Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 14-15 (11.4.1866)
- Date
- 1866-04-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2542917-2543175-2543190--4742-2548744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
291 wie daö unsrige, mit einer unbezwingltchen Standhaftigkeit begabten, nicht, wie dieses, von einer großen Idee belebten und von der Nothwendigkeit, den angestammten Glauben zu wahren und zu schützen — dieser liebgewonnenen Ursache so vieler Qualen — ermuthigten Volke jeden Keim von Kultur, jede edle Disziplin erstickt haben würde. Um das Judenthum in seiner Literatur zu verherrlichen, ist erforderlich, die Sprache, die dasselbe erklärt, gründlich zu stndiren, die Werke der Grammatiker und Philologen, sowol die von Israeliten, als von Anhängern anderer GlaubenSbekenntnisse verfaßten möglichst zu vervollständigen und zu ergänzen, die hebräische Sprache praktisch zu üben, um sie wenigstens als gelehrte Sprache lebendig zu erhalten; ist erforderlich, sich ins Studium der Bibel und die hierzu von der Wissenschaft gebotenen Hilfsmittel zu vertiefen nnd die Arbeiten unserer großen Kommentatoren, die wir uns seit einiger Zeit haben abhanden kommen lassen, wieder aufzunehmen; ist endlich erforderlich, unser Alterthum, das mit dem Zeremonialgesetze in so engem Zusammenhänge steht, mit dem Lichte einer gesunden Kritik zu beleuchten. Und diese kühnen Vorsätze, in welchen es unser ausgezeichneter Meister sogar mit den Bannerträgern der literärischen Verjüngung im jüdischen Lager aufnehmen wollte, säumten nicht, sich in einigen Abhandlungen, mit denen er in einer zu Wien herausgegebenen hebräischen Zeitschrift auftrat, und die ihn schon als wacker in der Schriftauslegung, in der hebräischen Poesie und in der Kritik bekannt machten, weit mehr aber in einer schätzbaren Monografie über den chaldäischen Paraphrasten des Pentateuchs zu verwirklichen. Jedoch würde er diese Kampfübungen nur auf einen eng umgrenzten Ringplatz beschränkt haben müssen, hätte nicht ein glücklicher Zufall beigetragen, diesen zu erweitern. Die israelitischen Gemeinden des lombardisch-venetianischen Königreichs eröffneten, es sind nun sechsunddreißig Jahre, zu Padua ein Institut, um daselbst die künftigen Rabbiner heranbilden zu lassen- und sie beriefen ihn, um in demselben die linguistischen, exegetischen und historischen Lehrgegenstände, zugleich aber auch die jüdischen Grundsätze der Dogmatik und Ethik vorzutragen. Und dieses war ein günstiges Ereigniß. Der durch Privatunterricht bissenweise gewonnene Unterhalt hätte vielleicht mit der Zeit die kräftigen Flügel lähmen können, während das öffentliche Lehramt ihm sowol Muße als Gelegenheit bot, Werke von größerem Umfange in Angriff zu nehmen, was der Wissenschaft nur zum Vortheil gereichte. Er verfaßte nun ausgedehnte hebräische Kommentare über einige Bücher der Schrift, manche andere übersetzte er. Da nun die Pflicht mit dem angebornen Talente gemeinsam wirkten, drang er immer mehr in die tiefsten Geheimnisse der hebräischen Spracheigenheiten, die er in einer ausführlichen Grammatik, der er lehrreiche Prolegomeue vorangehen ließ, bekannt machte. Das Beispiel mit der Lehre vereinigend, handhabte er die heilige Sprache nicht nur mit einer besondern Meisterschaft, sondern auch mit einer solchen Originalität und Kraft, daß er als erster unter den gleichzeitigen Hebraisten galt, und es auch unstreitig war. Aus der Bibel, dem Talmud und den bekannten dogmatischen Werken schöpfte und vereinigte er in angemessenen Lektionen die Glaubens, und Sittenlehre; auch hat er angefangen, die Geschichte der Israeliten vorzutragen. Die spe-, ziell jüdische Tagespreffe, sowie ein lebhafter Briefwechsel mit den Koriphäen der jüdischen Wissenschaft in Deutschland, welche ihn um sein schon maßgebend gewordenes Urtheil häufig angingen und sich damit zufrieden gaben, boten ihm Gelegenheit, eine große Anzahl die Literatur, Geschichte und Alterthnmskunde betreffende Gegenstände zu besprechen und eine scharfsichtige