Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 14-15 (11.4.1866)
- Date
- 1866-04-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2542917-2543175-2543190--4741-2548743- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Homiletische und didaktische Jeilage zu ,Den ~.;״״ Rr. 14.1866. Rede, am Sarge Samuel David L uzzatto's gehalten von Prof. Lelio della Torre. (Aus dem Ztaliänischen übersetzt Fr. Willheim.) Schließet noch nicht jenen Sarg, o trauernde Brüder, schließet ihn noch nicht! Lasset mich früher eine Thräne in denselben weinen, eine Blume hineinwerfen! Lasset mich vor diesem Leichname, dem sich der unsterbliche, nun die unverhüllte Wahrheit schauende Geist entwand, und sei es auch in ungeordneten, mir von der tiefen GemüthSbewegung gestatteten Worten, den bittern Schmerz ausdrücken, den ich empfinde, indem ich mich durch einen unvermutheten Tod von dem getrennt sehe, der sich, es sind nun mehr als fünfunddreißig Jahre, mit mir aufmachte, um einen ungeebneten Weg anzutreten, den wir auch ausharrend und kämpfend gemeinsam zurückgelegt haben. Lasset mich jenes denkwürdigen Tages gedenken, an welchem wir, beide noch jung und beherzt, vertrauungsvoll die mühevolle Laufbahn betraten, auf welcher wir unter den Lasten des Lehramtes Jahre und Kräfte abnützten, während die eiserne Hand des Geschickes auf uns lastete, und mehr als Mühseligkeiten und das vorgerückte Alter uns niederdrückte. Möge ein Anderer an einem hierzu gelegeneren Orte die literärischen Leistungen des gefeierten Verblichenen preisen, möge er die lange Reihenfolge von Schriften, die dessen glänzenden Ruhm begründeten, in einer genauen Musterung vorführen und deren Nützlichkeit und Schützbarkeit einzeln angeben; möge er zeigen, welchen Zuwachs diese unserer speziellen Literatur und der Wissenschaft des Judenthumes verschafft haben: ich meinerseits will, einige Augenblicke dazu widmen, um in dem Leben Samuel David Luzzattos auf die bewunderungswürdigen Erfolge einer ausdauernden Beharrlichkeit in den Vorsätzen Hinweisen, die jedes Hinderniß, das den strebsamen Geist eher anspornt als zügelt, überwindet und indem ich hier unter Thränen spreche, will ich, anstatt die Verdienste des Dahingeschiedenen hervorzuheben, vielmehr den Zurückgebliebenen eine wichtige Lehre bieten, da derjenige, der sich zeitlebens ein unvergängliches Denkmal errichtet hat, jedes andern Lobes entrathen kann. Lnzzatto erblickte das Licht der Welt zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts und zwar als wollte die Börsehung, die seine Lebenszeit dem Studium und der Meditation gewidmet haben wollte, vom Geräusche der volkreichen Stadt, in der seine Wiege stand, fernhalten, in einem entlegenen, unansehnlichen Häuschen in Triest. Auch wehrte die Armuth von ihm die Anlockungen des Weltlebens ab., die schon so manches vorzügliche Talent von dem Wege der Ehre abirren ließen. Sein Vater, ein Mann von alten Sitten, Handwerker, unterrichtete ihn in den heiligen Schriften, diente ihm zum Muster einer ungeheuchelten Frömmigkeit und Entsagung. Er flößte ihm jene uneigennützige Liebe zum Studium des religiösen Schriftthumes ein, das später eine so reichliche Ernte bringen sollte, und eiferte den Jüngling an, demselben nach der Weise unserer ruhmwürdigen Lehrer, auch dann obzuliegen, als er gleich dem Vater, das tägliche Brod der Hände Arbeit abzwingen mußte. Als er sich jedoch zu einer beschaulichen, mit der Ausübung eines Handwerkes unvereinbaren Lebensweise unwiderstehlich hingezogen fühlte, gab er das Handwerk auf. Von Lehrern hat er wenig, jedoch Vieles — was sag ich Vieles? beinahe Alles hat er von sich selbst