Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 17 (25.4.1866)
- Date
- 1866-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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317 318 wirksamere Kraft, als alle möglichen Formalitäten. Kommt noch hinzu, daß man schon vor vier Jahrhunderten in mehreren Ländern eine ganz einfache Beeidtgungsweise ohne irgend eine Formalität hatte (S. Ludwig Gilhausen in ai־- bore judiciaria p. 6. c. 6. n. 12.; ferner ein Dekret von Kaiser Karl V., betreffend die Konfirmation der jüdischen Privilegien vom 12. August 1630, worin nur vorgeschrieden wird: Als mir Gott helfe bei der Lehre, die Gott gab auf Sinai), daß mehrere Staten seit fast hundert Jahren nur die allgemeine Beeidigungsweise haben und daß man nur eine solche auch in den meisten deutschen Staten hat, so wird dies wol hinreichend sein, Jeden zu überzeugen, daß Zeremonien bei der Eidesleistung durchaus unnöthig sind. *) ijoniifetifdje Mefe. Von Rabbiner Dr. S. H. S o n n e s ch e i n. Vierter Brief. **) (Nach langem Winterschlaf. — Worin ein gutes Organ besteht. — Körperliche Schönheit des Vortrages. — Versündigung.^ WaraSdin, 12. April. Fast hätte ich Dir gezürnt, daß Du bei meiner nachdrücklichen Mahnung an die Wiederaufnahme unseres homiletischen Briefwechsels mit dem Zauberlehrling denkst: ״Die ich rief die Geister, werd' ich nun nicht loS!" Aber Du hast es auch verstanden, mich wieder zu besänftigen. Ich traue Deiner Versicherung, daß unsere Briefe nach dem langen Winterschlafe nun um so fruchtbarer gedeihen, um so rascher Blüte auf Blüte treiben sollen, den rechten, ausdauernden Ernst zu. Also zur Sache. Du forderst mich auf, über die ״Stimme" des Predigers — oder wie man es allgemein heißt — über das rednerische Organ eingehender abznhandeln. Ich werde es versuchen, in gedrängter Kürze Alles zu sagen, was zu den physischen Behelfen eines guten Organs gehört. Zur Erlangung eines vollendeten Vortrages bedarf die Stimme der Kraft, der Ausdauer, des Wohllauts und der B i e g s a m k e i t. Die Kraft der Stimme besteht vornehmlich darin, daß sie einen großen Raum auszufüllen, und selbst im Freien noch weithin gehört zu werden geeignet ist. Im nntergeordneten Sinne ist Kraft das Vermögen, jeder noch so mäch¬ *) Der Kuriosität wegen will ich hier anführen. wie ma» in einer dem Obigen ganz entgegcngesetzten Richtung gewisse Formalitäten beim christlichen Eide aus der Eidesleistung der Zuven hat herleiten wollen. In Gundlingiana, Halle 1716. 4. Stück wird die Frage behandelt: ״Warum die Geistlichen die Finger an die Brust legen, und die Weiber ein Gleiches thun?״ Und da heißt es denn in §. 8.: ״Gleichwie die Inden ihr Gesetzbuch, wenn sie schwuren. in der Hand zn halten pflegten. also legten die Christen dabei die Finger auf die Evangelien, welche bei ihnen einen besondern Vorzug hatten und welchen sie die Heiligkeit und eine göttliche Kraft beilegten. Die Weiber hingen auch wol das Evangelienbuch mit Schnüren an den Hals und ließen es über die linke Brust herunterfallen. Diese Gewohnheit schreibt sich aus dem Zudenthuine her (?). Unter den Juben dürfen die Weiber weder das Gesetz lehre» noch lernen. Wenn nun die jüdischen Weiber einen Eid ablegten, so durften sie auch das Gesetzbuch uicht in der Hand halten und nicht berühren (?). Und daher glaubte» die Christen, daß auch ihre Weiber bei dem Eidschwure das Evangelienbuch nicht berühren dürften. Daher war eine andere Erfindung nöthig. Die christ« lichen Weiber hingen das Evangelium an den Hals und trugen es auf der Brust. Cs ist also nicht zu verwundern, daß die Weiber bei dem Schwure die Finger an die Brust legten, wo sie das Evangelium nicht nur innerlich, sondern auch zuweilen außen hatten." Als Grund dafür, daß die Geistlichen, obschon sie auch das Evangelium um den Hals trugen, bei der Eidesleistung nur die Finger auf die Brust legten, beruft sich Gründling auf Chrpsostomus ״weil nämlich die Geiflltchen das Gva ngel illm im Herze«! habett." Homil. 