Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 34 (22.8.1866)
- Date
- 1866-08-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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615 616 die Sie mit Ihrem Hasse und Ihrer Verachtung verfolgen. Die Menschlichkeit, wie die Religion und die Filosofie erheden sich gegen diese sich verewigende barbarische Ueberlieferung. Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, alle Menschen sind gleich vor Ihm; warum trennen Sie, meine Herren, Sein Werk in zwei Theilc? Warum geben Sie dem Einen das Recht, die Freiheit, die Welt, dem Andern die Sklaverei, die Knechtschaft, die Wegwerfung? Was siud Sie denn mehr, als wir? Worauf gründet sich diese Unterscheidung? Gott verlieh dem Antlitz des Menschen seine göttliche Erleuchtung; verlieh Er sie nur den Christen? Sind die Juden nicht Ihnen gleich? Die Juden! Nur daß sie viertausend Jahre bereits bestanden haben, als die Christen erschienen! Ihre Religion ist die unsere, nur daß die unsere um viertausend Jahre älter ist! Und welche Religion haben wir? Wir beten einen einzigen Gott an, wie Sie; was die Meujchheit anbelangt, glaube» wir an eine Abstammung, wie Sie, und die Bibel ist unser heiliges Buch, wie sie das Ihrige ist. Und empöreu sich nicht all die menschlichen Gefühle, die Ihre Herzen durchdringen, wenn Sie Menschen mit so viel Haß behandelt sehen, welche ebenso von der göttlichen Flamme beleb! sind, wie Sie, und die der ganzen Welt die herrliche Lehre gezeigt und verkündet haben: ״Ein einziger Gott, Ein Vater für alle Menschen!" Richten Sie, meine Herren, Ihre Blicke auf das ungeheure Ereigniß, das sich vor Kurzem zmrng. Inmitten Ver Menschen besteht eine herabgekommene entartete Rare, die durch eine geisttödtende Sklaverei vernichtet wurde. Es scheint sogar, daß ihr Antlitz die den Menschen auSzeichnende göttliche Flamme, den göttlichen Charakter verlor: ich spreche von den Negern. Sie gehörten,, ich weiß nicht zu welcher niedersten Kategorie; man machte aus ihnen niedrige Sklaven, Lastthiere. In unseren Kolonien sah mau sie nicht für Menschen au, sie erschienen nackt vor jungen Mädchen, deren Schamhaftigkeit gar nicht berührt wurde: der Neger war ja kein Mensch! Ach, verzeihen Sie, meine Herren, die Neger waren Menschen wie Sie, Menschen, wie wir, und die grausamste, die fürchterlichste Strafe hat die Verachtung des göttlichen Geschöpfes getroffen. Man gibt ihnen endlich die bürgerliche und politische Emanzipation; und wie haben sie dieselbe ausgenommen? mit Finthen menschlichen Blutes, indem sie mehr als zweimalhuuderttausend Weiße erwürgten, Kinder desselben Bodens! Welch ein Anblick! Die Neger sind nunmehr frei in den Vereinigten Staten und was die Neger nach einem so fürchterlichen Mißgeschick erhalten haben, das versagen Sie den Juden!" ״Merken Sie auf, meine Herren! In Frankreich, in unserem theuern Vaterlande, verkündete unsere große Revolutivn vom Jahre 1848 die Gleichheit zwischen den Weißen und den Schwarzen, sie erklärt sie für Brüder, sie sprach zu ihnen: ״Gott hat euch erschaffen, wir beleben euch wieder", und die Neger in allen unseren französischen Besitzungen sind aus der Sklaverei zur Freiheit übergegangen. Wollen Sie em Wort hören, das Ihre Herzen ergreifen wirb? Das Dekret, das die Neger gleichgestellt, sie für Brüder ver Weißen erklärt hat, dieses Dekret wurde von einem französischen Juden gezeichnet und proklamirt; ein französischer Jude war es, der die Neger emanzipirte und dieser Jude, Mitglied der provisorischen Negierung, spricht heute zu Ihnen und fl e he t S i e fü r d i e I u d e n R u mä n i e n s u m b a s a n, w a s e r fü r d i e N e g e r d e r französischen Kolonien mit so vielem Vergnügen gethan hat." Hier wurde ich von Beifallsrufen unterbrochen und Herr Rosetti ergriff das Wort und sprach: ״Herr Crsmieur! Sie sind für uns kein Unbekannter; die Rolle, die Sie in der 1848er Regierung gespielt haben, in der Revolution, der wir die unserige verdankt haben, Ihre Proklamationen und Ihre Handlungen sind hier bekannt. Sie sehen die Sympathieen, die Sie einflößen. Hoffen wir, daß die Majorität der Kammer sie theileu wird. Wir haben in das Projekt der Konstitution diese kostbare Gleichheit der Menschen aufgenommen, die Brüderlichkeit, die Sie mit vollem Rechte rühmen. An uns wird es nicht fehlen, daß sie proklamirt werde." Die Sitzung, denn eine Sitzung war es wol, wurde auf einen Augenblick suspendirl. Dann verlangte ich eine gegnerische Ansicht, damit ich sic widerlegen könne. Ein Deputirter, Herr M a u r o c o r d a t o, sprach zu mir: ״Mein Herr, nehmen Sie dies nicht für eine persönliche Meinung, meine Stimme wirb für'Sie sprechen. Das Vorurtheil der Christeu gegen die Juden ist groß, ohne Zweifel; aber man bittet mich, Ihnen zu sagen, daß die Juden gegen die Christeu noch viel lebhaftere Gefühle des Hasses, hegen und daß diese einer jeden Annäherung als ein unüberwindliches Hinberniß gegenüberstehen." Ich ergriff das Wort: ״Die Einwendung scheint ernstlich zu sein, ist aber nur scheinbar und verschwindet vor den heute bestehenden Thatsachen. Lassen Sie mich aber zuvörderst sagen, daß der Haß der Juden gegen die Christen sehr gerechtfertigt wäre. So viel Verfolgungen, so viel Verheerungen, um ein Verbrechen zu rächen, bas die Verfolgten gar nicht verstehen, geben eine viel zu große Entschuldigung, als daß man auf den Vorwurf noch bestehen könnte. Aber meine Antwort wird entscheidend sein. Sie siud es, die die Juden dazu gemacht haben, was sie sind. Reichen Sie ihnen die Hand und und Sie werden mit einer merkwürdigen Schnelligkeit die Trenuungslinie schwinden sehen, welche Sie zerklüftet. Der Beweis hiefür springt überall in die Augen. Betrachten Sie die Inden in allen Ländern, wo sie ihren andersgläubigen Mitbürgern gleichgestellt sind. Ist bei denselben jenes häßliche Vorurtheil gegen die Christen aufzufindeu, von dem Sie sprechen? Keine Spur! Und doch war es in Belgien und in Holland, in England und in Frankreich, überall war es vorhanden und ebenso lebhaft wie in Rumänien, weil dort, wie hier, Verfolgung und Verachtung geherrscht haben. Es war m den ersten Jahren des jetzigen Jahrhunderts noch vorhanden und meine Kindheit, die die Wirkungen desselben noch gesehen, ließ in mir die schmerzlichste Erinuerung zurück.