Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 18 (2.5.1866)
- Date
- 1866-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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342 341 Literarische Anzeigen. Abhandlung über den ersten Unterricht im Talmud nach den didaktischen Grundsätzen unserer Zeit. Bon Dr. A. Skein, Rabbiner und Prediger an der Metselsynagoge in Prag. IV. 19. (Schluß.') Sehr überraschend ist die Wahrnehmung, daß der AnfangSunter« richt im Talmud in unserer Zeit ungefähr dieselbe Schwierigkeit bietet, welche sich in der talmudischru Zeit dem Elementarunterrichte in der Bibel enigkgenstcllte. Dies wurde bisher verkannt, weil mau es unter« ließ, sich von dem talmnbischen Mikra (מקרא), insofern es einen Gegenstand des Unterrichtes bezeichnet, einen klaren-Begriff zu verschaffen. Man nimmt nämlich an. daß der Talmud unter Mikra ein,» Bibelunterricht versteht, welcher dem Schüler zum Berständnisse der Bibel verhilft, also beiläufig einen Unterricht, welcher dem heutigen Bibelunterrichte ziemlich nahe kommt. Zn Wahrheit ist aber das ral« mudische Mikra von dem heutigen Bibelunterrichte sehr wesentlich ver« schieden, indem man darunter weder die Uebersetzung, noch die Trklärung, sondern ausschließlich das richtige Lesen des BibelterteS versteht, was in der talmudischen Zeit ohne Vergleich schwieriger war, als »ach der Einführung der Punkte und Accente. Die Umgangssprache der astatischen, palästinensischen und perfischeu, Juden mag wol manche Erleichterung geboten haben; zu einem korrekten Lesen deö Bibel« «erteS reichte sie aber bei weitem nicht aus. Die Lesefertigkeit mußte Lurch anhaltendes Lesen unter Aussicht des Lehrers erreicht werden. Daß dies unter Mikra verstanden wurde, sagt Abba Arekka mit ausdrücklichen Worten» indem er in der bekannten Erklärung von Nehem. 8. 8. das biblische ויקראו mit מקרא und מפרש mit □חרגו erläu, »ert (Nedar. 37, b ), und somit unzweideutig genug zil verstehen gibt, daß unter Mikra bloS die Lektüre des nakten Textes zu verstehen ist. Auf gleiche Weise hält die jerusalemikche Gemara Mikra und Targum auseinander (Ned. 4. 1), und R. Niffim erklät die Worte: מקרא ׳■סופרים richtig:הקריאה שמסרו לנו הראשונים שנקראו ס׳ (Ned. a. 0. O.). Wenn der Bibelunterricht mit einer Uebersetzung ver« dunden gewesen wäre, wie man gewöhnlich voranSsetzt, hätte die Sage ohne Zweifel vorgezogen, dem Feldherrn Joab den Vorwurf einer salscheu Uebertragung, als den einer falschen Aussprache des SchriftworteS iy den Mund zu legen (B. Bathra 21, b). Aus dem Gesagten erklärt sich manche Stekle im Talmud, deren wahrer Sinn bisher verborge» bleiben mußte. So bleibt es nach drr Mischna demjenigen, von welchem sich ein Anderer durch ein Gelübde jeden Genuß versagt hat, unter Anderem unbenommen, den letztern in Midrasch, Halacha und Haggada zu unterrichten, nicht aber in Mikra; dessen Kinder Lars er aber auch im Mikra nicht unterrichten. (Nedar. 