Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-07-03 · 27 (3.7.1866) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
27 (3.7.1866)
Date
1866-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543202--4874-2548913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

וי 499 ' terbliebenen eines Lehrers. Eine bettelnde Rabbinerwitwe ist in Ungarn keine seltenere Erscheinung., als eine bettelnde Lehrerwitwe! Wir zollen dem 68pr!t d6 corps, welcher die jüdischen Lehrer in Ungarn beseelt, bereitwillig unsere Anerkennung, und wir werden allen Mittheilungen, die uns über den gegenwärtig im Entstehen begriffenen Lehrerveretu zukomnien, nach wie vor gerne die Spalten unseres Blattes öffnen. Unsere Befürwortung, sparen wir uns jedoch für drei Vereine auf: - 1. Für einen didaktischen und pädagogischen Lehrerverein. . 2. Für einen Verein zur Unterstützung von Witwen und Waisen ungarisch-jüdischer KnltuSb e a m t e n u n d L e h r e r. 3. Für den zu wiederholten Malen zur Sprache gebrachten Mltnrverein, zu dessen Aufgaben es jedenfalls gehören müßte, strebsamen Rabbinern und Lehrern in kleineren Gemeinden unter die Arme zu greifen. Der gegenwärtige Augenblick begünstiget die Bildung dieser Vereine allerdings nicht. Doch wäre es uns sehr erwünscht, schon jetzt Vorschläge und Anträge zu sammeln, um dieselben seiner Zeit unter Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften , benützen zn können. Wir. sind weit entfernt, dem gegenwärtigen Vereine, dem wir das. beste Gedeihen wünschen, Konkurrenz zu machen. Gewiß drücken wir aber nur die Ueberzeugung aller gebildeten ungarischen Juden aus, wenn wir sagen: Es ist nicht nur billig, es ist auch eine im wohlverstandenen Interesse deö Jndenthums begründete Forderung der Zeit, daß das ungarische Israel denWitwem und Wai-. sen derer seine Theilnahme widme, die ihm ihre Kraft, ihre Dienste und ihre Thätigkeit geweiht und gewidmet haben. Daß die Betreffenden, — Rabbiner, Nabbinatsverweser, RabbinatS-Assessoren, Prediger, Lehrer, Kantoren, Vorbeter und Gemeinde-Sekretäre, — hierbei die Hand nicht in den Schoß legen dürfen, versteht sich von selbst, und setzen wir voraus, daß uns zunächst von dieser Seite aufmunternde Mittheilungen zugehen werden. Lehrer, welche die heimatlichen Verhältnisse kennen, wissen gut, daß die Chancen des Unterstützungsvereines oder Pensionsfondes sich auch für sie viel günstiger gestalten, wenn die Wohlthaten dieser Institutionen auf alle jüdischen KultuSbeamken ausgedehnt werden. Den wissenschaftlichen Theil des ״B. CH." betreffend, hatten wir erst vor Kurzem die Genugthuung, die Ab- Handlung über die Fusion des deutschen und spanischen Ritus von maßgebender Seite in Paris gewürdigt zu sehen. Wir können unser» geehrten Lesern die Versicherung geben, daß ihnen ״B. CH." im zweiten Semester eine ganze Reihe gediegener Arbeiten bringen wird. Im Bewußtsein seines redlichen und Gottlob nicht vergeblichen Strebend glaubt er, sich und den wissenschaftlich-talmndischen Verein ihrer wohlwollenden Theilnahme empfehlen zu dürfen. Szegedin, 2. Juli 1866. Löw. 500 (ftu Mrt üöer jüdische MnzeleMse. Bon Rabbiner Dr. Simon Nascher. Wie auf dem Gebiete der jüdischen Homiletik eine Zeitlang sich der Gegensatz von Derascha und Predigt strenge scheidend behauptete,— indem ersten׳ in den Kreis ihrer Besprechung ausschließlich, sich um Schriftworte, um Talmud- und Midraschaussprüche drehende, Reflerionen zog , wobei dem kombinirenden Scharfsinne, der Fantasie