Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 36 (5.9.1866)
- Date
- 1866-09-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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WiimruM uiui uuiuiumiji Kirungr ju ״Kirn viijuuunju tiu. SV. lovv. Rede zum Eingänge des neuen Jahres 3626, gehalten in der Meisel-Zynagoge zu Prag von Ihr. Stein. ימי כצל נטוי ואני כעשב איבש ואחה ה" לעולם תשב וזכרך לדור ודור ״Dem wcitgcstreckten Schatten — Sind meine Tage gleich, — Wie Kraut, wenn es vertrocknet, — So werd' ich selber bleich. — Dn aber bist der Ew'ge, — Und trohnst in Ewigkeit, — Dein Denken ist und bleibet — Dasselbe jederzeit!" — Es muß ein Augenblick, wie der jetzige, gewesen sein, als diese Worte aus Ps. 102, 12. 13. gesprochen wurden, als dem heiligen Sänger Vieser große, erhabene Doppelgedanke durch die Seele blitzte. — Allabendlich zwar bemerken wir — nicht ohne gehetmes Grauen — die Schatten sich immer länger dehnen, sehen sie in die Arme der Alles verschlingenden Nacht eilen, und es beschleicht dann wol unsre Seele die Frage: Dieser Schatten da — bin ich das nicht selber? — diese lauernde Nacht — ist das nicht mein Grab? — Aber ein Tag wiegt den meisten Menschen — freilich mit Unrecht — nicht schwer genug in der Wagschale ihres Lebens, als daß die Bemerkung von seinem Verschwinden ernstes Nachdenken bei ihnen hervorriefe. Allein in der Scheidestunde eines Jahres — eines so großen, bemerklicheu Abschnittes in der Dauer unseres Daseins, — wenn wir da — wie in diesem Augenblicke — bas Tageslicht sinken, unsre langgestreckten Schatten der Dunkelheit eutgegenstürzen sehen; da drängt sich uns mit Macht der Gedanke auf: ימי כצל נטוי dieser Schatten — das sind meine Tage: mein Leben, mein Wirken, mein Andenken selbst wird gar bald beschattet und in der Vergessenheit Nacht begraben sein; — da lauschen wir gespaunten Ohres der Quelle unsres Lebens, und wenn wir gewahren, wie sie leiser und immer leiser rauscht, dem gänzlichen Versiegen sich nähernd — dann erkennen wir mit dem Psalmisten אני כעשב איבש daß ״wir einer Pflanze gleich verdorren." Blieben wir nun stehen bei der einen Seite dieses Gedankens, überließen wir uns dem büstern Gefühle unserer Vergänglichkeit und Hinfälligkeit, so würde . traurig unser Haupt sich senken, mukhloö unser Geist sich beugen, würden erschlafft unsre Arme sinken! — Trauer über verlorne Tage ohne Wiederkehr, Bedauern über Freuden, unbenutzt an uns vorübergegangen, Reue über Fehltritte, die nicht mehr gut zu machen, würden uns quälen, foltern, gänzlich zu Boden brücken. Das ist Vas Loos jedes Menschen, der sich mit dem Gegensätze der Vergänglichkeit nicht vertraut gemacht hat: sobald dieser seinen Abend sich nähern, die Schatten seiues leiblichen Lebens sich lang strecken sieht, verfällt er der dumpfen Trauer, den entsetzlichsteu Selbstqualen, der Verzweiflung. Nicht also der, dem die Erinnerung an das, was vergänglich, zugleich die Mahnung ist an das, was ewig. Kaum ist der heil. Sänger die Abnahme seiner Tage an dem sich dehnenden Schatten inue geworden, als auch sofort die beruhigende, trostreiche, die ermuthigende Lichtseite dieses Gedankens in ihm aufsteigt אתה ה׳ לעולם חשב ווכרך לדור ״ ודורDu aber bist der Ewige in Ewigkeit, das Denken an d i,ch überdauert jede Zeit". Damit ist sogleich alles Ängstliche und Beklemmende verscheucht, die Dunkelheit ist Licht geworden, die Trauer ist in Freude verwandelt. Wer das Ewige erfasst hat in seinem Denken, wer Gott empfindet in seinem Herzen, den schreckt nicht mehr der Tage Schwinden, den ängstigt nicht der Jahre Flucht, hoffend und vertrauend blickt sein Geist über das Veränderliche hinaus und findet Ruhe im Schoße dessen, der ewig bleibt der Unveränderliche!