Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 41 (15.11.1866)
- Date
- 1866-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2542917-2543175-2543216--5060-2548750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
779 780 selbst poetische Bearbeitungen einzelner biblischer Bücher'). Geschah aber alles dies ohne Widerspruch in Bezug auf die heilige Schrift; wie sollte der Gebrauch einer nichthebraischen Sprache an Epitafien unzulässig sein, die wol Gegenstand der Pietät sind, denen aber nach jüdischen Religionsanschauungen keine Heiligkeit zugesprochen werden kann? ES wird die betreffenden Herren vielleicht überraschen, aber es ist unleugbar, daß die Kassen im zweiten jerusalemischen Tempel nach dem Berichte des gefeierten Thannaiten R. Jsmael mit griechischen Buchstaben bezeichnet waren (Schekal. 3, 2), wahrscheinlich weil diese Buchstaben den auswärtigen, namentlich alerandrknischen und kleinasiatischen, Juden geläufiger waren. Auf den Beifall R. Jsmaels könnten also die Herren in keinem Falle rechnen. Die deutschen Juden, deren literärische Erzeugnisse in unserer Zeit einen so hohen Rang einnehmen, sind hinter ihren arabisch redenden Brüdern Jahrhunderte hindurch weit zurückgeblieben. Letztere standen unter dem wohlthätigen, belebenden Einflüsse einer im Gewände der herrschenden Nationalsprache auftretenden Bildung und wissenschaftlichen .׳Strebsamkeit. Zu dogmatischen und religionsfilosofischen Studien munterte sie insbesondere das Beispiel der Araber auf, und nöthigte die Rabbaniten der oppositionelle Geist und daS diesen Geist athmende Schriftthum der Karäer. Die germanofränkischen Juden wurden von alldem nicht berührt. Man wird sich daher nicht wundern, daß R. Joel b. Isaak Hci-Levi in Bonn zweihundert Jahre nach Saadiaö, auf das Urtheil R. Simon b. Gamaliels gestützt, nicht zugeben wollte, daß sich ein des Hebräischen unkundiger Proselyte die Vulgata zur Thora zu seinem Gebrauche kopiren lasse (Hagg. Maim. Tef. 1, 70). So dachte R. Joel im zwölften Jahrhundert, zur Zeit des zweiten Kreuzzuges. Aber selbst auf dem Standpunkte dieses Rigorismus muß die Wahl der Sprache für Epitaphien den betreffenden Familien überlassen bleiben; denn N. Simon b. Gamaliel spricht ja nur von der Bibel, nicht von.Epitafien! Im vierten Jahrhundert kam ein Schriftgelehrter in Persien auf den Gedanken, fremdsprachlichen Bibelterten größere Dignität beizulegen, wenn dieselben mit hebräischen Buchstaben geschrieben sind (Meg. 9, a). Und da sich die pastoralkluge Maxime, daß der Rabbiner beim just6 mM6u ') Die erste deutsche Uebersetznng der Thora, der Megilloth und Hastaroth erschien 1544 in Konstanz (Wolf. Bibl. 4 , 191). Zwanzig Jahre später erschien in Mantua eine poetische Bearbeitung des Buches der Richter; aus der Vorrede erhellt aber, daß die Bücher SauMel und Könige schon früher auf dieselbe Weise bearbeitet wurden. Eine gereimte Parafrase der Psalmen von Moses Stendel erschien 1586 in Krakau. Die Herausgabe besorgte die Frau Mosel Levi, deren Großvater, Rabb. Inda Levi, in Lodomir 50 Jahre Jeschiwa hielt. Die Herausgeberin sagt in der Vorrede: ״Nun Hab ich mich gefliffen — daß ich die Leut will lassen wisseu — wie. ich zu dem Tillim komme, mehr als die Andern — cs hat sich gegeben, daß ich Hab müssen wandern — da Hab ich das Tillini zu Han׳ nover gefunden — in dersclbigen Stunden — das Harar Mosche Stendel ׳ hat auf Deutsch gemacht — in den Reim und Niggnn von