Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 21 (23.5.1866)
- Date
- 1866-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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383 384 nicht in Abrede stellen, daß der 68. Abschnitt des Koder Orach Chajjim ihm vor Augen lag, als er sein Gutachten schrieb, da er denselben ausdrücklich zitirt. Nun erklär» hier R. Abraham Gumbiner nach R. Jsak Loria, daß die ״Wurzeln der Tefilla" keiner Modifikation unterzogen werden dürfen, weil sonst die Gebete nicht in die entsprechenden HimmelSpforten dringen, deren eS zwölf gibt. .Diesen handgreiflichen Grund scheut sich der Herr Doktor anzuführen, weil sein Nernunftstolz ihn abhält, sich selbst vor Autoritäten, wie R. Jsak Loria und R. Abraham Gumbinner, zu beugen. Wie er sich trotzdem von orthodorem Standpunkte gegen alle und jede Fusion der beiden Riten aussprechen konnte, ist um so unbegreiflicher, als eine Autorität, wie R. Josef Teomim, gerade aus der Zwölspforten-Theorie die Warnung deduzirt, den deutschen Ritus gegen den sefardischen zu vertauschen ^)! R. Josefs Warnung kam indeß zu spät. Er starb 1793; aber schön früher hatte R. Nathan Adler in Frankfurt am Main den deutschen Ritus sogar gänzlich aufgegeben, um sich an den sefardischen zu halten. Dasselbe that R. Pinchas Hurwitz. Mit der Verbreitung deö ChaßidäiSmus in Rußland, den Donaufürstenthümern, in Polen und dem nördlichen Ungarn halt bekanntlich die Verbreitung des sefardischeu RituS gleichen Schritt. Die Zahl der Gemeinden oder Konventikel, die den sefardischen Ritus einführen, vermehrt sich in neuester Zeit von Jahr zu Jahr. Warum ignorirt Herr Dr. H. diese Neuerungen? Was hält ihn ab, sein Veto dagegen einzulegen? Geht ihm das Seelenheil der Pariser Juden mehr zu Herzen, als das seiner ungarischen Landsleute? Herr Dr. H. wird ohne Zweifel zu seiner Rechtfertigung geltend machen, daß er sich von seinen an die Chaßidäer zu richtenden Ermahnungen keinen Erfolg verspricht. Ganz Unrecht hat er hierin sicherlich nicht. Mußte er doch von jener Seite bereits manches bittere Wort des Mißrrauens hören! Woher schöpft er aber die Zuversicht, daß sein Interdikt in Frankreich mehr Respekt finden wird, als in seinem Heimatlande? Ohne Zweifel muß es die Triftigkeit seiner Argumente sein, von der er sich die erwartete Wirkung versprechen zu dürfen glaubt. Jedenfalls ist es nun für die Pariser Gemeinde schmeichelhaft, daß Herr Dr. H. ihr einen höher» Grad von Empfänglichkeit zutraut, als den Anhängern der chaßidäischen Reform. Von der Triftigkeit seiner Argumente müssen wir uns vorerst überzeugen. Der Herr Vrf. schickt die Besprechung der Heiligkeit des religiösen Herkommens (Minhag) voraus, um dann auf die Unverletzlichkeit des liturgischen Herkommens überzugehen. Ueber ersteren Gegenstand hat nun derjgelehrte R. Chiskia di Silva aus Livorno in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zwei Erkurse geschrieben, welche jedem Talmudisten von Fach bekannt sind 1). Der Herr Vrf. wußte von diesen Abhandlungen nichts; der erste Theil seines Gutachtens mußte daher höchst dürftig und mangelhaft bleiben. Aus dem jedem Rabbiner zugänglichen Erkurse di Silva'ö hätte er erfahren, daß von R. Josef Jbn Esra , Rabbiner ') Peri Meg. O. CH. a. a. O. im Sschtl Abr. - 4) Peri Chadasch 468. 