Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 34 (22.8.1866)
- Date
- 1866-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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611 612 Rumänien empfiehlt sich unfern französischen Sympathieen durch seine Zuneigung, oder vielmehr durch seine Verehrung für Frankreich. Allenthalben wird Frankreich nachgeahmt. Eine große Anzahl Rumänen studirten, viele stndiren noch in diesem Augenblicke in Air, Montpellier, Grenoble, Straßburg, Paris: Jurisprudenz, Medizin, Filosofie; ihre Diplome sind französisch, und sie sind stolz darauf. Im Uebrigen sind die Rumänen, Reiche und Arme, Aristokraten und Plebejer, Uuionisten und Separatisten tapfere Leute, und könnten leicht eine gute Armee von 25 bis 30.000 Manu bilden. Bei allen Rumänen herrscht eine tiefwurzelude Liebe zum Vaterlande. Unglücklicher Weise erregt aber dieses schöne Gefühl bei ihnen die Zurückstoßung, den Haß der Fremden in dem Maße, daß sie sich nicht mit dem Gedanken befreunden können, Fremde zum Besitze von Grund und Boden zuzulassen; sie fühlen gegen dieselben ein unglaubliches, übrigens bei den orientalischen Völkern allgemein verbreitetes Mißtrauen. Die fremde Race, sagen sie, würde, wenn sie in ihr Land zugelassen wird, eines Tages die rumänische vernichten oder endlich dieselbe beherrschen. In ihren Augen sind die Inden Fremde, selbst diesenigen, welche durch mehrere Generationen von Aeltern abstammen, die auf rumänischer Erde geboren wurden. Die Juden sind für sie zu gleicher Zeit Feinde durch ihre Religion, Fremde durch ihre Abstammung. Religiöse Feinde, sie haben Christus gekreuzigt; Fremde, sie würden aus Rumä» nien ein Palästina, ans Bukarest ein neues Jerusalem machen! Das Vorurtheil gegen dieselben ist so groß, daß ein Kandidat auf einen erledigten Platz in der konstitnirenden Versammlung in seinem gedruckten GlaubenSbekenntniß, das ich in Händen habe, sich geradezu verpflichtete, gegen jeden, den Hebräern günstigen, Antrag zu stimmen. Dieser Hebräer, mein lieber Havin, gibt es in Numäuien viermalhunderttansend. Es sind unter ihnen reiche Familien, manche wohlhabende Leute; doch der größte Theil lebt von seiner Arbeit. Sie üben Handwerke allerlei Art, sind geschickt in allen Gewerben: Maurer, Schreiner, Schnster, Klempner, Kunsttischler, Schneider, Schlosser; kein Handwerk ist ihnen fremd. Die Rumänen lieben, sowie alle Bewohner warmer Länder, -den Müssiggang; die rumänischen Juden kennen das Müssiggehen nicht; rührige, verständige, arbeitsame und sparsame Leute, sind sie es zumeist, die die Arbeit des Tages versehen. Unter den Neichen gibt es BauquierS, Geldleiher, aber letztere sind in Rumänien unter den Bekennen! jeder Neligion zu finden. Der Wucher ist bei den Inden nicht gewöhnlicher, als bei den Christen. Der erste Vorsitzende der Nechuuugskammer, der Präsident der konstitnirenden Versammlnng, ja die Familie des John Ghika selbst, welcher gegenwärtig Präsident des Statsraths und Minister deö Innern ist, gaben mir gewisse, sie selbst betreffende Thatsachen zu erkennen, welche für die israelitischen Vanqniers höchst ehrenvoll sind. Als ick in Bukarest ankam, stellte das Ministerium, das zur Zeit regierte, folgenden herrlichen Vorzug dar: Am Morgen nach einer Revolution oder vielmehr nach mehreren Revo- ן lutionen waren sämmtliche Minister anerkannte Ehrenmänner. Der ״Moniteur" berichtete uns vor einigen Tagen die Ersetzung BratianoS, des Finanzministerö, die RosettiS, des Kultusministers und die des Ministers deS Innern. Bratiano und Rosetti, erprobte Patrioten, vertraten das zumeist vor. geschrittene Element. Elfterer, obwol Republikaner, hatte dennoch nicht gezögert, sich zum erwählten Fürsten zu begeben, den er auf seiner sonderbaren Reise begleitet und bis in seine State!! geführt hat. Ihr Rücktritt wird gewiß öffentlich bedauert. Ich hatte nicht Gelegenheit, den Minister des Innern, den heute John Ghika ersetzt, kennen zu lernen, aber die öffentliche Meinung war ihm einstimmig günstig. Ich weiß nichts über den neuen Kultusminister; er benöthigt Muth, Festigkeit und liberale Ideen. Ich hörte über den neuen Finanzmiuister wie über einen Mann von wahrem Verdienste sprechen. Was John Ghika betrifft, der zum Minister des Innern und Präsidenten des Statsraths berufen worden, ist seine Wahl eine vorzügliche zu nennen. Ein geschickter und vielerfahrener Diplomat, hat er die Mission, mit der er betraut worden, den Fürsten von der Türkei anerkennen zu lassen, glücklich vollführt: er hat von seinem Lande außerordentlich genaue Kenntniß, hat ein Ministerium bereits geleitet und die wichtigsten Aemter bekleidet. Die Ministerien der Justiz, der öffentlichen Arbeiten, des Krieges in den Händen eines Cantacuzene Stourdza und des Fürsten Johann Ghika, die äußeren Angelegenheiten einem Stirbey anvertraut, das ist ein Ministerrath, der dauerhafte Bürgschaft bietet. Am allerwenigsten dürfte der Fürst, der soeben die der liberalen Sache ergebensten Männer beseitigt, einen Rückschritt thun. Ich sah ihn erfüllt von den edelsten Gefühlen: ״Ich weiß nicht, sagte er mir eines Tages, was meiner wartet. Durch einstimmige und unerwartete Wahl zur Negierung dieses Landes berufen, schulde ich mein ganzes Leben als Ersatz für diese Berufung. Werde ich wol anerkannt werden? Was ich an Kraft und Hingebung besitze, ich will es meiner neuen Heimat widmen. Werden'die Türken uns überfallen wollen? Ich werde das Schwert in die Hand nehmen, mich an die Spitze unserer Tapfer!! stellen und wenn ich auf dem Ehren- Platze unterliege, wird meine Jugend doch nicht ohne Ruhm geendet haben." Er ist siebennndzwanzig Jahre alt, seine Erziehung ist eine liberale, er ist in guter Umgebung; hoffen wir, daß er seine Aufgabe lösen werde. Die Kammer war eine konstituirende Versammlung, an deren Stelle die durch sie votirte Verfassung aus der Wahl hervorgegangene Kammern setzt; sie lebt gegenwärtig nur noch in der Erinnerung, ihre Auflösung ist, wenn noch nicht erfolgt, doch bevorstehend. Sie umschloß viele Elemente, aber die Majorität schien mir über Vorurtheile und retrograde Prinzipien erhaben. Ich hatte eine Zusammenkunft mit Herrn Empcria, ihrem Präsidenten. Er ist ein Moldauer, ein Mann von. Herz, von soliden Kenntnissen und erprobtem Patriotismus. Er sagte mir: ״Wir sind es, mein Herr, wir Aristokraten,