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Ben Chananja · 1866-04-25 · 17 (25.4.1866) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
17 (25.4.1866)
Date
1866-04-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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323 324 Der zweite Theil der Abhandlung geht von der Sprache der Mischna aus, worauf eine Erklärung der Mischna Aboth 5, 20 folgt, um mit einigen Andeutungen über die durch ein Beispiel illustrirte Methode zu schließen. Die Behandlung dieses Beispiels (Ber. 1, 1) sowol, als auch die anderen halachischen Partieen der vorliegenden Ab- Handlung beweisen, daß die kritische Behandlung halachischer Themata sich immer mehr Bahn bricht, und ist Herr Dr. Stein um so mehr berufen, auf diesem Gebiete der jüdisch-theologischen Wissenschaft eine hervorragende Stelle einzunehmen, als er auch in der Darstellung halachischer Materien eine ausgezeichnete Gewandtheit besitzt. Eine klare, lichtvolle, dem gelauterten Geschmacke zusagende Darstellung verdient hier besondere Anerkennung, indem die bezügliche Literatur auch in dieser Rücksicht noch viel zu wünschen übrig läßt. Dagegen erfreuen sich die speziellen Wort- und Sacherklärungen nicht immer der erforderlichen Genauigkeit. So ist eS jedenfalls ein Jrrthum, wenn zu ערבות Ber. 1, 1. das Wort עבורה supplirt und ersteres mit ״Abendgottesdienst" wiedergegeben wird. Eine Abodah, die in so späte Abendzeit fiel, gab es gar nicht. Dann wird der Ausdruck auch dort gebraucht, wo vom Gottesdienste nicht die Rede ist, z. B. Menach. 99, Jb.; Ber. 55, b. In letzterer Stelle kommt allerdings nur שהרית vor. Für unfern Zweck hat es aber nichtsdestoweniger Beweiskraft, da beide Wörter, שהרית und ערבית, dieselbe Bildung haben. Daß dies keine Adjektiv-, sondern eine Nominalbildung ist, beweist das Genitiverhältniß: תפלת ערבית lBer. 27, b). Jrrthümlich wird S. 18. }תרומת auf das priesterliche Deputat überhaupt bezogen; bekanntlich bezeichnet eS nur die Hebe von gewissen Viktualien. Die Vertheilung der Opferdeputate fand nicht geräde in den Abendstunden statt: □ט״י ומ״ב א״ח בקדשי לערב (Zebach. 12, 1). Die gemaristijche Erklärung ist hier vollkommen sachgemäß. Die von Herrn Dr. Stein beibehaltene herkömmliche Uebersetzung: □הבמי—Weise ist unrichtig, wie schon aus Kiddusch. 49, b. erhellt. Es muß ״Schriftgelehrte" übersetzt werden. Näheres hierüber an einem andern Orte. Daß der gelehrte Hr. Vrs. mit EpiphaniuS משנה als ״zweite", d. i. mündliche Lehre ausfaßl, wird von Sachkennern wol schwerlich gebilligt werden. Die Wurzel שנה—lernen, studiren bezeichnet an vielen Stellen das Studium der Mischna, so daß über den Ursprung der letzter» Benennung gar kein Zweifel obwalten kann. (s. weiter unten.) Die Methodik des Unterrichtes betreffend schildert der Hr. Vrf. S. 14 mit Sachkenntniß und auf eine geistreiche Weise die Schwierigfeiten, die sich in unserer Zeit in gebildeten Ländern dem Talmudunterrichte entgegenstellen, und die in früherer Zeit, wo ״das jüdische Hans und Leben eine Menge von hebräischen Ausdrücken und Begriffen mit der Umgangssprache verwob", nicht vorhanden waren. Wie sollen nun diese Schwierigkeiten übekwunden werden? Hierüber hätten wir ausführlichere Belehrung gewünscht. Nach unserm unmaßgeblichen Dafürhalten muß man hier, wie bei andern didaktischen Fragen, zunächst das Lehrziel vor Augen haben. um »ach Maßgabe des Lehrzieles die Methode zur Erreichung desselben näher zu bestimmen. Welches ist heutzutage das Lehrziel des Elementarunterrichtes im Talmud? Dieses Ziel ist ein doppeltes: Wie beim Unterrichte in den klasfischen Sprachen soll der Zögling angeleitet werden, die Quellen, hier dre Mischna, Gemara und Zubehör, selbstständig mit Verständniß zu lesen; ferner soll er eine seinem Alter angemessene und mit seinen sonstigen Studie» vereinbarte Vertrautheit mit dem Inhalte jener Quellen erlangen. Beides ist ohne eine gewisse Gymnastik des Geistes nicht erreichbar. Doch ist darauf viel weniger Gewicht zu legen, als in früherer Zeit, wo der Talmud einziger Unterrichtsgegenstand war, und der Geist deö Schülers nur durch den Talmud ״geschärft" werden konnte. Die alte Unterrichtsmethode hat jenes doppelte Lehrziel vollständig erreicht. Diejenigen, vie sich heutzutage auf dem Gebiete des Talmuds mit Leichtigkeit bewegen, haben den Talmud nach der alten Methode studirt; die dies nicht anhaltend gethan haben. — die