Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 24 (13.6.1866)
- Date
- 1866-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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451 452 als des sefardtscheu, verdankt seinen Ursprung einzelnen Dichtern und Vorbetern, deren poetische Erzeugnisse zuerst von ihnen allein, dann auch von ihren Gemeinden und endlich auch von anderen Gemeinden in die alten typischen Gebete eingeschaltet wurden. Wenn die Differenzen, durch welche in dieser Beziehung früher der Gottesdienst der einen Gemeinde von dem der andern unterschieden war, sich im Laufe der Zeit ihrem größern Theile nach verwischt haben; so liegt der Grund dieser Erscheinung in dem Umstande, daß in vielen Gemeinden eine Fnston verschiedener Men stattgefunden hat. Da nämlich die von Stadt zu Stadt und von Land zu Land gejagten Jude» sich in den meisten Orten selten in so großer Zahl niederließen, um die Abhaltung eines besondern Gottesdienstes nach ihrem früheren Gemeinderitns bewerkstelligen zu können; so theilten sie sich in G rup- P e n, z. B. die deutsche, italiänische und sefardische Gruppe. Jede dieser Gruppen vereinigte sich zu einer Synagogengemeinde, indem sie, das Divergirende im Ritus ausscheidend und das Gemeinsame beibehaltend, eine liturgische Fusion vollzog"'). Reichte die Zahl der Emigranten von einem und demselben Ritus hin, um eine eigene Synagogengemeinde zu bilden, so behielten dieselben ihren früheren Ritus bei; so die französischen Juden, welche in den letzten Jahren des vierzehnten Jahrhunderts in die Städte von Piemont einwunderten, und den französischen Ritus beibehielten. Bei den Gemeinden zu Asti, Fassano und Montcalvo im Piemontesischen wurde dagegen die Fusion beliebt, indem dieselben an den Bußefesten dem französischen, sonst.aber dem deutschen Ritus folgten 2"). In diesem Augenblicke reichen sich im Piemontesischen אשכנזים und צרפתים in einem ganz andern Sinne die Hand! War die Zahl der Emigranten von einem HauptrituS so gering, daß sie sich selbst zu einer Gruppe nicht zusammenthun kannten, so ging die Minorität in der Majorität auf. Ja, es kam sogar vor, daß die Äschkenasim zu dem sefardischen Ritus übergingen, ohne gerade durch ihre schwache Minorität dazu genöthiget zu sein: so in der Gemeinde zu Belgrad in Serbien gegen Ende des siebzehnten oder zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Eine authentische Notiz hierüber gibt ein Vorgänger des Herrn Drs. Hildesheimer, nämlich R. Me'ir Eisenstadt. Derselbe berichtet das Faktum mit harmloser, gemüthlicher Ruhe^), ohne zu ahnen, daß einer seiner Nachfolger ihn nach hundert und so vielen Jahren für einen Sakeu Mamre erklären wird. Die Orthodoxie hat in Eisenstadt seit hundert Jahren wirklich ungeheure Fortschritte gemacht! R. Me'ir berichtet über den Belgrader Vorgang als über eine zwanzig Jahre früher vollendete Thatsache. Ob er, vor der Vollendung befragt, zustimmend geantwortet hätte, wollen wir nicht mit Gewißheit behaupten. Denn ״fragt man viel, bescheidet man viel", sagten unsere Mütter. Aber *') Luzzatto in ®abr. Pollakö Halichotb Kedem S. 51.: תניחו כל מה שהיה פרטי ל^נשי עיר -<!הת ולא השאירו אלא מה שהיה נוהג אצל כלם. **) i'imcmo a. a. O. Z11»z, die NitilS S. 64. 23J Pan M1׳> II. 'JJr. 132. Aligeführl von Dr. Zipfer im L. Bl. des Orients VIII. Sp. 88. die Gleichmnth, mit welcher er das Geschehene erzählt, beweist, daß der Unterschied zwischen asketischen und liturgischen Gebräuchen auch ihm vollkommen geläufig war, und daß er sich hütete, das, was von jenen statuirt wird, auch auf diese anzuwenden. Vor ungefähr fünfzig Jahren war die auf eine sehr kleine Anzahl von Mitgliedern zusammengeschmolzene sefardische Gemeinde in Karlsburg in Siebenbürgen entschlossen, in ihrer Synagoge den deutschen Ritus einzuführen, um dieselbe den Äschkenasim zugänglich zu machen. R. Samuel Landau in Prag (gest. 30. Oktober 1834), welcher von dem Karlsburger Rabbiner zu Rathe gezogen wurde, gab seine Einwilligung zum provisorischen Gebrauche der deutschen Liturgie in der sefardischen Synagoge. Das Provisorium sollte so lange währen, bis die sefardische Gemeinde sich wieder gekräftigt genug fühlt, um ihren angeerbten Ritus -zu reftauriren. Von einer definitiven Aenderung des Ritus will Landau durchaus nichts wissen, und Herr Dr. Hildesheimer wird uns hoffentlich Dank dafür wissen, daß wir ihm einen neuen, gewiß nicht zu verschmähenden Gewährsmann an die Seite stellen. R. Samuel ist aber so treuherzig, seinen Respekt vor dem Duodezimal-System der himmlischen Gebetpforten und zugleich ohne allen Rückhalt feine Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß jede dieser Pforten das Recht hat, zu fordern, daß die Passage bei ihr nicht vermindert werde, was bei jeglicher Modifikation des herkömmlichen Ritus geschehen müßte 24). Herr Dr. H. hat aber nicht den Muth, von diesem Argumente Gebrauch zu machen, und er legt dadurch vor denkenden Lesern selbst das Bekenntuiß ab: ״Sehet, ich streite für eine verlorne Sache!" DaS herkömmliche Alte ist nämlich so lange unbesiegbar, als es sich selber treu bleibt, und die alten Institutionen und Uebungen zugleich in den alten Anschauungen wurzeln. Sobald dies nicht mehr geschieht, verliert cs allmälig seine Widerstandskraft. Es weicht vor dem Neuen zurück, weil es demselben noch vor dem Beginne des offenen Kampfes bereits im Stillen Konzessionen gemacht und solchergestalt die eigene Kraft vermindert und geschwächt hat, bevor es den Kampfplatz betrat. Die romantische Schule, zu welcher Herr Dr. Hildesheimer gehört, sieht dies nicht ein , weil ihr eben die echte und rechte Orthodoxie ganz abhanden gekommen ist. Und wenn die aristotelische Skepsis ausrief: ״o Freunde, eS gibt keinen Freund"; so kann man dieser Schule gegenüber mit viel größerem Rechte ausrufen: o Orthodoxe, es gibt keinen Orthodoxen! Sollten sich aber in dem Leserkreise des ״UniverS Jsraelite" wirkliche Orthodoxen finden, so werden dieselben den Herrn Dr. H. wol noch zur Verantwortung ziehen, und ihm wahrscheinlich eine Buße auflegen, indem er als orthodoxer ungarischer Rabbiner gewagt hat,' die Ansspräche R. Moses So fers ganz und gar zu ignoriren: P. MoseS bekannte sich nämlich noch 1833 offen zur liturgischen Pyläologie 25), zu gleicher Zeit lehrend, daß die Adepten der Kabbala ungeachtet ihres aschkenastschen Usus sehr wohl daran thun, wenn sie, ihrem Miuhag entsagend, die luria- *<) Schibat Zion Nr. 5. , ״) Ch. Sof. O. Ch. Nr. 15.:שהלשון משתנה לפי שערו כל אחר שעולה בו.