Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 41 (15.11.1866)
- Date
- 1866-11-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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793 794 Diese Organisation ist eine zu wenig bekannte, als daß ich mir ein-Urtheil über dieselbe erlauben könnte;׳ nur vernehme ich die Aeußernng, daß durch dieselbe, die Alles nach einer Schablone ordnet und ausführt, Stagnation und JndifferentiSmus selbst unter den Rabbinen entstanden und kein reger geschäftiger Geist vorhanden sein soll. Das neue Gebetbuch von Kirchenrath Mayer ist auch in vielen Gemeinden noch nicht eingeführt. Hierüber wird Ihnen der tüchtige Lehrer Herr Elsässer am besten berichten können. In Stuttgart wohnen jetzt circa 350 jüdische Familien, von denen die meisten erst in neuerer Zeit von auswärts dahin gezogen sind. Die neue Synagoge ist prachtvoll, der Gottesdienst in derselben mit Orgel- und Chorbegleitung sehr erhebend und erbauend. Die Thoravorlesungen geschehen aus die Weise, daß jede Sidra in drei Theile zerlegt wird, von welchem in einem dreijährigen Cykluö je ein Theil vorgelesen wird. Die Einrichtung ist meiner Ansicht nach sehr zu tadeln, weil hierdurch die Thora aus dem Zusammenhang geriffen wird. Warum nicht lieber den 3jährigen Cyklus beibehalten, der doch seine Berechtigung im Talmud hat? DaS Waisenhaus in Eßlingen, das ich in Begleitung des Direktors desselben, des Herrn Dr. jur. Adolf Levy, eines sehr edlen und biederen Mannes, der seine ganze Zeit und Kraft mit aller Aufopferung den jüdischen Interessen widmet, besuchte, sprach mich sehr an. Dasselbe ist in jeder Beziehung musterhaft und ist dessen ganze Einrichtung einfach und auf die Verhältnisse der Waisen berechnet. In Westphalen und Rheinland herrscht im gegenwärtigen Moment eine große Aufregung wegen des Lehrerseminars in Münster und wegen einer einzmeichenden Eingabe an das preuß. Abgeordnetenhaus für unsere vollkommene Emanzipation. Es war deshalb eine Versammlung auf den 1. September nach Köln anberaumt, der auch ich beiwohyte, und sollen Sie über den Verfolg derselben nähern Bericht erhalten. Für jetzt schließe ich diesen Bericht. Nächstens mehr über die Rabbinerangelegenheit in Lurembourg. I. K a h n, Oberrabb׳ t e f t'o l o g i e. New-Uork, 12. Oktober. Ohne Zweifel haben die Leser des ״B. Eh." bereits von der glücklichen Ankunft des Herrn Dr. A. Hübsch in Amerika und von dem herzlichen Empfang, der ihm von Seite seiner hiesigen Gemeinde zu Theil geworden, erfahren. Herr Dr. Hübsch hatte das große Glück, gleich durch sein erstes Auftreten hier die Herzen Aller zu gewinnen und an sich das לקה נפשות הכם bestätigt zu finden. Seine Predigten, die er seitdem gehalten, erfreuen sich des nngetheilten Beifalles nicht nur in seiner ganzen Gemeinde, sondern aller der Vielen, welche aus andern Gemeinden herbeiströmen, um den Neuangekommenen Rabbiner zu hören. In seiner Gemeinde zeigt sich ein förmlicher Wetteifer, ihm Beweise ihrer Verehrung und Liebe zu geben. Dieses hohe Glück, das ihm zu Theil geworden, ist aber leider durch einen sehr schweren Schlag des Geschickes getrübt worden; denn seine junge liebenSwürdige Gattin, welche bei der ihr von allen Seiten erwiesenen Aufmerksamkeit sich hier gleich heimisch und glück- ׳!ich fühlte, erkrankte einen Tag nach יוה״כ und der Charakter, den ihre Krankheit ännahm, — es war Typhus — erweckte gleich die Befürchtungen Aller , welche die Gefahr kannten, die aUf hiesigem Boden damit verbunden zu sein pflegt. Leider sollte das, was man befürchtete, in traurigster Weise sich verwirklichendenn trotz der zärtlichen Pflege Und des sorgfältigsten ärztlichen Beistandes verschlimmerte sich ihr Zustand von Tag zu Tag, und am 21. Tage ihres Krankenlagers, den 9. d. M., hauchte sie ihr junges Leben aus. 'Den Schmerz des schwer geprüften Gatten, der sich nun mit seinen drei kleinen Kindern von der zärtlichen Gattin verlassen sieht, kann sich Jeder denken. Die Theilnahme" seiner ehrenwerthen Ahabath-Chesed-Gemeinde ist unbeschreiblich. Das Leichenbegängniß, welches Tags darauf stattfand, war eines der größten, die ich hier unter Juden gesehen. Die Straße vor dem Trauerhause war gefüllt von einer unabsehbaren Menge, auf deren Gesicht Schmerz und Trauer ausgeprägt war. lieber 50 Equipagen folgten dem Leichenwagen durch die Stadt und hinaus auf den mehrere Meilen weit entfernten Gottesacker der Gemeinde. Dort angelangt, ordnete sich das Leichengefolge parweise mit Kerzen in der Hand und folgte der Bahre, welchem der Synagogenchor nnter Absingnng יושב בסתר voranging. Am Grabe bildete das aus mehreren hundert Herren und Damen bestebende Gefolge einen großen Kreis, in dessen Mitte der schwarz bedeckte Sarg stand. Einen erschütternden Eindruck machte es, als der schwer geprüfte Rabbiner an den Sarg seiner Gattin trat und wenige aber herzergreifende Worte sprach. Er begann mit dem Verse ans dem Hohenliede (6, 2) דודי ירד לגנו• הערוגות הבשם לרעות בגנים וללקט שושנים und knüpfte daran die schöne Parabel des Midrasch, durch welchen die Alten den frühen Tod so vieler Edlen und Frommen zu erklären suchten, daß nämlich der Herr des Gartens sich beim Eintritt in denselben die herrlichsten Früchte und lieblichsten Lilien pflücke. Ein lautes Schluchzen ward von der ganzen Menge vernommen, als. der Redner Anwendung von dieser Parabel auf seinen Trauerfall machte , indem er sein Haupt auf den Sarg sinken ließ und auörief: ״Auch meine Häuslichkeit war ein schöner herrlicher Garten und dies war die herrlichste Frucht, die lieblichste Pflanze in diesem Garten, mein Freund, du o Gott, mein himmlischer Freund, bist nievergestiegen in diesen Garten und hast diese herrlichste Frucht gepflückt." Nachdem er noch ergreifende Worte des Abschiedes an die verblichene Gattin gerichtet und der Gemeinde für ihre Theilnahme gedankt, sprach Dr. Bondi, Redakteur des ״H6br6>v Leader“ einige paffenbe Worte, die er an יקרה היא מפנינים knüpfte, indem er t>ie Tugenden der Dahingeschiedenen schilderte, welche durch ihre Liebenswürdigkeit in der kurzen Zeit ihres Hierseins so Viele für sich eingenommen. Hierauf hielt der Rabbiner der Anshe Chesed-Gemeinde Dr. M. Mielziner die eigentliche Grabrede. Er begann mit den Worten des Profeten Habakuk 3, 16: ״Ich vernahm es und es erzitterte mein Inuereö, ob der Kunde erbebten meine Lippen", und knüpfte daran die Schilderung des erschütternden Eindruckes, den die 41