keine ״Bachurim" gewesen sind — können mit dem Talmud nicht leicht in Berührung kommen, ohne sich zu kompromittiren. Hierin reichen sich, wie die neueste Literatur beweist. Konservative und Reformer brüderlich die Hand. Aber die bewährte alte Methode hat ihr Ziel nur mit Hilfe eines ungeheuren Zeitaufwandes erreicht: eines Zeitaufwandes, der in unserer Zeit dem künftigen jüdischen Theologen nicht zu Gebote steht. Die methodische Kunst muß also ersetzen, was früher das weite Ausmaß der Unterrichtszeit geleistet hat. Die größte Schwierigkeit, die bei Anfänger» zu überwinden ist, bietet, wie jeder Sachkenner einräumen wird, das Lesen unpunktirter Terte. Die formale Seite des Lehrziels, das Quellenverständniß, kann offenbar nicht erreicht werden, wenn die Schüler nicht zur Lesefertigkeit gelangen. Eine ähnliche Schwierigkeit bietet kein Unterrichtsgegenstand; auf die Neberwindnug derselben muß also zuvörderst alle Aufmerksamkeit gerichtet werden. Da dem Anfänger die unpunktirten Tertesbnchstaben wie Hieroglyphen erscheinen, deren Lesung er sich auf keinerlei Weise zutraut; so müßte man schon beim Elementarunterrichte im Hebräischen darauf bedacht sein, den Schülern unpunktirter Terte in einem minder räthselhaften Lichte erscheinen zu lassen. Das Mittel hierzu ist nicht schwer zn finden» Im Siddnr, dem gewöhnlichen Lesebuche des Hebräischen, find manche Gebetstücke doppelt, einzelne Theile noch mehrfach abgedruckt; leicht könnten daher Sibdur-Ausgaben veranstaltet werde», in denen eui uud derselbe Terr bald punktirt, bald unpunktirt Vorkommen müßte. Diese Siddur-Ausgaben zum Schulgebranche hätten auch den Nutzen, daß sie vermöge ihrer gleichen Seitenzahl ohne den Zeitverlust benützt werden könnte», welcher gegenwärtig bei der Benützung der verschiedenen Siddur-Edmonen mit dem auch ohnedies schwierigen Unterrichte verbunden ist. Durch die vollkommene Konformität des Tertes würde auch die Ueberwachung des Richtiglesens erleichtert werden. Bei der heutigen Gepflogenheit kömmt es nicht selten vor, daß der zurechtgewiesene Schüler richtig las, indem das ihm vorliegende Buch Druckfehler oder abweichende Lesearten enthält. Die Substituirung unpunktirter Terte für die bereits mehrmals gelesenen punktirten wäre die erste Stufe. Die mit einer für den vorgeschlagenen Gebrauch geeigneten Siddur-AuSgabe verbundenen Auslagen sind nicht so bedeutend, daß in denselben ein Hinderniß läge. Vielmehr ist der Vorschlag leicht ausführbar, sobald sich einige größere jüdische Schulen, zunächst in Ungarn, verpflichten, von der fraglichen Siddur-Edition Gebrauch zu machen. Bei einem zweckmäßigen Vorgehen würde die neue Siddur-Edition die Quelle vielfacher Ersparniß werden. Nicht so leicht ist die Handhabung dieser Methode auf der zweiten Stufe in den höher» Volksschulklassen, wo neben punktirten, auch unpunktirte Bibelterte genommen werden sollten. Hier wären die Auslagen nicht so leicht zu bestreiten, selbst wen» mau sich auf den Pentateuch beschränken wollte. Allein eine Auswahl von Lehrstücken aus der Bibel würde den Bibelunterricht an sich viel fruchtbarer machen, als derselbe gegenwärtig ist, wo die zur Kräftigung des Glanbenö und deö jüdischen Selbstgefühls am meisten geeigneten Profetischen Aussprüche niemals zur Keniuniß der jüdischen Jugend gelangen, so daß das heutige Israel zum Beispiel gar nicht erfährt, was Jesajas von Israel, dem ״Knechte Gottes" sprach. Bibelknudige und erleuchtete Schulmänner mögen sich von dem blinden Lärm nicht irre machen lassen, der sich gegen de» eben gemachten Vorschlag »vol erheben wird. Die Einführung einer von religiösen und dogmatischen Gesichtspunkten nnd nach den Grundsätzen einer vernünftigen Didaktik geordneten Anthologie oder Chrestomathie der Bibel wird letztere nicht verdrängen, sondern dem Unterrichte der Bibel die Würde verschaffen, die ihm gebührt, und den Erfolg sichern, der bei dem Herkömmlichen nicht erzielt wird und nicht erzielt werden kann. Jedenfalls wäre eü uns im Interesse der für den jüdisch-religiösen Unterricht so wichtigen Frage sehr erwünscht, wenn Fachmänner es angemessen fänden, sich im ״B. CH." ausführlich darüber auSznsprecheu. Haben die Schüler die Anthologie inne, und sind sie zum Lesen unpunktirter Terte angeleitet worden, so wird in der Schule, wo sie für das Rabbiner-Seminar vorbereitet werden sollen, die Thora voll-

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