Kritik zu üben. Stets bereit, der Wissen- 292 schaft und ihren Pflegern hilfreich entgegenzukommen, nahm er jede Anfrage freundlich auf, opferte er jedem, der bei ihm ansuchte, Zeit, ertheilte er Bescheid und Auskunft aus verschiedenen Manuskripten, die er besaß, nnd deren einige er der Vergessenheit entrissen hat. WaS jedoch in dem Leben des beweinten Professors vorzüglich bewunderungswürdig war, ist der Umstand, daß die durch eine schwächliche Gesundheit, wie durch häusliche Noth ihm bereiteten Qualen weder im Geringsten seine Thätigkeit minderten, noch einen Augenblick die gesegnete Ader seines geschäftigen Genies sich weniger reichlich ergießen machten. Aber noch weit härtere Proben, als eine geschwächte Körperanlage, als beschränkte Vermögensumstände, hatte ihm der Himmel aufbewahrt. Ach! er sah doch hinwelken, nach und nach abzehren und endlich im Frühlinge eines die günstigsten Erfolge und Ruhm versprechenden Lebens verscheiden -seinen Philorenos, diesen Sohn, der die Krone seines Hauptes, die Wonne seines Herzens und ein Wunder von frühzeitiger Gelehrsamkeit war, wovon uns die lehrreichen Schriften, die er zum Theil auch damals noch niederschrieb, als er verzweifelte, das Licht der Sonne länger genießen zu können, als Zeugniß hinterblieben sind. J) Wol ertrug der betrübte Vater diesen erschütternden Schlag mit männlicher Standhaftigkeit; wer bürgt jedoch dafür, ob nicht, eben darum, daß sein Aeußeres Heiterkeit zeigte, sein Herz durch diese Anstrengung um so grausamer zerrissen wurde? Die Zeit konnte der blntigen Wunde keineswegs gänzliche Heilung, wenigstens aber Linderung bringen. Jedoch mochte vielleicht ein anderes, nach Verlauf von nur wenigen Jahren eingetretenes bejammernswerthes Ereigniß den Lebensqnell in ihm versiegen machen. Erinnert Ihr Euch noch, o mitfühlende Anwesende! für wen sich das erste Grab in diesem Friedhof aufthat? O beweinenswerther Fall! es war für jenes Muster aller schönen Sitten, für seine einzige Tochter, seine angebetete Mariauna, die mit kindlicher Liebe sein Alter aufrichtete, seine Schmerzen milderte. * 2 3) Und ich selbst habe es erfahren, wie schrecklich die Qual für das Herz des liebevollen Vaters ist, die eigenen Kinder zu überleben; ich selbst habe es empfunden, da ich wenige Jahre vorher zuerst eine unvergleichliche Tochter meinen Armen entrissen sah0), und ich Unglückseliger sehe in diesem traurigen Umfange den weißen Leichenstein, der mir mit Wehklagen den andern unersetzlichen, erst neulich erlittenen Verlust eines Kleinodes zuruft, ein Denkmal meines Schmerzes. Ich sehe den Grabhügel sich erheben, welcher die sterbliche Hülle einer andern innigstgeliebten Tochter^), diese anmuthige, von jeder kostbaren Tugend duftende, aber schon am Morgen ihres Lebens gepflückte Blume deckt, und welche ich, wie der Stein wahrhaft sagt: ״in Sehnsucht vergehe und mich nur von Thränen nähre!" Unglücksfälle lasten desto schwerer auf dem Menschen, je älter er wird. Daher kommt es, daß, wenn der Geist Luzzattos ihren Anstürmungen widerstehen konnte, wenn im Kampfe mit dem Schmerze der feste Wille ihm oft die Siegeöpalnie reichte; wenn er, wenigstens Anfangs, im ge- 'j PhiloreneS, der älteste Sohn des Prof. Lnzzatto, ist in seineu! 25. Jahre am 25. Jäner 1854 gestorben. Ec war der Verfasser mehrerer Schriften, die theils in italienischen , theils in französischen Zeilschriften gedruckt find. Inder ״Uazzetta cii Venezia“ bfn 31. 3ä11er 1854, Nr. 25. hat ihm Prof, della Torre einen ausführlichen Nekrolog gewidmet. 2) Marianna war die einzige Tochter des sel. Professors. Sie starb im Juni 1862 achtzehn Jahre all. Der neue Friedhof zu Padua wurde mit ihrer Beerdigung eröffnet. 3) Cäsarina (hebr. שרה) die älteste Tochter des Prof, della Torre starb am 28. Febr. 1855, sechzehn Jahre alt. Emma, die Tochter desselben, starb am 13. Mai 1864 in ss-rem achtzehnten Lebentjabre. Die von dem Vater verfaßten hebr. und italiänischen Handschriften und Grabschriften sind im ״Oorriüre israelitico“ 1865 abgedruckt.