Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 27 (3.7.1866)
- Date
- 1866-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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501 502 der heilige» Schrift und namentlich denen des Talmud und Midrasch nicht thun dürfen? ׳׳ Andererseits rechtfertigt sich dieses wiederum zum Theile durch die PrariS, indem gerade die hervorragendsten Kanzelredner unserer Zeit ihrer Exegese die Richtung zu geben verstehen, die den Charakter ihrer Predigten ausmacht. So tragt die Kanzeleregese des in seiner Art unübertroffenen Jellinek daS Kolorit der Zeit,^die meines Lehrers Joel nach dem' antiken Vorbilde eines Saadja und Maimunis den Stempel religionsfilosofischer Reflerion, die des. .seligen Mannheimer hat einen bis in die Tiefe der Seele bringenden vvlksthümlichen Ton und die des fel. Sachs ein echt poetisches Aroma je nach der Natur ihrer Kanzelvorträge; denn die Predigt Joels ist ein Hauptwort, die Jellineks ein Zeitwort, die Mannheimers und Sachs, auf welche beide sel. Verklärte sich die Worte eines arabischen Trauerdichters der Vorzeit anwenden lassen: ״wakad walu wallath aldunja alaj athrihim“ ״und als sie verschieden, zerstob mit ihnen eine ganze (homiletische) Welt" ist, jene ein inniges, diese ein erhabenes C in p t i n d n u g s w o r t. Ich sage, wenn auch dieser Art zu eregesiren auf der Kanzel zum Theile berechtigte Stellung zuerkannl werden mag, so muß doch'zugegeben werden, daß die Kanzel eine weit höher liegende Aufgabe hat, wird sie als die Stätte betrachtet, wo der echte Volks- und Tugendlehrer lehrend seiner Gemeinde gegenübersteht, sich nicht mit Eindrücken begnügt, sondern tief eingreifend in das Geistes- und Gemüthsleben derselben in stetem, klarem Hinblick auf die von der Gegenwart bedingten Verhältnisse., auf die Denk- und Gesinnungsweise seiner Gemeinde bildend und gestaltend wirket, und gilt sie nicht, dem Redner als der Ort, wo er Gelegenheit findet, mit allem Aufwande von Putz, Prunk und Flitterglanz sich der unwissenden Menge zur Schau zu stellen, nicht um sie zu befriedigen, sondern nur um sie zu blenden, wo anstatt des klaren Gedankens, der lautern Empfindung,.die,bestimmt, wie'sie 'sind, sich geben, der Redner Bilder und Szenerien entrollt, die auf Wahrheit und Täuschung beruhen, Blumenstaub hin und her streut, deffen Duft mehr betäubt als belebet. Die Kanzel nimmt erst dann eine würdige Stellung im jüdischen Gotteshause ein, wenn sie vorwiegend die Stätte der Lehre ist, die allerdings um so zugänglicher gemacht werden kann, je mehr es der betreffende Volkslehrer versteht, dieselbe in eine schmiegsame Hülle zu kleiden. Was aber belehrend wirken soll, muß auf, einer wahren prinzipiell gewvnnenen Grundlage ruhen, darf sich nicht ausschließlich von subjektiver Verstandesthat leiten lassen, sondern muß auf objektiv giltigen Ergebnissen sich erheben, mit einem Worte wissenschaftlich sein. Soll die Predigt auf der einen Seite sich nicht zu salbungsvoller Gedankenlosigkeit und pastoraler Einseitigkeit verflachen, auf der andern aber nicht zu einem allerdings von einem gewissen religiösen Dufte umwehten, im Großen und Ganzen aber willkürlichen Gedankenspiele entarten, so muß die Eregese mit in den Bereich derselben gezogen werden und diese darf wiederum ihrerseits einer wissenschaftlicheu Basis nicht entrathen. Es darf in unserer Zeit mehr keinen Unterschied geben zwischen פשט und דרוש wie die Alten sich ausdrückten, zwischen regelrechter Schrifterkläruug und freierer, zumeist nur bei öffentlichen Vorträgen angewandten Schriftauslegung; die Kanzeleregese soll und muß vielmehr wissenschaftlich sein. Auf Wissenschaftlichkeit aber hat nur jene Auslegung Anspruch, die, um mit dem Realstlosofen Baco von Verulam zu reden, nach der Jnduktionsmetyode verfährt, von bestimmten auf dem Wege positiver Erfahrung gewonnenen Prinzipien aus an den Tert herangeht, um ihm einen mit dem Inhalt des Ganzen übereiustlinmenden Sinn abzulanschen; aber nicht