und häufig auch dem Humor und dem Witze nach dem Horaz'schen: ״dulce est desipere in loco“ der freieste Spielraum ward bergestalt, daßbei deren Anwendung auf die Verhältnisse deS Alltagslebens nicht selten die Lachmuskeln der Menge erregt wurden, denen seiner Zeit die Derascha ebenso das dramatische Konversationsstück, wie der altmodische Tempelsang die Oper ersetzte; letztere aber in strenger Rücksicht auf die Form und die sprachliche Einkleidung dem Leben entnommene, auf dem Wege gereiften Denkens gefundene und auf die - Worte der heiligen Schrift und der Weisen der Vorzeit ge- . stützte religiös-moralische Betrachtungen enthält, welcher Ge- . gensatz aber durch harmonische Verschmelzung des exegetischen und ethischen Element-s in den gottesdienstlichen Vorträgen unserer Zeit fast völlig verschwunden ist — dieser Gegensatz : wird höchstens noch den der alten Richtung Angehörigen, - mehr für die subjektive Schriftauslegung, als für andere Reflerionen und die angemessenen Formen derselben Empfänglichen zu Liebe, leider zum Nachtheile des besseren Geschmackes und häufig von Unberufenen aufrecht erhalten, indem viele Prediger — und das ist der Krebsschaden mitunter höchst bedeutender Gemeinden — mit Aufwand aller ihrer bühnengerechten Routine durchaus Rabbiner sein wollen, : weil sie dadurch ihre Stellung als solche zu erhöhen glauben, während sie doch, die sie in keiner Rabbinerschule gebildet, ihr oberflächliches, talmudisches Wissen dem flüchtigen Unterrichte eines sich in Klausen herumtreibenden, von Todten sein Leben findenden,Melamed — ihre soziale Bildung fantasiereicher Lektüre, der Konversation mit gebildeten Damen und häufigem Theaterbesuche verdanken, nichtsweniger als berechtigt sind, sich als Rabbiner, als Lehrer und Vertreter der jüdischen Wissenschaft zu geriren. Ich sage: wie auf dem Gebiete der jüdischen Homiletik eine bis auf die jüngste Zeit vererbte Scheidung zwischen Derascha und Predigt bestand, also waltet auf dem Gebiete der zur nothwendigen Erörterung gehörenden, oder auch, was weniger zu billigen ist, als zierende Zuthat in die gottesdienstlichen Betrachtungen verwebten Schriftauslegung ein Gegensatz zwischen wissenschaftlich berechtigter und einer ausschließlich bei öffentlichen Vorträgen guttirter, sogenannter Kanzel-Exegese (מגירוח) ob, die über nur als Illustration der frei entwickelten Gedanken dient. Es macht sich der Redner hierbei kein Gewissen daraus, irgend einem Verse, irgend einer GeisteSeingebung zu Liebe Gewalt anzuthun, ihn aus dem Zusammenhangs zu reißen, und sich seiner als einer mit einer gewissen Zündkraft in die jüdische Gemeinde eingreifenden Redefigur und Wendung zu bedienen. ״Zweck heiligt die Mittel", so denken sich in diesem Falle die meisten Redner, wenn sie eö auch nicht ausdrücklich sagen. So sehr dies auch zum Theile Berechtigung haben mag, bedient sich doch.schon Aristoteles in der Nicomachäischen Ethik sehr häufig zur Beleuchtung seiner Prinzipien Verse aus der griechischen Bibel, dem jedem gebildeten Grieche» geläufigen Homer, die im Zusammenhänge mit den Stellen, aus denen sie herausgegriffen sind, einen ganz anderen Sinn geben, ohne daß ihm dies zum Vorwurfe gemacht werden kann; warum sollte daS der jüdische Prediger, so er es nur versteht, Maß zu halten und sich vor Ausschreitüngen, durch die leicht daS GotteSwort zum Spielballe des Witzes herabgewürdigt werden könnte, zu wahren, mit Stellen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.