Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 19 (9.5.1866)
- Date
- 1866-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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351 352 Geschichte: Freud und Leid, Trauer und Hoffnung. Als ich cur den Festtagen von unserem Männergesangvereine das schöne Halle! von Sulz er mnsterhaft vortragen hörte, und den lieblichen Akkorden lauschte, da that ich daS Gelübde, dem edlen Tondichter zu danken nnd heute bringe ich mein Dankopfer, daö als die flatternde Taube des Armen spät, aber aus treuem Herzen ihm entgegenkommt. I» Würtemberg hat die königlich israelitische Oberkirchenbehörde schon vor 25 Jahren hebräische Choralgesänge, zum Gebrauch in den Synagogen herausgegeben; derj. nige, der jene Gesänge arrangirte, hat Sulzers Schir-Zion gekannt, aber nicht genannt; er hat, wie jeder Plagiator, das Gute verschlimmbessert und das Schönste und Bekannteste verschwiegen. Diese Gesänge sind ungesungeu und in den Synagogen unbekannt geblieben. Mit dem Bau der Stuttzarter Synagoge wurden diese Choräle dem Untergange geweiht und Musikdirektor Dr. I. Faißt damit betraut, für die neue Synagoge und den neuen Kultus neue Gesänge zu schaffen. Faißt's Name ist zu bekannt, um nicht RühmlicheS von seinen Tonschöpfungen zu erwarten. Er ist evangelischer Theologe, kennt den Geist und die Form der hebräischen Sprache, Accent, Rythmus, Parallelismus und Poesie derselben sind ihm nicht fremd; aber seine Musik ist Kirchenmusik. Wer für die Synagoge tonbichten will, muß i n der Synagoge stehen, muß ein Kind derselben sein. Die schönsten Volkslieder, wir wissen nicht von wannen und von wem sie sind, aber aus dem Volke sind sie. Der Synagogengesang ist Nationalgesang, kann aber Jemand aus fremdem Voske einer andern Nation Nationallieder machen? — gewiß nicht! Nationalgefang ist das Fühlen, das Empfinden eines Volkes, sein Denken, sein Sinnen, sein Beten, sein Sein und seine Geschichte; Nationalgesang ist nicht ein Objekt der Kunst, des Styls, sondern der lebendige, artikulirte Hauch des Volkes und wie kein Anderer für mich athmen kann, so kann auch kein Anderer, kein Fremder für mein Volk Nationallieder in Wort und Ton dichten; ich muß ihm mit Uhland zurufen: ״Du meinst es löblich, doch du hast für unser Volk kein Herz!" SnlzerS Gesänge sind Zions-Lieder, Gesänge des Herrn, die die Synagoge uns wieder zur lieben Heimat gemacht haben. Hier in Laupheim werden diese Gesänge seit ihrem Bekanntwerden gesungen, und SulzerS Name ist hier längst bekannt. Wie in Hohenems die alte Handschrift der Nibelungen-Lieder aufgesunden und dem deutschen Volke wieder gegeben worden ist; so sind die Gesänge Zions von Hohenems auS durch die Judenheit getragen worben. Ein talentvoller Jüngling von hier war, als Sulzer noch als Chasan in Hohenems weilte, dessen Jünger; aber leider hat Melancholie seinen Geist umnachtet nnd ein Hölderlin singt er seine Melodien hinter dem Gitter eines Asyls für Geisteskranke. Das Schir-Zion ward unmittelbar nach seinem Erscheinen hier eingrführt, ein Männergesangverein bildete sich nnd geregelter Synagogengesang wurde gepflegt. Dieser Synagogengesangverein erweiterte sich und bildete sich zu einem allgemeinen Gesangvereine unter dem Namen ״Frohsinn", die Pflege des weltlichen und geistlichen Liedes, Hebung des gottesdienstlichen Kultus durch Gesang, Geselligkeit und Freude sich zum Ziele setzteud. Der Verein ist ein Glied des ״schwäbischen Sängerbundes." Bei dem Liederfeste des schwäbischen Sängerbundes in Ravensburg im Mai 1855, woran 30 Sängervereine, darunter 16 außerwürtembergische, Theil nahmen, erhielt der Gesangverein ״Frohsinn" aus Laupheim im Wettsingen den ersten Preis. Präses des Preisgerichtes war Dr. Faißt. In den Entscheidungsgründen des Preisgerichtes heißt es: ״Unter den ländlichen Vereinen erhält Laupheim den ersten Preis. Es hat eine schwierige Komposition energisch, genau und sicher ausgeführt." Der Verein har auch schon eine Sängerfahrt nach Hohenems, dem Geburtsorte Sulzers, gemacht und dort im Liede dem Tondichter Huldigung gebracht. — Derselbe zählt gegen 100 ordentliche, außerordentliche und Ehren- Mitglieder. Der Sänger-Heros Heinrich Sontheim, Hof- und Kammersänger in Stuttgart, ist Ehrenmitglied des Dereins. Er gab schon zwei Konzerte hier unter Mitwirkung des Vereins für wohlthätige Zwecke; und daß der Verein tüchtige Kräfte hat, dürfte der Umstand beweisen, daß Mitglieber desselben mit Herrn Sontheim Duette sangen. — Bei dieser Gelegenheit dürfte es am Platze sein, zu sagen, wie der berühmte Sänger Sontheim vom Vorbeterpulle weg zum ersten Tenor an der großen Oper sich hinausschwang. Geboren in Jebenhausen bei Göppingen, sang die fromme Mutter dem einzigen Söhnlein, das sie von Gott erfleht, fromme, heilige Gesänge als Wiegenlieder vor und noch als Knabe war er Zuhalter — Diskantsänger — bei seinem Oheim und: Schwager Ben-Zion Rosenheim, der als בעל an den hohen Festtagen fungirte. In der Nähe von Jebenhausen ist der königliche Badeort Voll, wv alljährlich der Statsrath und Geheimsekretär des Königs, v. Vellnagel, die Kur gebrauchte; d eser hörte am Versöhnnngsfeste den 18jährigen Sontheim in der Synagoge singen und veranlaßte dessen Vater, ihn nach Stuttgart zu bringen, wo er nach kurzer Zeit so weit gebracht ward, daß er nach Karlsruhe als erster Tenor berufen wurde. — Noch jetzt singt Sontheim die alten Weisen der Festgebete mit besonderer Freude und wenn er hier bei den Freunden weilt, so sind eS heilige Sangesweisen, die er mit den GesangSgenosseu des ״Frohsinns" singt. — Dieses biographische Intermezzo wird Sulzer, der Kantor, dem Hofopernsänger Sontheim zu gute halten. Vor einem Jahre traf Herr Dr. Sänger von hier Herrn Sulzer an den Ufern des schwäbischen Meeres und. wir hofften schon, ihn auch hier zu sehen; aber die nahe Festzeit rief ihn nach Wien. Wenn der edle Asaphide wieder in die schwäbischen Gauen kommt, möge er auch sein Kind, den ״Frohsinn" zu Laupheim, aufsuchen, denn seln Schir-Zion hat Veranlassung zur Gründung des Vereins gegeben. Unser Verein weiß die Vorzüge, die Berühmtheit Sulzers zu würdigen; die festliche Begehung des AmtSjubiläumö Sulzers wurde dem Vorstande unseres Vereins, Herrn Rechtskonsnlanten Dr. B e r n heim, einem warmssn Verehrer SulzerS zu spät bekannt, sonst hätte auch der