יה׳ ה׳ אל רחום והנו Darum Frieden, Frieden und ewiges Heil euch m. Br. u. Schw.! Im Heiligthume versammelt, auf das Ewige euer Denken gerichtet, mit Gott im Geiste vereinigt, auf den untrüglichen Hort eure Hoffnung, euer Vertrauen se, tzend — so stehet ihr vor Gott in der Schetdestunde eines Jahres. Der heilige Geist DawidS, des GotteSmannes, ist über euch gekommen, wohnt in euch und, wie er, wisset ihr die Vergänglichkeit eurer Tage mit der Ewigkeit Gottes in eine schöne, harmonische Verbindung zu bringen. Darum Frieden, Frieden euch und ewiges Heil! — Die Harmonie der Vergänglichket unsrer Tage und der Ewigkeit Gottes finden und empfinden wir in der Liebe. Ju der Liebe Seligkeit — Gilt Minute Ewigkeit, — Und der Ewigkeiten Glück — Fassest du als Augenblick. — Darum woll'n mit Liebesthat — Wir das Jahr beschließen — Auf der Liebe heil'geni Pfad — Neues Jahr begrüßen. Ja, m. Br. u. Schw., die Liebe hat euch hierhergeführt, die Sehnsucht im liebenden Vereine euch anzuschließen der Gemeinde Gottes, unsre heilige Religion der Liebe hat euch getrieben, euch zu diesem Abende vorzubereiten, durch Werke der Liebe; am heutigen letzten Tage des Jahres habt ihr es euch besonders angelegen sein lassen jedes traurige Gemüth zu erheitern, jeden Schmerz, den ihr gewahrter, zu lindern, jede Noth, die ihr sähet zu erleichtern, die Hungrigen zu sättigen, die Entblößten zu bekleiden, zur Wittwe zu sprechen: Du sollst nicht verlassen sein, und zur Waise: Du sollst den Vater und die Mutter nicht vermissen. — Der durch das Jahresende sich euch aufdrängende Gedanke, baß euer Leben kurz sei, sollte alles Schmerzliche, alles Bittre verlieren durch den Beweis, daß eS gut sei. Wer kann sich »och betrüben über seines LebenS Winzigkeit, wenn diese aufgehoben wird durch seine Wichtigkeit? Kann es uns erschrecken, daß unsrer Tage so wenige sind, wenn der gnten Thaten, die darin verrichtet wurden, so viele sind? — Gutes thun, Liebe üben ist das Ziel unsres Hierseins, dieses Ziel zu erreichen, muß unsere einzige Sorge sein, wie vielmal wir es erreichen, darf uns nicht ängstigen, das mögen wir ruhig Dem anheimgeben: ״in dessen Buch alle Tage geschrieben waren, die unS werden sollen, bevor noch einer derselben war." (Ps. 139, 16.) O wie trostreich ist das Gefühl der Liebe, der göttlichen, wie der menschlichen Liebe, bei Wahrnehmung der Kürze unsrer Lebensdauer! — Und wie sehr bedurften wir im abgelaufenen Jahre dieses beseligenden Trostes! Gar viele von denen, die wir kannten und liebten und die wir von des Morgens lieblichem Frühroth angelächelt, von des Mittags Hellem Sonnenscheine beschienen wähnten, sahen wir plötzlich vom Schatten des Abends überfallen, der Nacht des Todes entgegengeführt! — Wohl uns, wenn wir sagen können: W i r h a b e n si e g e l i e b t w i e u n s s e l b st, wir haben für sie gethan, was die Liebe z» thnn vermochte, wir haben sie genöthigt an Liebe zu glauben, sie haben durch uns Liebe empfunden, und das hat sie ansgesöhnt mit der Kürze ihres Lebens, daß sie in sich selbst befriedigt ausriefen: Wir haben genug gelebt, denn wir wurden geliebt! — Ja wohl, Mancher ist hier unter uns, über den es plötzlich dunkelte, der den Schatten seines Lebens nach dem Grabe hin sich ausdehnen zu sehen glaubte — da erfasste er in seinem Geiste das göttliche Gebot: ״Du sollst lte-- den den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mir deinem ganzen Vermögen" — und eS wnrde desto lichter vor seinem Getsteöauge, je düstrer es vor seinem leiblichen wurde.