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Ben Chananja · 1866-04-11 · 14-15 (11.4.1866) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
14-15 (11.4.1866)
Date
1866-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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269 270 ״Wie kömmt eS aber, i)aß die Juden im Süden und Westen der österreichischen Monarchie freiwillig die ihnen früher cigenthümlichen Kleidungsstücke abgelegt haben, ohne religiöse Skrupel zu empfinden?" Dies kömmt daher, weil kein religiöser Zwang ans sie auSgeübt wurde, und es ihnen überlassen blieb, diese Resorm spontan und allmalig, selbst unter dem Widerspruche mancher Fanatiker, zu vollziehen. Die orientalischen Juden nahmen seit langer Zeit keinen Anstand, sich gleich den Moslemin zu kleiden. Die jüdischen Aerzle in Italien ließen sichs schon im fünfzehnten Jahrhundert nicht nehmen, gleich den christlichen Acrzten eine Kappa zn tragen, obwol sie cs für nöthig hielten, bei Anfertigung derselben auf das Schaufäden-Gebot Rücksicht nehmen zu lassen. Manche Stimmen erhoben sich allerdings gegen die ״christliche" Tracht, aber R. Josef Kolon, einer der größten rabbinischen Koriphäen jener Zeit, wies sie mit aller Entschiedenheit zurück. In Prag hat N. EleazarFleckels noch im letzten Viertel deS vorigen Jahrhunderts zwar gegen die angeblich unjüdische weibliche Toilette geeifert; er predigte aber tauben Ohren, wie M a t t h a l h i a S N e n g r ö s ch e l, — Rabbiner zn Zilz, Proßnitz und Randnitz, — ein Menschenalter früher über denselben Gegenstand ebenso erfolglos gepredigct hatte, wie gegen die Perücken! Beide Prediger konnten einigen Trost darin finden, daß R. Hirsch Kajdenower schon im siebzehnten Jahrhundert und zwar in Polen in Rücksicht auf die Tracht sich keines glücklichen Kanzelerfolges rühmen konnte. Ware das hebr. Lexikon Salomon ParchonS, welches der vertienstvolle Sal. Gottl. Stern aus Nechnitz i844 mit so vieler Umsicht edirte, schon zu ihrer Zeit gedruckt gewesen, so hatten sie sich überzeugen können, daß die germano-fräntischen Juden ihr Haupthaar schon im zwölften Jahrhundert nicht dem talmudischeu Herkommen zum Opfer bringen wollten. Und hatte man zu ihrer Zeit den Talmud auch von archnologischem Standpunkte stndirt, so wäre es ihnen aus den überwiegend griechischen und lateinischen Namen der Kleidnngsstücke klar geworden, daß sich die Masse der Juden auch in der talmud'schen Zeit durch keine besondere Tracht von ihrer Umgebung unterschied. Möge sich daher die ״Konstitntivnelle" beruhigen. Nach Allem, was die Geschichte lehrt, ist es wahrscheinlich, daß die jüdische Tracht früher schwinden werde, als die Vvrurtheile der ״niederen Klassen", von denen die ״Konstitutionelle" spricht. Die bekannte Fabel von der Sonne und dem Winde findet hier die passendste Anwendnng. Dem Sturm der Unduldsamkeit gegenüber hüllte sich der polnische Jude desto fester in seinen Kaftan; die Sonne der Emanzipation wird ihm denselben unerträglich machen. Diese Sonne ist in Europa zuerst in Frankreich aufgegangen, und in diesem Augenblicke sucht sich sogar eine gewisse irenische Bestrebung von Seite der verschiedenen Glaubensbekenntnisse Bahn zn brechen. Ocffentliche Blätter berichten nämlich: ״Amads Thierry hatte in der ״Uevue des tleux Mondes“ einen Aufsatz über daS Leben deö heiligen Hieronymus veröffentlicht, indem er besonders darauf hingewiesen, wie