß.man die erstere Anschauung als die richtige anerkennen 0), und einräumen, daß der Talmud den'eigentlichen Kaiserschnitt an Lebenden gar nicht kennet, was. selbst dem gründlich unterrichteten Wnuderbar entgangen ist. Mit dieser gründlichen Einsicht in die talmudischeu Quellen stimmt auch das Zeugniß der Geschichte überein, nach welchem ״diez Operation des Kaiserschnittes an Lebenden, in so weit verbürgte Ueberlieferungen vorhanden sind, erst zu Ende des sechzehnten, oder zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts bekannt wurde, indem die aus früherer Zeit bekannt-gewordenen Fälle (von Jakob Nufer im Jahre 1500, von Döring im Jahre 1531, von Donat im Jahre 1541) blos als Schwangerschaften gedeutet werden dürften, bei welchen sich die Früchte außerhalb der Gebärmutter befanden, und nach vorausgeschickter einfacher Eröffnung des Unterleibes, (Bauchschnitt) ertrahirt wurden Ja es wird sogar der Zweifel nicht unberechtigt sein, ob die talmudische Zeit selbst den Bauchschnitt an Lebenden aus eigener Ersahrnng und Anschauung gekannt habe, indem der Gedanke׳, daß die talmudischenj Quellen nur vom Hörensagen darüber unterrichtet waren, ziemlich nahe liegt. Um sich hierüber zu orientiren, muß man ins Auge fassen, daß der Talmud einen menschlichen") und einen th i e ri sch en^^) Joze Dofan namhaft macht. Ferner muß man sich vergegenwärtigen, daß die mittelalterlichen Talmudschulen in Ansehung des Joze Dofan verschiedener Meinung sind. 1. Die germ an 0 fränkisch e Schule läßt den mensch - lichen Joze Dofan nicht durch einen Bauchschnitt, sondern durch Anwendung eines Medikamentes zur Welt kommen. Wunderbar wagt nicht, zu entscheiden, ob darunter ein ätzendes oder ein betäubendes Mittel zu verstehen sei, ״welches letztere angewendet wurde, um die Gebärerin für die mit einem Instrumente zu vollziehende Operation unempfindlich zu machen." Letztere Auffassung ist irrthümlich, da die germanvfränkische Schule den Banchschnitt an einer lebenden Person-nicht einmal für möglich hielt"), und daher diese Operation nur bei Thieren zulässig findet "). Wunderbar nimmt an, daß Raschi an ein ihm bekanntes Aetzmittel gegedacht habe. Allein wäre dies der Fall gewesen, so hätte Naschi dieses Mittel ausdrücklich genannt, wie er in ähnlicheu Fällen zu thun Pflegt. Wahrscheinlich rieth er auf den Gebrauch eines abtreibenden Mittels. Ein Gleiches thut er in Bezug auf die Milzloseu, von denen der Talmud spricht.; auch hier soll die Milz durch Arzneimittel absorbier worden fein 15). Wunderbar kannte diese, der germanofränkischen Schule eigenthümliche, rathende Methode nicht; er läßt sich daher verleiten, sogar die Vermuthung ausznsprechen, ״daß gedachte Aetzmethode ehemals bekannt gewesen sein könnte , durch welche vielleicht schon bedeutende Operationen ausgeführt worden sind, was einen interessanten Beitrag zur medizinischen Kulturgeschichte liefern würde": eine Vermuthung, die rein in der Luft schwebt, da sich die germanofränkische Schule weder mit Operationen, noch überhaupt mit Medizin beschäftiget hat. Die berührte Methode der germanofränkischen Schule bildete sich in einer Umgebung aus, die nichtsweniger als geeignet war, zu einer wissenschaftlichen Betrachtung alter Schriftdenkmäler aufzumuntern. Die Kultur des Mittelalters beschreibend, sagt ein neuerer Geschichtschreiber: ״Im zehnten und in der ersten Hälfte des eilften Jahrhunders wird die Unwissenheit vollständiger; in 150 Jahren zählt man nur 25 Schriftsteller, wovon die meisten werthlos sind. In diesen finstern Zeiten verlor sich fast selbst die Schreibekunde. Die vornehmsten Personen, die obersten Richter, konnten mitunter ihren Namen kaum schreiben. Die Bücher wurden immer seltener und verschwanden in einigen Gegenden ganz. Der Fleiß der Mönche im Abschreiben ersetzte nicht überall die Zerstörungen der Barbarei und die Verluste der Fahrlässigfeit. Auch schrieben die Mönche mit schlechter Auswahl ab und meist im Dienste der Hierarchie." Und wenn auch gerade in den Zeiten Naschi's eine schwache Morgendämmerung der Kultur begann, so war dieselbe eben nur schwach. Die Sprache der allenfalls gepflegten Wissenschaften, die lateinische, hatte für die Juden vermöge ihres christl.-kirchlich. Charakters nichts Anziehendes; die jüd. Gelehrten nahmen von lateinischen Büchern keine Notiz. Die Zeit der besonnenen und fleißigen Beobachtung war noch lange nicht gekommen. Nach all dem wird man sein Erstaunen mäßigen, wenn man erfährt, daß R. Jsak b. Eleazar Ha-Levi in Worms, Raschis Lehrer, einer der geachtetesten Talmndisten des eilften Jahr- Hunderts, sogar zu rathen wagte, daß der Fötus durch den Mastdarm abget)!1G)! Eine allerdings weit entfernte Analogie hierzu bildet, ein Bericht des russischen Arztes Bogren. Derselbe fand nämlich den Abgang der Knochen eines sieben Monate alten Fötus durch den Mastdarm bei einer 25 Jahre dauernden crtrauterinen Schwangerschaft mit völliger Genesung der Mutter 2. Eine ganz andere Stellung behauptet zur Joze- Dofan-Frage die maurische Schule, welche auf einer ohne Vergleich höhern Kulturstufe stand, als die germanofränkische, und die viele angesehene Aerzte zu den Ihrigen zählte. Ihr Vertreter auf dem Gebiete der Mischnaerklärung ist Maimonides. Derselbe vollendete sein Werk über die Mischna 1165, nach Anderen 1168 in Aegypten, und gestattete er sich in demselben znweilen, seinen Tert auf eine von der gemaristischen Auffassung abweichende Weise zu erläutern ^). Seine universelle Bildung bekundete er nicht nur in seinen

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