Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 37 (17.9.1866)
- Date
- 1866-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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661 662 Vereinigung wird aber immer an der gegenseitigen Antipathie der deutschen, polnischen, englischen und portugiesischen Juden und an der Divergenz der religiösen Anschauungen innerhalb der deutschen Gemeinden scheitern. Nach diesen allgemeinen Bemerkungen will ich den Lefern des ״Ben Chananja" die bedeutendsten der hier bestehenden Gemeinden einzeln vorstellen. Die älteste und zugleich eine der reichsten ist die portugiesische Gemeinde, genannt Sche'erith Jisrael. Sie wurde im Jahre 1729 gegründet und zählt gegenwärtig etwa 70 Familien, von denen aber kaum der vierte Theil wirklich portugiesischer Abkunft ist, die übrigen sind meistens Engländer. Die vor sechs Jahren neu erbaute Synagoge dieser Gemeinde befindet sich in der 19. Straße und ist ein prachtvolles Gebäude. Seit einigen Jahren ist die Gemeinde ohne geistliches Oberhaupt. Unter den vielen gebildeten Mitgliedern derselben verdient Herr Ad. Cardozo besonders erwähnt zu werden, der als einer der vorzüglichsten Jnristen eine sehr hervorragende Stellung ein-- nimmt und gegenwärtig eine der höchsten Stellen der Stadt New-Aork bekleidet. Die zwei englischen Gemeinden sind: die Gemeinde Bne Jeschurun, gegründet im Jahre 1825 und die Gemeinde Schaare Tephilla, gegrüdet 1846. Erstere hat voriges Jahr in der 34. Straße eine prachtvolle Synagoge gebaut und hat den Dr. Raphall, einen gebornen Schweden, zum Prediger. Derselbe war ehemals ein vorzüglicher englischer Kanzelreduer und erfreut sich eines allgemeinen Ansehens. Dieses hat aber einen großen Abbruch gelitten, nachdem er sich beim Beginn des letzten Krieges dazu hergegeben, in einer veröffentlichten Predigt die Sklaverei vom Standpunkte des Judenthums zu rechtfertigen. In einer dadurch mit anderen jüd. Theologen des Landes entstandenen Kontroverse hat er sich arge theologische Blößen gegeben. Seit zwei Jahren ist er wegen Altersschwäche sehr wenig auf der Kanzel wirksam. Die Gemeinde Schaare Tephilla, deren Gotteshaus sich in Broadway befindet, hat den Chasan M. Jzaki zum geistlichen Führer, der zugleich Redakteur des ״Jewish Messenger" ist, eines Wochenblattes, welches die orthodore Nichtung vertritt. Diese zwei englischen Gemeinden, welche meistens aus Polen, die früher in England gelebt, bestehen, wie auch die genannte portugiesische Gemeinde stehen in Bezug ans Kultus ganz auf orthodorem Standpunkte. In einem Lande, wo dem Juden als Juden kein Haar gekrümmt wird, wo Bekenner unseres Glaubens die höchsten Aemter bekleiden, und sogar Zutritt znm Präsidentenstuhl der Vereinigten State« haben können, wird doch ohne Bedenken: ראה כי היינו לעג וקלס בגוי□ נחשבנו כצאן לטבח יובל וכו, und dergleichen gebetet. Die einzige Konzession, die man dem Zeitgeiste gemacht, ist die Abstelltiug der Mizwothversteigerung, die Einführung des ChorgesangeS und die Herstellung einer gewissen Ordnung. Unter den deutschen Gemeinden gebührt der im Jahre 1845 gegründeten Tempelo. Immanuel-Gemeinde der Ehrenplatz sowol in Rücksicht auf den Neichthum und die Opfer- Willigkeit ihrer Mitglieder, als wegen der Musterwürdigkeit ihres Gottesdienstes und ihrer Anstalten. Rabbiner und Prediger der Gemeinde ist Dr. S. Adler. Das vom früheren Rabbiner Dr. Merzbacher abgefaßte und von dem gegenwärtigen verbesserte Gebetbuch ist größtentheilS hebräisch, nur bedeutend verkürzt, namentlich ist alles konsequent auSgeschieden, was sich auf den etwaigen Opferdienst, auf die Rückkehr nach Palästina und auf die leibliche Auferstehung bezieht. Der יו״ט שני, auch der des ראש השנה, ist abgestellt. Eine Trennung der Geschlechter findet in diesem Tempel, wie auch bereits in mehreren anderen Synagogen hiesiger Stadt, nicht Statt. Seit einigen Jahren ist auch die Entblößung des Hauptes beim Gottesdienste eingeführt. Die Gemeinde besitzt eine gute Religionsschule, welche von 300 Schülern besucht wird und hat aus eigenen Mitteln ein Seminar zur Heranbildung zeitgemäßer Rabbinen gegründet, welches aber bis jetzt aus Mangel an Zöglingen noch nicht seine Wirksamkeit begonnen hat. Vor Kurzem ist von'dieser Gemeinde der Neubau ihres Tempels beschlossen worden, der sehr prachtvoll zu werden verspricht, da die Kosten auf mehr als eine halbe Million Dollars veranschlagt sind. Als Beispiel von der Generosität dieser Gemeinde sei hier im Vorbeigehen erwähnt, daß sie im vorigen Monate ihrem Rabbiner ein Geschenk von 10,000 Dollars gemacht und außerdem aus freien Stücken seinen jährlichen Gehalt von 3500 auf 4000 Dollars erhöht hat. Durch ihren kühnen Fortschritt auf religiösem Gebiete und die dadurch bewirkte Zuströmung zu ihrem Tempel, wie durch das von diesem ausgehende belehrende Wort, hat diese Gemeinde auf die andern deutschen Gemeinden einen sehr wohlthuenden Einfluß ausgeübt, indem sie mehrere derselben aus ihrer Letargie geweckt und sie genöthigt hat, auch ihrerseits zur Hebung und Belebung ihres Gottesdienstes zeitgemäße Reformen einzuführen. Dieser Gemeinde steht in Bezug auf Kultusreform am nächsten: die erst vor drei Jahren gegründete zweite Tempelgemeinde Adath Jeschurun. Sie zählt bereits an 150 Familien und verspricht bei ihrer Strebsamkeit eine sehr bedeutende Gemeinde zu werben. Ihr im Bau begriffener Tempel wird nächstens vollendet sein. Vor Kurzem hat sie den Dr. Einhorn aus Philadelphia zu ihrem Rabbiner mit einem jährlichen Gehalte von 4000 Dollars gewählt. Bisher war das Gebetbuch Minhag Amerika von Dr. Wise in Gebrauch; mit der Wahl des Dr. Einhorn hat die Gemeinde aber zugleich dessen Gebetbuch eingeführt, welches vorwiegend deutsch ist. Prinzipiell besteht zwischen diesem Tempel und dem Immanuel-Tempel kein Unterschied, nur daß hier deutsch mit bedecktem und dort hebräisch mir entblößtem Haupte gebetet wird, weshalb Jemand die Bemerkung gemacht: ״in dem einen Tempel sitzt man wie Gojim und betet wie Juden , in dem ander» sitzt man wie Juden und betet wie Gojim." Von den übrigen deutschen Gemeinden ist besonders die Anshi-Chesed-Gemeinde zu nennen. Sie besteht seit 1830 und ist eine der größten Gemeinden Amerikas. Ihre Syna׳ goge, nach der Straße, in der sie sich befindet, gewöhnlich die Norfolksstreet-Synagoge genannt, ist ein schönes Gebäude im gothischen Style. Die Gemeinde zählt 300 Familien, 37 *