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Ben Chananja · 1866-07-11 · 28 (11.7.1866) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
28 (11.7.1866)
Date
1866-07-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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515 seiner Zeit das Werl des Konsistoriums in Ihren Schriften gewürdigt zu sehen. Genehmigen Sie, Herr Rabbiner, die Versicherung unserer hohen Wertschätzung. Die Mitglieder des Konsistoriums von Paris: G. v. Rothschild; Gustav Halfen; Michael Alcan; Adolf Israel; Isidor, Großrabbiner; I. Kahn, Sekretär der Kousistorial-Berwaltung. Das verMgfiche Md das ״ ' tn131töeutfjuiuc. Bruchstück ans einer Vorlesung von Robb. Dr. H. Jolowicz. Das Judenthum der Gegenwart ist mit seinen vielfach, gearteten Brauchen und Formen das geschichtliche Nesnltat des durch den Profetismns, TalmudiSmuS, Nabbinismus und zum Theil auch KabbalismuS sich entwickelnden Mosaismuö, wie er uns in den biblischen Schriften überliefert worden ist. Es ist somit das Judenthum in seiner jetzigen Gestaltung ein vollkommen berechtigtes, und seine verschiedenen Bräuche und Formen sind der sinnliche Ausdruck des vielgeftalteten religiösen Bewußtseins seiner Bekenner. DaS Judenthum ist demnach weder als bloße Neligivn des Geistes, noch als bloße Religion der That zu begreifen, sondern Geist und That ergänzen sich insoferne, als die Thal der sinnliche Ausdruck des Geistes, das ist des religiösen BewußtscinS, ist. Das religiöse Bewußtsein aber, dieses Erzeuguiß der reinen Erkenntniß der Urwahrheit, welche aus dem Geiste des geoffenbarten Schriftwortes so hell hervorleuchtet, knüpft an überlieferte geschichtliche Thatsachen an und gibt ihnen einen sinnlichen Ausdruck in Handlungen, die, weil dem jeweiligen Bewußtsein entsprechend, und dieses wiederum zu weiterer Entwicklung anregend und wachrufend, zu festen Gebräuchen sich gestalten. Die Gebräuche tragen aber wieder andererseits den Charakter der Veräu d erlich ke i t an sich, weil sie der fortschreitenden Erkenntniß entsprechend, mit dieser gleichen Schritt in der Vervollkommnung, Ausbildung und Veredlung ihrer Form halten. Daraus folgt, daß den Gebräuchen des Judeuthumö, als Vermittlern und Versinnlichern des religiösen Bewußtseins, ein Moment des Ewigdauernden innewohne, nicht aber ihren Formen, die durchweg vergänglichen und transitorischen Charakters sind. Sie müssen sich stets und überall dem. geistig entwickelten Standpunkte derer anpassen, denen sie durch eine Zeremonie einen religiösen Gedanken vermitteln und in Erinnerung bringen wollen. Belege für die Wahrheit des Gesagten bietet die Geschichte des Judenthums zu Hunderten, und keiner, der nur irgendwie mit dem Entwicklungsgänge des jüdischen Zeremonialwesens bekannt ist, kann und wird es in Abrede zu stellen wagen, daß die äußere Form des Judenthumö t hatsächlich eine andere war unmittelbar nach der Gesetzgebung am Sinai, eine andere zur Nichterzeit, eine andere 516 unter der Wirksamkeit der Profeten, wieder eine andere nach der Rückkehr aus Babylon; eine andere zur Zeit der Mischna- und Talmudlehrer, eine andere im finstern Mittelalter und eine davon verschiedene in neuerer Zeit. Nicht nur sind im Verlaufe dieser Jahrtausende, in den genannten Zeitabschnikten, blos die Forme» der Gebräuche verändert worden, nein, die Gebräuche selbst sind, bald stillschweigend, bald auögesprochenermaßen aufgehoben, abgeschafft, und neue zeitgemäßere an ihre Stelle, und natürlich, wieder mit transilorischem Charakter eingeführt worden. Und es waren nickt etwa nur die von Moses auf Gottes Geheiß gefertigte eherne Schlange (4. Mos. 21, 8. 9.), der Opfergottesdienst mir seinem levitischen Priesterthum und den damit auf's innigste verschmolzenen Heiligkeit- und Reinigungsgebräuchen, das Kalendersvstem u. dgl. und die auf den untergegangenen palästinensischen Gottcsstat bezüglichen Institutionen, welche das Schicksal der Beseitigung getroffen; nein, auch in den Rei- Heu anderer religiöser Bräuche, die nicht mit dem Tempelkalte oder der politischen Nationalcristenz der Juden, znsammenhingen, trat diese Erscheinung augenfällig zu Tage, und sie beweist besser, deutlicher und überzeugender, als alle filososische Erklärung es vermöchte, daß Veränderlichkeit das eigentliche Wesen siimmtlichcr. Gebräuche sei. So hat sich z. B. der alte schriftmäßige Brauch des Tragens von Schaufädeu mit einem himmelblauen Faden an den Ecken der Kleider in ein freiwilliges Anlegen eines Gebetmantels mit weißen wollenen Schaufädeu an den vier Ecken verwandelt, und die alten biblischen Formen der Eheschließung und Ehescheidung haben neuen Platz gemacht. Hieraus, wie aus dem Umstande, daß fast alle biblischen Gebräuche im Laufe der Zeit eine Umgestaltung erfahren haben, wird jedem Verständigen klar und deutlich, daß die Gebräuche in ihren Formen sich jedesmal nach dem Standpunkte und Bedürfnisse des religiösen Bewußtseins derer gestalten und umwandeln, denen sie als Erinnerungszeichen oder Erweckungsmittel dienen sollen. Die Verkennung dieser nothwendigen Wandelbarkeit der Form der Gebräuche und das Festhalten und Vertheidigcn der starren alten Gestaltungen hat dazu geführt, das Wesen deö Judenthums in seinem religiösen und welthistorischen Charakter zu verdunkeln, und dem Bewußtsein eines sehr großen Theiles seiner gegenwärtigen Bekenner zu entfremden. Denn dem durch die Kultur unseres Jahrhunderts fortgebildeten und erweiterten Bewußtsein ist die veraltete zeremonielle Form ein fremder, unverständlicher Ansdruck des jüdisch-religiösen und weltgeschichtlichen Gedankens, ein Ausdruck, der erst durch Uebertragung, zuweilen durch archäologische Erläuterung ausgehellt werden muß, um verstanden zu werden. Dadurch wird das ganze Jndeuthum entweder nur äußeres Bekenutniß und bildet Heuchler, oder es wird Sache deö Wissens und seine Bekenner verlieren das spezifisch jüdisch-religiöse und weltgeschichtliche Bewußtsein ihrer Lebensaufgabe, oder, was bei der großen Masse meistens der Fall ist, es wird Nährerin überschwenglicher Empfindungen, und seine Bekenner werden Tngendstolze. 39280892

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