496, 2. zu Sofia, im Anfänge des 17. ״Jahrhunderts eine auöführliche Monografie über den von Dr. H. so flüchtig und oberfllächlich behandelten Gegenstand erschien. Diese Monografie hätte ihn belehrt, daß daö liturgische Herkommen selbst im Sinne der Orthodoxie nicht mit dem asketischen in Eine Kategorie gehört, daß eS vielmehr nach einem andern Maßstabe behandelt werden müsse 5). ״In Rücksicht auf die Gebetordnnng", sagt R. Josef, ״oder die in verschiedenen Ländern eingeführten synagogalen Poesieen (Pijjutim) sollte man meinen, daß es Pflicht sei, daö väterliche Herkommen beizubehalten. Allein mein Lehrer sagte mir, daß der sefarbische Ritus reiner und richtiger ist, und von allen jüdischen Gemeinden, die deutschen ausgenommen, rezipirt wurde. Hier gilt aber die Maxime: Laß Israel gewähren! Möge eS lieber irren, als opponiren °)." Der Lehrer, von welchem R. Josef spricht, ist kein anderer, als N. Samuel di Medina, ein schon von seinen Zeitgenossen hochverehrter Talmudist, gestorben als Rabbiner zu Saloniki,. 12. Oktober 1589. R. Samuel ist also der Meinung, daß die sefardischen Synagogal-Poesieen die allgemeine Rezeption verdienen, daß eS aber nicht räthlich sei, dieselben deutschen Gemeinden aufzudringen. Bei Gelegenheit einer praktischen Frage sprach sich R. Samuel noch entschiedener für den sefardischen RituS aus; der Ofner Rabbiner, R. Esraim Kohen, trar für den deutschen Ritus in die Schranken. Dieser Streit ist auch dem Herrn Vrf. bekannt, und die Anführung desselben ist ganz in der Ordnung. Höchst überflüssig war aber die Besprechung des Herkommens im Allgemeinen, da selbst die Orthodoxie das liturgische Herkommen von dem asketischen scharf trennt, und die beiden Arten des UsuS nicht nach einer und derselben Richtschnur behandelt wissen will. Daßder Herr Vrf. bei Anführung R. Samuels Medina in Modena verwandelt ist Nebensache und um so verzeihlicher, alSer diesen Jrrthum Anderen nachschrieb 7). Daö Gesagte überhebt unS der Beleuchtung alleK Hessen, waö der Herr Vrf. zu Gunsten der Unantastbarkeit deö asketischen Herkommens geltend zu machen sucht, da dies gar nicht hicher gehört. Wir können mithin sogleich dio eigentliche Frage in Erwägung ziehen. Das Hauptgewicht legt Herr Dr. H. auf die bekannte Stelle in der jernsalemischen Gemara, in welcher die Stabilität der Liturgie in allen ihren Theilen mit klaren Worten gelehrt werden soll 8). Es ist ihm nicht entgangen, daß R. David Fränkel (nicht Dessau) in der Erklärung deö׳ angeführten Spruches schwankt, und nicht entscheidet, ob derselbe auf die Feier des zweiten Festtages, oder auf die Integrität der Gebetordnung bezogen werden soll. Herr Dr, H. meint aber, der Spruch müsse in letzterem Sinne aufgefaßt werden, indem R. Abraham Gumbinner denselben festhält, und nicht מועדות, sondern תפלות liest (68, 1). ״M 6) *שעור מנהגים שאינם בסוג עם הקדם מעניני האסור אלא הוא המנהג אשר ינהגו העם בברכותיהם בענין התפלות• °) Beza 30, 8. S. B. Cb. 7. Zhrg. Nr 33. Sp. 672. Anun 7. ד) S. Steinschneider, Catal. libr. hebr. in biblioth. Boäleoauer p. 2451; Nr. 7056. ') 3er. Srub. 3. 7: ירי יוסי מישלה כתוב להון אע״ם שכתבו לכם סדרי -מועדות אל תשנו מנהג אבותיכם נוחי נפש-