Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-06-20 · 25 (20.6.1866) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
25 (20.6.1866)
Date
1866-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543200--4854-2548890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 72 abtreten, was gerade sonst bei dem Auslassen dieses Spruches geschah, weil cs den Verdacht der Ketzerei gegen den den Spruch Zurücklassenden erweckte. Die Sache klingt der Gcmara bedenklich und sie sucht jeden Verdacht zu beseitigen; das Verfängliche in der Erzählung scheint es auch veranlasst zu haben, dass dieser geschichtlich richtige Berieht, soviel mir bekannt, in Thosseftha und jcrusalomischer Gemara übergangen wird, obgleich er ihnen sicher nicht unbekannt war, und die letztere die allgemeine Notiz, dass der Spruch gegen die Ketzer, in Jamnia hinzugefügt werden, gelegentlich benützt. — Aiisscrdem kommt unser Sam. noch in der Beihe der Sprachlehrer im Tractate Aboth (IV, 19) vor; aber wie auffallend war allen Erklarem die ihm in den Mund gelegte Lebensregcl, da dieselbe nämlich Nichts weiter enthält, als die treue "Wiedergabe der Verse Spr. 24, 17 f. Was sollte diese Mittheilung, wenn die Worte auch Samuels Wahlspruch gewesen; mit welchem Beeilte werden sie ihm beigelegt, da er sie ja blos entlehnt hat? Es ist nicht zu leugnen, es umzieht ein gewisses Dunkel das strahlende Gestirn. Mit Sicherheit können wir die individuellen Be- Ziehungen, da uns alle sonstigen Quellen fehlen, nicht bestimmen; so darf denn eine Vcrmuthung sich hervorwagen, die nicht mehr gelten will, als wofür sie sich •gibt. Als das Charakteristische an Samuel wird seine reine Herzensfrömmigkeit und Milde gerühmt, ebenso weist er jeden Frömmigkeitsdünkel ab. Als sein Gebet um Begen erhört ward und die Gemeinde Dies ihrem Verdienste zuschreiben will, demüthigt er ihren Stolz mit der Bemerkung, ihm komme cs vor, wie wenn man einen zudringlichen Knecht los werden wolle. Ein solcher Mann war schwerlich ein strenger Ketzerrichter. Wenn er wirklich die Verwünschungsformel angefertigt hat, so hat er dies erst im Aufträge des Patriarchen׳ gethan, aber kaum nach seinem eigenen Sinne. Allein ich möchte sehr bezweifeln, ob er überhaupt der Verfasser dieser Formel ist; wenn die Sage dies berichtet, so beabsichtigt sie damit erst eine Ehrenrettung dem bedenklichen Umstande vorauszuschicken, dass er sie einst im öffentlichen Vorträge ausgelassen. In raildernder, entschuldigender Forpi . drückt der Bericht dies mit den Worten aus: er habe.deren Fassung vergessen und sich nicht darauf besinnen können. Sam. wollte sie nicht aussprechen. Aus welchem Grunde? Weil er —- wie dies später Berurjah, das Weib Me'ir’s schön ausspricht — der Sünde und der Ketzcrei wohl gram war, aber gegen den.Sünder und den Ketzer zu beten, dessen Unheil zu erflehen, mit seiner wahrhaft religiösen Gesinnung nicht in Einklang stand. Sein Wahlsprach eben war jener aus den biblischen Sprüchen entlehnte Satz: wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, wenn er strauchelt, frohlocke nicht dein Herz; und wenn die Freude über den Fall des Feindes ein Unrecht ist, wie sollte eine Verwünschung gegen ihn gestattet, ein Bestandtheil des Gebetes sein dürfen? In seinem Munde, im Zusammenhange mit seinem Verfahren hat demnach die- 8er Spruch eine tiefere Bedeutung, und er verdiente desshalb, wie alle andern in Aboth befindlichen Sprüche, die immer ein Stück Leben ihrer Urheber äbspiegeln, Aufnahme als sein Eigenthum. Für uns gewinnt Samuel der Kleine, in diesem Lichte betrachtet, erhöhte Bedeutung; durch diese seine Gesinnung, dieselbe wie wir sie an Hillel, an Onias ehren, ergiesst sich wie ein Strahl milder Verklärung über ihn. Können wir es jedoch den durch den wechselnden Abfall, durch die stets zunehmende Macht einer aus dem Schosse des Judenthums hervorgegangenen imd sich ihm immer mehr entfremdenden Glaubensrichtung heftig erregten Zeitgenossen und den unmittelbar folgenden Geschlechtern verargen, wenn sie dieses milde Verfahren Samuel’s, seine Empfehlung duldender Gesinnung gegen die Ketzer nicht in gleicher Weise billigten? Hatten sie ihn auch nicht im Verdachte der Ketzerei, ja konnte sein wohlbegründeter Buf nicht angetastet werden, so zog es doch wie ein dunkler Schatten über sein Andenken. Daher das Verfängliche, das sich in die Berichte über ihn mischt, das doch wieder abgewehrt wird, daher vielleicht bei allem Zugeständnisse seiner Grösse doch seine Bezeichung als ״des Kleinen.“ Wer will in die dunkeln Verschlingungen solcher einzelnen Lebensereignisse cindringen? Und dennoch drängt es dazu, in die Gesinnungskämpfe vergangener Jahrhunderte tiefer hineinzublikken, als die berichteten nackten ThatsacÄen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.