4, 3). Der Grund dieser Unterscheidung liegt in dem Umstande, daß wol Midrasch, Ha, lacha und Haggada, nicht aber daS mechanische Lesen, Mikra. Studien find, welche die Religion gebietet, und die Erfüllung von ReligionSge« boten nicht zu d e n Genüssen gehört, die ein EntsagungSgelüde aus« schließt. Für das KinbeSalier hingegen ist gerade das mechanischr Lesen das einzige Thorastudium. daher kann Kindern gegenüber ein Enlsa« gungSgclübde auch rn Rücksicht auf Mikra kein Hinderniß bilden. Die dab. Gemara weiß diese Mitchna nur aus eine sehr gezwungene Weise zu erklären. (Ned. 37, a). ES leuchtet ein, baß die Jngendlehrer und Elementarschüler der talmudischen Zeit bei dem hebräischen Leseunterrichte eine viel schwerere Aufgabe zu lösen hatten, als ihre Nachfolger, die sich punktirter Terte bedienen konnten. Sobald letztere zu Gebote stauben, brauchte der An« länger nur mit de» Buchstaben und Vokalen vertraut zu werden, um bei,einiger Uebung jeden beliebige» Tert lesen zu können, während vor der ׳Einführung der Punklation fast jeder SchrisiverS neue Schwierig« feiten bot, wie heutzutage bei Anfängern fast jede Mischna neue Schwierigkeite» bietet, die nur durch mechanisches Vor- und Nachsagen zu überwinden sind. Ein früher nicht gelesener Tert durfte daher aus Rück« sicht auf die damit verbnndene Anstrengung am Sabbatbe nicht vorgenomwen werden (Nedar. 37, a), Manche selbst fleißige Lehrer scheuten die Mühe des oft.wiederholten VorsagenS., so daß,ihre Schüler fehler- Haft lasen (B. Bathra 21, «.) und durfte man zufrieden sei», wenn minder geübte Schüler in den vorgeschriebelikn Schulstunden eines Schultages. *) S. die vorige Nummer. einen SchrisiverS korrekt lesen konnten. Zu diesem Behuf« mußte der Ver« so oft gelesen werden, daß sich da« Gelesene häufig zugleich dem Gedächtnisse einprägte, so daß das au« der Schule heimkehrende Kino aufgefordert werden konnte, seinen Vers zu rezitiren. Dies ist auch der Sinn des bisher noch nicht erklärten: פסוק לי פסוקך (Gitt. 86, a. 68, a. Chul. 95, b). Die Antwort,u der Kinder wurden selbst von her« vorragenden Schrlftgelehrten für ominös gehalten: ein Vorurtheil, welches MaimonideS nicht theilte und das l er daher im Widerspruche mit der Gemara in einem mildern Lichte darzustellen bemüht ist (Ab. Zara 1l, 8). Für da« populäre Vrrständniß der Bibel, oder doch eines bebeutenden TlieileS derselbe», wurde durch'die angestelltra Methurgemanim ober Ueberietzer gesorgt. יי Gegen die gegebene Erklärung des Mikra als reinen Leseun« terrichtes könnte eingewenbet werden, daß gerade der Beschäftigung mit Mikra eine Eulogie vorangehen muß, was nach manchen Schriftge« lehrten bei der Beschäftigung mit Midrasch und Mitchna nicht der Fall ist (Berach. 11, b). woraus erhellt, daß Mikra kein bloßes mechanisches Lesen des SchriftkerteS war. Dagegen muß man jedoch in Erwägung ziehen, daß hier vom Bibellesen Erwachsener und Unterrichteter die Rebe ist, nicht von dem Elementarunterrichte der Jugend. Das Schriflwort war auch Gegenstand des Studiums Erwachjcner (Ab. Zara 19, a), wenn es auch von manchen Schriftgelehrten, wie von de» meisten orthodoren Rabbinrn unserer Zeit, vernachlässiget wurde (Das. 4, a) und manchem Schriftgelehrten, der alle Mischna-Ordnungen stubirt hatte, die ersten Elemente der Hermeneutik unbekannt blieben (Sabb. 63, a). Mikra war de» Gewachsenen das mit Verständniß verbundene aber kursorische Lesen der h. Schrift; bas tiefere Studium der Schrift wurde mit (תנא .