umgekehrt prionstische Gevankengebilde in den Tert hineinträgt, von welchem Fehler sich die Mendelssohn'sche Schule und die bis in unsere Zeit hineinragknden Epigonen derselden nicht frei zu machen vermögen, während christliche Eregeleit auf der andern Seite wol der Methode nach wissenschaftlich' zu Werke gehen, mit dem Terte aber nicht selten auf die willkürlichste und ausschreitendste Weise verfahren; Nur ein auf wissenschaftlichem Wege sich regelnder Sinn ist geeignet und werth, in einer der Zeit und Gelegenheit entsprechenden Form der lehrbedürftigen Gemeinde vorgeführt zu werden, in dessen Anwendung erst dem Redner die beste Gelegenheit gegeben ist, seinen Geist fruchtbringend zu entfalten. Der Redner darf nicht so sehr in die Neuheit der Auslegung als in die Neuheit der Anwendung des Wissenschaftlich bedingten, wissenschaftlich gegebeueu exegetischen Stoffes seinen Schwerpunkt setzen. Eingehen auf die Etymologie, Herbeiziehen laut- und sprachverwaudter 'Stämme, sinnverwandter Stellen, Umstellung. (Transposition, Metathests) einzelner Buchstaben, Worte und auch Sätze,— daS sind, in Kürze gesagt, die nothwendigen, den Tert, wo der Sinn eS noth thut, ändernden, aber keineswegs entstellenden Operationen, die der nüchterne Ereget vornehmen muß, um zu richtigen Ergebnissen׳ zu gelangen. Es sind diese Versahruugsregeln keineswegs neu, vielmehr finden wir dieselben in den Ueberresten Gaonischer Schriftdenkmäler mit vielem Geschick und Erfolg angewandt. Etymologische Erörterungen sind heutzutage auf der Kanzel keine Seltenheiten mehr. Namentlich scheint in Prag, dem ehemaligen jüdischen Athen, für diese viel empfänglicher Sinn vorhanden zu sein, wo der ganz vorzügliche Popularredner Prof. Kämpf, und Meister Rappoport sehr häufig ihre religiösen Betrachtungen aus denselben mit kundiger Hand herausspinnen. Namentlich bewegen sich RappoportS gottesdienstliche Erörterungen am liebsten auf sprachlichen Untersuchungen, die die Richtung des ehrwürdigen Nestors der jüdischen Literaten und Literarhi storiker kennzeichnen , und denen er einleituugsweise zu der Regel ein hebräisches Gedicht voransschickt, dessen Rythmus und Wohllaut auf mich seinerzeit ebenso erhebend einwirkten, wie die in hexametrischen Tonwellen kreisenden' homerischen Verse, die ich, dazumal ein Tertianer, zum ersten Male kennen gelernt habe. Transpositioneu werden in der Regel noch ׳ immer selten, und auf. der Kanzel fast gar nicht gebraucht.׳ Der neueste Historiograph und Ereget mein Lehrer Grätz, hat in Frankels Monatsschrift Jahrg. 1861 mit eminentem Scharfsinne und an zahlreichen ׳Stellen ׳es nachgewiesen, wie fruchtbringend sich die metathetische Methode gestaltet, ihm war jedoch die, wie mir dünkt, bedeutsam literarhistorische Erscheinung entgangen, wonach bereits der Gaon Hai (lebte zu Ende des 10. und zu Anfang des 11. Jahrhunderts) sich ihrer in treffender Weise zu bedienene verstand, bei aller Gründlichkeit und kritischer Genauigkeit mit der Dr. Grätz diese Persöulichkeit zu Anfänge des V. Bandes seiner ״Geschichte der Juden" behandelt. Den Nachweis habe, ich zu liefern gesucht in meiner in Folge langwieriger Krankheit noch nicht im Druck erschienenen Doktorvissertation: ״Ueber den Gaon Hai und seine exegetische Thätigkeit in der Sprache der Bibel und Mischna mit Rücksicht' auf die dabei in Anwendung gebrachten arabischen und sonstigen fremdsprachlichen Elemente." DaS Transpositionsversahren ist dermal nicht nur ein in dem Genius der Sprache begründetes nach dem Paradigma von שמלח שלמה כבש כשב u. a. m., sondern auch ein historisch berechtigtes. Wir wollen hier einige Stellen anführen, in denen wir auf Schwierigkeiten verschiedener Art stoßen, die aber bei richtiger An- Wendung der Metathesis sich vollständig heben: a) Anwendüng der TranSposition bei einzelnen Wörtern. Spr. Salom. Kap. 13. V. 11 הון מהבל ימעט וקבץ על ידירבח wo wir den innern Gegensatz verinissen, der ein charakteristisches Merkmal Salomonischer Gnvmenpoesie ist. 27*