39. ad pop. Opus imperfect. In Mathaeum serm. 43. In Bezug auf den Eid bei den Römern ist Virg. Aeneis XII. 201: tango aras mediosque ignes et numina testor, nicht ohne Interesse. **) S. vor. Zhrg.Nr. 38. 41. 45. tigen Empfindung den kräftigsten Ausdruck hinsichtlich der Tonstärke zu verleihen. Selbst eine schwächere Stimme kann durch zweckmäßige Uebungen sehr bedeutend gekräfttgt werden, vorausgesetzt, daß die Lungen gesund sind. Man gewöhne sich nämlich daran, anhaltend laut zu lesen , wobei sich aber davor zu hüten ist, die Tonhöhe auch nur im geringsten zu steigern; denn je höher die Töne werden; desto leichter arten sie in gellendes Schreien aus, was schon jenseits der Grenze eines guten Vortrages liegt. Mit der Kraft ist fast immer auch die Ausdauer der Stimme verbunden. Es ist dies die Fähigkeit, lange Zeit hindurch laut sprechen zu können, ohne heiser zu werden. Die Ermüdung durch anhaltendes Reden macht sich sowot geistig als körperlich geltend. Man verlier! einerseits den Faden der Gedanken, man muß sich gewaltig zusammennehmen, um zu Ende zu gelangen. Andererseits ermatten die Sprachwerkzeuge, der Mund wird trocken, das Sprechen wird beschwerlich, es tritt eine Art Schwindel, ein Blutandrang zu Kopfe ein, die Stimme endlich verliert an deutlicher Vernehmbarkeit. — Ausdauer ist eine rein körperliche Fertigkeit, die wie jede andere durch fleißige Uebung erworben wird. Ma» lese laut, bis man ermüdet, und lerne diese Ermüdung überwinden. Dies verabsäume namentlich der Prediger nicht, welcher seltener öffentlich zu sprechen Gelegenheit hat. Das laute Memoriren ist in dieser Beziehung ein treffliches Hilfsmittel. — Eine ungemein schädliche Gewohnheit ist das starke Räuspern vor dem Predigen, wodurch man sich gleich von vornhinein das Reden sehr erschwert. Jener eigenthümliche Ton, welcher das Grundwefen eines wohllautenden Organs ansmacht, läßt sich nicht näher schildern. Möglich, daß der Ausspruch Quintilians: k66tu8 68t, quod disertos facit“ — auch für den Wohlklang der Rede gilt, und vielleicht wäre damit die Quelle des sögenannten ״herzigen Tons" angedeutet. Freilich müßten die ersten Spuren desselben schon in der frühesten Jugend zu suchen sein. -י- Der schöne Klang, das ״Metall" der Stimme liegt in deren Reinheit, im leisen Vibriren, welches nicht gleich aufhört, sondern forttönend erst allmählig verhallt. Der angemessenste Sprachton für den öffentlichen Redner ist der mittlere Bariton. Auch wenn die natürliche Stimmanlage etwas höher oder tiefer ist, läßt sie sich durch vorsichtige Uebung wenigstens zum Theil verbessern. Ist eine Stimme zu hoch, so gewöhne man sich, auch in der alltäglichen Konversation, einen etwas liefern Sprachton an, als ihn die Natur dev Stimme anschlägt. Man setze dies, der anfänglichen Schwierigkeiten ungeachtet, beharrlich fort und die Rede wird zuletzt doch an Wohllaut gewinnen. Umgekehrt wird es ebenfalls und mit viel weniger Schwierigkeiten gelingen, tiefe Stimmen etwas in die Höhe zn schrauben. Mit Biegsamkeit der Stimme wird die Fähigkeit bezeichnet, jeder Empfindung den ihr geziemenden Ausdruck des Tons zu geben, und gleichzeitig den Stnfengang dieses Ausdruckes in der Gewalt zu haben. Diese Modulationsfähigkeit ist in der Regel bei jeder wohlorganisirten, kräftigen Stimme anzutreffen. Beim Prediger, der doch seine eigenen Empfindungen wiedergibt, geschieht übrigens der richtige Wechsel in der Betonung von selbst, nahezu unwillkürlich. Nichtsdestoweniger muß auch da die Stimme eine gewisse Selbstbeherrschung zu erlangen bestrebt sein. Die Stimme soll dem, der das öffentliche Sprechen zu seinem Berufe gewählt hat, also auch dem Prediger, heilig sein, wie ein kostbares Gut. Er hat nicht nur die Verpflichtung, alles zu meiden, was ihr nachtheilig werden könnte, sondern er muß ihr auch die sorgfältigste Pflege angedeihen lassen, er darf nichts unterlassen, was ihr vortheilhast ist. Besonders förderlich mag das Schwimmen im Flusse sein, weil es die Brust kräftigt und die Ausdauer der Lungen 17*