תנה) bezeichnet, weil ein solches Studium zugleich eiil Wiederholen des bereits gelesenen SchrifttrrteS war. Diese ursprüng ■ liche Bedeutung des fraglichen Wortes hat sich auch in späterer Zeit erhollen, wie aus folgenden Stellen erhellt: ומשיי שניתי לו,"I שני (Kidv. 33, a); לתנויי פרקין בספרא דבי רב (Ber. 1l. b). Der engere^ Sinn des Wortes ist aber tm Lause der Zeit ein anderer geworden und zwar in Folge der Entstehung der HalachaS seit Hillel dem Aeltern. Ob diese HalachaS schriftlich a»S Licht trat«», oder bloS mündlich tradirt wurden, haben wir hier nicht zu erörtern; genug sie waren vorhanden und sie wurden von R. Eliezer b. Hyrkanos, R. Akiba b. Josef erweitert. Zu dem alten Studium der Schrift (Midrasch, Talmud, Mischna) gesellte sich nun auch das Studium der HalachaS. Letzteres wurde so beliebt, daß die Freunde desselben len Ausdruck שנה darauf auwandten, .nnd das Studium der HalachaS Mischna nannten, welche Beninnung in der Folge aus die HalachaS selbst übertragen wurde. Die Freunde der allen Studienmethode protestirten aber gegen diese Uiurpation. Der Behauptung R. MelrS, eines Li> blingsschülers R. Akibus, daß man das neue Studium drr HalachaS als Mischna dezeichneu müsse, trat R. Jehuda b. Jlai mit.der Berichtigung entgegen, daß nur der Midrasch ober die Auslegung der Schrift, also das ältere Studium, auch den Namen Mischna zu tragen verdiene *). R. Jehuda, der sich überhaupt strikte an den Buchstaben, der Schrift anschloß, war ein jo entschiedener Gegner des immer exklusiver werdenden HalachastudiumS, daß er Jesaj. 68, 8. auf folgende Weise deutete: ״Höret das Wort des Ewigen, die ihr ängstlich seinem Worte folget", — daS sind die Gelehrten; ״es sagen eure Brüder. — dass in d d l e Freunde ber Schrift; ״die euch hassen'', — das sind die Freunde dev Mischna (B. Mez. 33. b)ü Nach diestk Äeußerung wirb man sich nicht wundern, daß die Karäer den Nr- Heber derielben zu den Ihrigen zählten. Und da R. Jehuda die Schn,tsorschnng für das wichtigste Studium erklärt, so hält er nur denjenigen für euieu Bibelleser (קריינא), der den Bibeltert zu übersrtzen versteht (Kidd. 49, a). Mit R. M,1r stimmte ein anderer Lieblingsschüler R AklbaS überein, nämlich R. Simon b. Jochai, welchem ebenfalls das Siudium der HalachaS bas höchste war (jer. Ber. l. 3. Ente u. d. Parallelst.) Der im 2 Zahrhnudert geführte Streit war tu! tritt.« Jahrhundert noch nicht/ geichlichiet, da R. Jochanan »och immer der Meinung war, daß man unter שונה schlechihin den Schrislsvrscher versteht (Kitd. 49, a), nach der richtigen L. A. des R. Adr. b. Dav. Im Laufe der Zeit feierte» jedoch die Halachisten über die Midraschisten einen vollständige» Sieg. Die HalachaS' standen großen Therls der PrariS näher, als das Wort der Thora, und die Beschäftigung mil denselben bol dem Geiste einen weitern Spielraum. Aus gleiche Weise tr'at bei den Rabbinen ber letzte» Jahrhnnh.erte bäS Bibelstudium in den Hintergrund.**) Nachdem die Halachisten gesiegt hatten, und besonders die Halacha׳ Sammlung R. I e h ud a S I. allgemeine Anerkennung fand und als vorzüglichster Gegenstand des Studiums den Namen Mi sch nä, — *) Zunz.', G. V. S- 43. a. hat weder den Sin». »och die Bedeutsamfeil.deö SlreilcS erkannt. - . .. ... •**) S. meinen Aufsatz: lieber den Geist des Talmuds in d-r 1837 erschienenen ״Universal-Klschenzniiittg" Nr. 62. Sp. 829 u» d das. Nr. 98. Sp. >362 und Jetzt in Frankels Mtschr. VI. 130.