Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 31 (1.8.1866)
- Date
- 1866-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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563 564 Die ungarischen Journale brachten hierüber keine Originalkorrespondenz; nur durch den ״Pester Lloyd" wurde die Kunde davon verbreitet. Die Herren Einsender des vorliegenden Artikels setzen voraus, daß eS ein jüdischer Korrespondent war, der den ״Lloyd" von diesen Vorgängen unterrichtet hat, und sie dürften hierin nicht Unrecht haben. Mit Unrecht imputiren sie aber die Urheberschaft der ihnen mißliebigen, und auch uns überflüssig scheinenden Mittheilang den gesammlen Juden in Baja, die schwerlich Kenntiß davon hatten, bevor sie dieselbe im ״Lloyd" lasen. Auch die Ironie scheint uns nicht am rechten Platze zu sein, mit welcher der fragliche Artikel das Verlangen der Juden in Baja nach einer Bürgerwehr bespricht: ein Verlangen, das einer, wenn auch zu ängstlichen, doch gewiß leicht erklärlichen Besorgniß seinen Ursprung verdankt. Am meisten befremdete uns aber der Schluß des Artikels, der folgendermaßen lautet: ״Im Interesse der Wahrheit wollten wir 'ganz ruhig nur so viel jenen nuferen wackeren Mitbürgern sagen, deren Patriotismus sich bei uns nur dadurch kundzugeben scheint, daß sie mit Uebergehung fast aller ungarischen Blätter den ״Pester Lloyd" in den meisten Eremplaren kommen lassen." Ich muß gestehen, daß ich mich nicht erinnere, jemals einen seltsamern Vorwurf gelesen zu haben. Da die wackeren Bürger Baja's das ״Pesti Naplo" zum Organe ihrer Kundgebung gewählt haben, so bekennen sie sich ohne Zweifel zu der politischen Richtung, deren Organ das ״Pefti Naplo" ist. Nun aber vertritt der ״Pester Lloyd" bekanntermaßen so entschieden dieselbe Richtung, daß die politischen Gegner desselben ihn den Schleppträger des ״PestiNaplö" nennen. Wie es daher thöricht wäre, an dem Patritotismus der Herren Einsender zn zweifeln, -weil sie mit dem ״Pesti Naplo" sympathisiren; ebenso thöricht ist es, an dem Patriotismns der Bajaer Juden zu zweifeln, weil sie ihre entschiedene Sympathie für den ״Pester Lloyd" an den Tag legen. Von patriotischem und politischem Standpunkte ist das ״Naplo" nichts anderes, als ein ungarischer ״Lloyd", und der ״Lloyd" kaum etwas Anderes, als ein deutsches ״Naplo", nur daß derselbe nicht selten auch das enschiedenere ״Hon" zu Worte kommen läßt. Die christlichen Freunde des ״Naplo" und die jüdischen Freunde des ״Lloyd" in Baja sollten sich also von dem dreifachen Bande des gemeinsamen Vaterlandes, der gemeinsamen Vaterstadt und der gleichen politischen Gesinnung umschlungen fühlen, und eine dreifache Schnur wird nicht so schnell zerrissen (Pred. Sal. 4, 12)! ״Das ״Naplo" erscheint aber in ungarischer, der ״Lloyd" hingegen in deutscher Sprache!" — Unleugbar. Mau darf aber nicht vergessen, daß hier nicht die Sprache den Ausschlag gibt. Denn gäbe si e den Ausschlag, so wäre es unerklärlich, wie es komme, daß in Ungarn nicht leicht ein Kasino zu finden ist, wo der ״Lloyd" nicht gelesen wird, während viele Kasino-Vereine den in ungarischer Sprache erscheinenden ״Pesti Hirnök", und noch mehrere den ebenfalls in ungarischer Sprache erscheinenden ״Jdök Tanuja" standhaft ansschließen! Die ungarischen Journale besitzen also vor der öffentliche» Meinung in Ungarn durchaus kein Patriotisches Monopol. Ebenso ist die Fertigkeit im ungarischen Ausdrucke kein Grademesser des ungarischen Patriotismus unter den ungarischen Beamten der Bach'schen Epoche gab es bekanntlich Viele, die die Sprache ^rpädö und der Hunyadi's mit wahrer Eleganz handhabten, ohne daß sie dies abgehalten hätte, ihrem gewiß nicht patriotischen Berufe allen Eifers zu leben. Der Schulrath und Szathmärer Bischof Michael Haas sprach und schrieb vortrefflich ungarisch!! Den Herren Einsendern in Baja wäre es wol kaum in den Sinn gekommen, sich darum zu kümmern, welche Journale die dortigen Juden lesen, wenn ihnen nicht ungarische Journalisten hierin mit ihrem Beispiele vorangegangen wären. Manche dieser Herren überwachen nicht nur die zeitschriftliche Lektüre der Juden, sondern auch den Theaterbesuch der Jüdinnen. Wie wird eine solche Ueberwachung zu beur-!heilen sein? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Matthias Korvin wird von dem einheimischen Geschichtschreiber Michael Horvath als der größte König seiner Nation und seiner Zeit bezeichnet. Aber schon vor ihm nannte ihn Johannes v. Müller ״einen König, dem keiner seiner Zeit an Weisheit und Glück gleichkam (24 Bücher allgem. Gesch. S. 539)." Schlosser gibt ihm das Zeugniß, daß er ״durch den Schutz , welchen er den freien Künsten und der wiederauflebenden klassischen Literatur angedeihen ließ, mit den glänzendsten Fürsten Italiens wetteiferte (Gesch. 10, 212) " )Lrokdem wurde ihm der Vorwurf gemacht, daß er dem Mti onalen Elemente nicht die gebührende Rechnung trug. Stefan Horvath (gest. 1846) nahm ihn 1815 gegen dieseWejKuldigung in Schutz, und Ladislaus Szalay beleuc^^ die nationale Wirksamkeit des großen Königs von geschichtlichem und statsMännischem Standpunkte (äla^arorsr. tört&iete 3, 349 ff.). Ich bitte die jungen Journalisten, diese klassische Beleuchtung genau und gründlich zu studiren; sie werden dadurch hoffentlich zu der Einsicht gelangen, daß ihre auf die Zeitungslektüre der Juden und den Theaterbesuch der Jüdinnen bezüglicher Polemik nicht patriotisch, sondern — kindisch ist. Es gab eine Zeit, — und Szalay zieht die Richtung dieser Zeit mit in Erwägung, — wo den übertreibenden Expektorationen der ״Augsburger Allgemeinen Zeitung" über den Sprachzwang in Ungarn an manchen Orten unseres Vaterlandes willkommenes Material geliefert wurde. Diese Zeit ist Gottlob vorüber. Finden es die Herren opportun, sie wieder heraufzubeschwören? Wenn die Inden in ganz Ungarn, auch in Gegenden, wo die ungarische Sprache nicht die herrschende ist, beflissen sind, ihren Kindern die Kenntniß dieser Sprache beibriugen zu lassen; so verlangen sie dafür keinen Dank, keine Anerkennung. Die diplomatische Sprache des Vaterlandes soll jedem Bürger geläufig sein. Wenn die Nationalisirung der Juden in ungarischen Gegenden mit Riesenschritten fortschreitct, so geschieht dies in Folge der verbesserten sozialen Stellung der Juden. Aufgeklärte Christen ergreifen die Initiative zu dieser Ver-