der Heilige bei seiner Uebersetzuug der Bibel ins Lateinische (der Vulgata) sich mehrfach der gelehrten Israeliten bedient habe. Durch diese Thatsache angeregt, ist hier eine katholisch-protestantisch-israelitische Kommission zusammengetreten, um eine neue mustergiltige Bibelübersetzung ins Französische zu veranstalten. Infolge dessen begaben sich Abbe Deguerry, Pfarrer von der Madelainekirche und designirter Bischof, Pastor Valette vom protestantischen Konsistvrinm und der Großrabbiner von Paris, Lazare Isidore, zu Thierry, um diesen zu bitten, das Präsidium jener Kom- Mission zu übernehmen und so die Uebersetzungsardeit zu leiten. Anfänglich weigerte sich Thierry, acceptirte jedoch schließlich unter der Bedingung, daß dem Erzbischöfe von Paris das Ehrenpräsidium übertragen werde. Msgr. Darbo y nahm dieses Ehrenpräsidium nicht nur an, sondern versprach sogar, für seine Diözese das Imprimatur zn ertheilen, indem er auf die Frage eines der Beauftragten: ״Und Nom?" kurz eutgegnete: ״Je m’en cliargerai!“ Die Übersetzung soll nun wirklich in Angriff genommen und damit begonnen werden, für alle streitigen Bibelstellen eine ״neutrale" Fassung ausfindig zu machen. Der Ausgabe für jede der verschiedeuen Konfessionen bliebe es anheimgestellt, im Texte die ihr zusagende Fassung jener Stelle zu bringen, unter der Bedingung jedoch, daß in Form von Anmerkungen die ״neutrale" Gestaltung, sowie die Auffassung der andern Parteien der streitigen Stellen gleichfalls mit abgedruckt werde. Dieses tolerante Vorgehen findet überall die allgemeinste Anerkennung." Die Gesellschaft, die sich zum Behufe der Bibelübersetzuug gebildet hat, hielt am 21. v. M. unter dem Vorsitze des Senators und Akademikers Thierry ihre erste Sitzung. Urner den gründenden Mitgliedern, von denen jedoch in neuester Zeit einige katholische austraten, befanden sich fünfzehn Mitglieder der katholischen, sechs der protestantischen Geistlichkeit, sieben Juden, mehrere Mitglieder der Akademie und deö Instituts, Professoren am Kollege de France und der Fakultät der schonen Wissenschaften, hochgestellte Statsbeamte, berühmte Gelehrte und der Prinz LoniS Lucian Bonaparte. Die wissenschaftliche Auslegung der heil. Schrift kann durch das Zusammenwirken hervorragender Eregeten nur gewinnen, und da eS sich nicht um einen Kommentar, sondern bloö um eine Uebersetzuug handelt, so hat man Grund genug, zu hoffen, daß das Werk zu Staude kommen werde. Auf den Umstand, daß die Uebersetzer verschiedene n Religionsbekeutttuissen angehören, legen wir jedoch kein besonderes Gewicht. Die Auffassung des Bibelwortes hängt heutzutage viel weniger von der Verschiedenheit der Kirchen oder Nelionsgesellschaften , als von der Verschiedenheit der R i ch - tun gen ab, welche innerhalb der bezüglichen Kirche oder Religionsgesellschast hervortreten. AuS naheliegenden Grün - den ist dies besonders bei den Protestanten und Juden der Fall. Die Philippson'sche Bibel wird von der jüdischen Orthodorie perhorreszirt, und es hat sich bekanntlich eine jüdischorthodoxe Bibelgesellschaft gebildet. Nur in Einer Beziehu ng können die Wvrtführ r dieser Gesellschaft der Uebersetzuug Philippson'ö vor den Uebersetzungen D e We tt e's, Ew a l d'S, U m b r e i t's, H i tz i g'S und anderer protestantischer Er egeten den Vorzug geben: in der Treue gegen die Maffora. 14*

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