Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 26 (27.6.1866)
- Date
- 1866-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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479 480 itiigarifrijer und deutscher LhaMismus. Bon Dr. S. G. Nicht nur Menschen, auch Bücher, nicht nur Bücher, auch einzelne Wörter haben ihr Schicksal. Wie manches in seiner ursprünglichen Bedeutung herrliche Wort hat durch ein eigenthümliches Geschick eine Bedeutung erlangt, die es zum Gegenstände der Verachtung machte! Denken wir nnr an das Wort ״Pietismus." Welcher schöne, welcher wohlthuende Sinn liegt noch heute in denk Worte ״Pietät!" Warum ist der aus derselben Wurzel stammende Pietismus in solchen Mißkredit gekommen? Durch einen unseligen Mißbrauch. Ging es dem Worte Pharisäer besser? Waren diese nicht anfangs die rechtlichsten und aufrichtigsten Männer? Lag in dem Worte nicht ursprünglich eine ehrenhafte Bezeichnung? Ein ähnliches Geschick ist es auch, von welchem das Wort Chaßidaismus betroff.n ist. ״Cheßed": Gnade, Liebe, Wohlwollen bedeutend, soll die Mutter dieses Wechselbalgs sein, dem man jetzt den Namen ChaßidäiSmus beigelegt hat. Es kann Einem um ein solches herrliches Wort ordentlich leid thun! Es ist ein der Sprache zugefügter Raub, ein ihr versetzter Schlag, der dem Freunde derselben schmerzhaft ist. Aber abwenden läßt er sich nicht mehr. Der Ehaßidäismus ist nun so lange schon in Verruf, daß alle Mühe, die Schmach von ihm abzuwenden, vergeblich wäre. Das Wort ist eine Brandmarkung, bezeichnet eine Verirrung des Geistes und eine Verhärtung des Gemüthes, einen Unverstand mit Heuchelei verbunden, Verderben bringend und selbst einer schlechten That fähig in dem Wahne frommen Eifers, damit etwas Gott Wohlgefälliges zu thun. Die sogenannte Neuorthodorie — was ist sie aber anders, als Ehaßidäismus in diesem Sinne? Unpassender konnte diese Richtung wahrlich nicht benannt werden, als mit dem Namen ״Orthodorie", den sie sich in Deutschland selbst beigelegt hat. Za nicht unpassend, sondern uuvernünftig ist diese Benennung! Denn orthodox (rec^töfäubig) kann vernünftigerweise jeder Mensch sich nennen, weil jeder Mensch seinen Glauben als den rechten betrachtet und bezeichnet. Wir wollen aber darauf nicht weiter ciugehen, son- -ern nur feststellen, daß die sogenannte Neuorthodorie nichts anderes ist, als was man in Ungarn und Polen mit Chaßidäiömus bezeichnet. Die Grundsätze sind dieselben, das Verhältniß ist hinsichtlich der Unduldsamkeit dasselbe, die Art und Weise der Begründung ihrer Ansichten ist dieselbe, das Schimpfen und Fluchen ist dasselbe; nur Form und Ausdruck sind etwas anders, weil in Deutschland die Kulturstufe der übrigen Bevölkerung auch eine andere ist, als die in Polen und Ungarn. Der ungarische Chaßid hat vor dem deutschen nur das voraus, daß er — konsequenter und ehrlicher ist. Was mir hauptsächlich zu diesen Bemerkungen Anlaß giebt, ist ein Aussatz in Nr. 22 des ״Mainzer Israeliten", der mir in diesen Tagen zufällig in die Häude kam, beschrieben: ״Der sogenannte Chaßidäiömuö und dessen Vorkämpfer." Ich lese den Israeliten, sonst nicht und würde auch-von dieser Nummer, weiter keine Notiz genomMeu-chaben;-aber Has Urtheil des ״Mainzer" über den ChassidäismnS zu hören, war ich doch neugierig, und ich gestehe, daß ich in der jüdischen Literatur seit lange nichts mit mehr Ueberraschung gelesen habe. ״Der Israelit" als Kämpfer gegen den Ehaßidäismus! das ist doch gar zu komisch. Aber nun erst diese Bekämpfung selbst! Man traut seinen Augen kaum »nd ich mußte mich wiederholt überzeugen, daß es wirklich eine Nummer des ״Israeliten" sei, die ich in Händen habe. Daß diese Leute den Widerspruch nicht merken sollten, in welchem sie sich mit sich selbst befinden, ist fast unglaublich und cs ist eher anzunehmen, das Gefecht sei nur ein Scheingefecht, um die gar zu lästige Genossenschaft scheinbar wenigstens von sich abzuwehren. ״DieBekämpfung des sögen^Unten Chaßidäismus, der die Welt zu überfluthen und in Wahn und Aberglauben z u versenken droh t" trete mit gebietender Nolhwendigkeit hervor, sagt, sollte man es wol glauben? der ״Mainzer Israelit", das Organ des Chaßidäismns in Deutschland. Warum schmäht er denn die jüdische Welt, wenn sie dieser Fluth einen Damm entgegenstellt? warum spricht er denn allen den edlen Männern, die diese Ueberfluthung zu verhindern suchen, die jüdische Religiosität ab? Der deutsche Ehaßidäismus wird freilich entgegnen, daß er nicht Wahn und Aberglauben zu verbreiten suche. Aber der ungarische nnd polnische wird ihm den gleichen Einwurf machen und mit um so größerem Rechte, weil er sich hierbei auf die Prinzipien des deutschen berufen kann. Was ist Wahn und Aberglaube? Die Beantwortung dieser Frage hatAljS ihren kompetenten Richter nicht gefunden. Haben Andere we- Niger das Recht zur Bekämpfung dessen, was in ihren Augen Wahn und Aberglaube ist, als die sogenannte Orthodorie? Doch hören wir den Bekämpfer selbst! ״Schon sendet er (der Ehaßidäismus) seine Vorposten aus, die unter großem Lärm den Untergang alles gesunden Denkens, alles verständigen nnd anständigen Benehmeus, den Sieg des elendesten Aberglaubens mit der k r a sfesten Unwissenheit verbunden, die mit furchtbarem Getöse unsere heilige Religion in den Schmutz der niedrigsten und empörendsten Denkungsart ziehen wollen." Hält man es für möglich, daß ein deutscher Chaßidäer in solcher Weise seinen polnischeu Genossen eutgegenzutreten die Dreistigkeit hat? ״Gesuudeö Denken", ״verständiges und anständiges Benehmen." Ist in der Euch heiligen Kabbala, in der von Euch Sohar hakadosch genannten Religionsquelle gesundes Denken? Ihr machet uns, könnte der ungarische Chaßidäer seinen deutschen Genossen entgegnen, ihr machet uns den Vorwurf, daß die Kabbala von uns mißverstanden werde, liefert uns doch den Beweis! Ihr machet uns die ״Kamäen" zum Vorwurfe; thaten dies nicht auch die von Euch so hochverehrten Heroen der jüdischen Gelehrsamkeit und orthodoxen Frömmigkeit? ״Gesundes Denken!" Ist die Behauptung, daß der ganze Talmud, der Sckmlchan Aruch und selbst jeder Minhag als durch göttliche Inspiration gegeben ist, ein gesundes Denken?