Schmnelbuch gebracht." Die poetischen Bibelbearbeitnngcn wurden also auch gesungen. — Als Probe der Stendelschen Bearbeitung möge der Anfang des 27. Psalmes dienen: ״Gott —er ist mein Licht; ich fürchte mich vor Niemct nicht- PseineS Lebens-Kraft ist Gott der Herr; von wem soll ich mrch ängsten sehr?" bleiben müsse, sogar aus dem Talmud herauslesen läßt (Joma 37, הרב באמצע); so dürfte sie auch auf die vorliegende Frage mit Nntzen anzuwenden sein: Man lasse die deutschen Inschriften mit hebräischen Buchstaben graviren! Der Inhalt wird die betreffenden Familien, die Form den Rabbiner beruhigen. וגם כל העם מוח על מקומו יבוא בשלום. Solchergestalt wird Jeder von seinem Standpunkte aus dem Andern friedlich entgegenkommen! In nicht wenigen Fragen hat man den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Man war beflissen, in der Sache der Orthodoxie, in der Form der Reform Rechnung zu tragen. Damit verträgt sich aber recht gut, in einer Frage mit der Umkehrung dieses Verhältnisses einen Versuch zu machen. Nach reiflicher Ueberlegung wird man jedoch kaum geneigt sein, an diesen Versuch sanguinische Hoffnungen zu knüpfen. Derselbe hätte wol das Geschick vieler anderer Vermittlungsproben, denen sich beide Parteien allenfalls fügen, ohne wahre Befriedigung darin zu finden, und ohne daß die eine und die andere Partei die Hoffnung anfgäbe, daß die Zukunft sie mehr begünstigen, und ihr zum vollständigen Siege, oder doch zur Erlangung nzeitergehender Konzessionen verhelfen werde. In dem vorliegenden Falle wird die proponirte Vermittlung den betreffenden Rabbiner schon aus dem Grunde geniren, weil er selbst deutsche Erbauungsschriften in deutschen Lettern herausgegeben hat, und es ihm daher unangenehm sein müßte, seine Antezedentien zu desavouiren. Aber auch die Chevra Kaddischa könnte sich nicht sehr erbaut fühlen. Denn offenbar würde sie sich nicht dazu hergeben, das Verbot des Rabbiners wider den Willen zahlreicher Familien aufrecht zu erhalten, wenn sie selbst den verbotenen Epitafien, als einer Neuerung, nicht abhold wäre. Gesetzt nun, es wäre wirklich von einer'Neuerung die Rede, so würde es sich noch immer fragen: Jst's denn in Allem, was in den Wirkungskreis der Chevra Kaddischa fällt, beim Alten geblieben? Ist das Herkommen in keinerlei Weise alterirt worden? Hat sich,.keine Neuerung Bahn gebrochen? Diese Fragen sind um so leichter zu beantworten, als in neuester Zeit wiederholte Versuche, — zuerst von Wiesner im ״B. CH." (5, 277—281), dann von Perles in Frankels Monatsschrift, — gemacht wurden, die Leichenbestattung des jüdischen Alterthums ausführlich zu beschreiben. Diese Beschreibnngen erschöpfen zwar ihren Gegenstand nicht; aber wer nur die darin angezogenen Quellen mit der heutigen Praxis vergleicht, wird sich auf die leichteste Weise die Ueberzeugung verschaffen, daß die m e i st e n Usance n d e s A l t e r t h u m s spurlos v e r s ch w u n den si n d, und die meisten Usancen der Gegenwart dem Alterthume un b ekann t wäre 11. Wir erinnern in ersterer Beziehung nur an die Klageweiber, die Instrumentalmusik, die wohlriechenden Spezereien"), die Stationen und Konsesse 93 ףcr. 53, a. Die ״Fackeln" erwähnen wir nicht, da dieselben nicht, wie irrthümlich behauptet wurde, zur Begleitnug des Leichenzuges gehörten: Vgl. Jer. Ber. 8,2.:הדא דאת אמר בנחונה למעלה ממטתו אבל אכם היו נתוניבם לסני מטתו של מת מברכין: Es ist also nicht von Fackeln, sondern von Lampen die Rede.