gelernt. Die Schätze der Gelehrsamkeit , die er später in so vielen hochgepriesenen Schriften verbreitete, hat er weder in den Schulen, in welchen er sich vielleicht niemals einschreiben ließ, noch aus dem Munde der Gelehrten, die einen gertngen Antheil an seiner scientistschen Ausbildung hatten, sondern aus Büchern, welche seine Hand Tag und Nacht mit unermüdlichem Fleiße aufschlug, gesammelt. Als er sich nachher dem Lehrfache widmete, und bei verschiedenen Gelegenheiten die ersten Proben seines Wissens schüchtern und zaghaft lieferte, wie war da seine Geburtsstadt überrascht, sich unbewußt im Besitze -eines so ausgezeichneten Genies, wie sehr staunte sie zugleich, den unansehnlichen und beinahe verschlossenen jungen Mann mit so vieler Gelehrsamkeit ausgerüstet zu sehen! Und diese Gelehrsamkeit hat er unter unglaublichen Mühseligkeiten und Entbehrungen, die er willig und vergnügt ertrug, in der Stille des einsamen Häuschens gesammelt. Da häufte er neuen Vorrath, mehrte er deren Umfang mit jedem Tag, von da aus theilte er Andern sein Wissen mit. Ihm thürmten sich beinahe uuübersteigliche Hindernisse entgegen; er nahm es aber, wie Jakob mit dem Engel, mit Allem, was ihm in den Weg trat, unerschrocken auf, und führte den Vorsatz aus, der schon den Geist des unbekannten Jünglings wie ein Blitz durchzuckte, dem er stets in Liebe nachhing und während seiner ganzen Lebenzeit wie einem Leitstern unabgewandten Blickes folgte, und dieser war: das Judenthum auf jede Weise zu verherrlichen. Dieses war die Aufgabe, der er sich gewidmet, das Ziel, wo der mühselige Weg enden sollte. Er wollte das Judenthum, das verleumdete und, wie er selbst behauptete, entstellte Judenthum verherrlichen, das heißt: er wollte eö so wie es ist, ausgezeichnet in dessen Rechtsgefühl und in dessen Liebeswerken denjenigen zeigen, welche ans unseligem Jrrthume wider dasselbe einen veralteten Unwillen nährten, oder das gemeine Vorurtheil, das es verschrie, zum Vorwände nehmend, das eingewurzelte Unrecht zu verewigen beabsichtigten. Dieses Judenthum, die Prinzipien, die es bilden, und die aus diesen entspringenden heilsamen Folgen wollte er in ein schönes, selbst für die Sehkraft minder geübter Geister gemildertes Licht stellen. Er wollte bas Judenthum verherrlichen in seiner Theorie, sogar zum Frommen seiner Glaubensgenossen, die es nicht kennen, und deshalb nicht schätzen, oder nicht achten, und wollte so den Tod bringenden Jndifferentismus von ihnen abschütteln. Er wollte es verherrlichen in seiner Geschichte; nicht blos in der seiner Institutionen, sondern in der des Volkes, das von ihm den Namen führt; nicht nur in der Geschichte jener glorreichen Zeit der politischen Eri-- stenz, sondern auch in der jener Tage des Verfalles und der Erniedrigung unseres Volkes, da es geschützt unter dem Banner des Glaubens, durch eine unerschütterliche Stand- Hastigkeit im Abwarten besserer Tage seine Größe zeigte. Er wollte es verherrlichen in der Geschichte, nicht allein in der der ganzen Nation, sondern auch, indem er durch eine kritische Beleuchtung Thatsachen und Personen der Vergessenheil entzog, auch solcher Individuen, die zum Ruhme derselben beigetragen haben. Er wollte das Jndenthum verherrlichen in seiner Literatur, in jenem ausgedehnten, vielgestaltigen, unerschöpflichem Schriftthume, dessen Grundlage die Bibel, dessen Hauptgegenständ und alleinigen Endzweck die Religion bildet, zu dessen Befruchtung und Ausdehnung mehr denn dreißig Jahr- Hunderte und — was eine bewundernswürdige Erscheinung ist — vornehmlich unglücksschwangere, verhängnißvolle, traurige Tage beigetragen haben, die bei jedem andern, nicht