Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1866-04-11 · 14-15 (11.4.1866) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
14-15 (11.4.1866)
Date
1866-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2542917-2543175-2543190--4730-2548732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

267 268 lange sie bestehen, eine vollständige und wahre Emanzipation der Juden unmöglich machen. Das Judenthnm wird beim Unterricht gewöhnlich nur in seiner religiösen Bedeutung und in Beziehung zur Geschichte des Christenthums berücksichtigt. Von der kulturhistorischen Bedeutung der Semiten ist selbst in höheren Lehranstalten selten die Rede, und doch haben die Semiten, namentlich die Phönizier, auf die kulturhistorische Entwicklung des Abendlandes den größten Einfluß geübt." ״Die bezüglichen Verhältnisse sind leider sehr schwer zu resormiren, denn die wahre Toleranz wird nur als Frucht tiefer und allseitiger Bildung erworben; es ist daher kaum zu hoffen, daß die niederen Klassen in absehbarer Zeit auf eine entsprechende Stufe der Kultur gehoben werden können." Ein für Juden und Christen sehr niederschlagendes Bekenntniß! Jene bedroht es mit der Unverwüstlichkeit der gegen sie gehegten Antipathie, diesen ruft es zu: Wenn ihr euch einbildet, eure Religion fei eine Religion der Liebe, so irret ihr. Denn in euern Schulen und Kirchen wird eine ganze Volköklasse nur in einem ״feindseligen" Lichtegezeigt, und schon in enerm Kindesalter wird in enerm harmlosen Herzen Antipathie gegen eine ganze Volksklasse wach gerufen. In soferne nun dieses traurige Bekenntniß auf Thatsachen beruht, ist dagegen nichts eiuzuwendeu. Müssen aber diese Thatsachen unverändert fortdanern? Gibt es kein Heilmittel dagegen? Soll der Menschenhaß in Permanenz erklart werden? Da die ״Konstitutionelle" ihr Raisonnement mit den Worten einleitet, daß die ״Hauptaufgabe der christlichen Schule und Kanzel zufällt", und daß mithin von diesen Stätten aus die vollkommene soziale Versöhnung zwischen Christen und Inden angebahnt werden müsse; so ist man wol berechtigt, zu erwarten, sie werde hieraus das Korrolarium ziehen, daß die ״Hauptaufgabe" der christlichen Schule und Kanzel in Zukunft in einen! andern Geiste gelöst werden müsse, als dies nach dem Bekenntnisse der ״Konstitutionellen" bisher geschehen ist. Diese Erwartung wird aber keineswegs gerechtfertigt. Die ״Konstitutionelle" läßt die Prämisse, von welcher sie ausgegangen ist, gänzlich fallen, und wagt ״kaum zu hoffen, daß die niederen Klassen in absehbarer Zeit auf eine entsprechende Stufe der Kultur gehoben werden können." Aber das Wort der Belehrung in der Schule und auf der Kanzel geht ja nicht von den niedern Klassen aus, sondern von gebildeten Geistlichen! Diese sind eS ja, welchen die nieder!! Klassen ihre Erziehung, namentlich ihre religiöse Erziehung verdanken. Wenn also rie ״ffouftUiitioiicKc'1 Pcv Meinung ist, daß Schule rrnd Kanzel im Ganzen und Großen nicht verjöhnlich wirken; warum schiebt sie die Schuld der Antipathie gegen die Juden auf die nieder!! Klassen? Warum rügt sie nicht das Vorgehen derjenigen, von denen nach ihren! eigene!! Bekenntnisse das Judenthnm den niedere!! Klassen in eine!״!.׳ feindselige!! Lichte gezeigt wird?" Warum verweilt sie hoffnungslos bei der Diagnose, ohne an das so nahe liegende Heilmittel zu denken? Eine hierauf bezügliche Andeutung wäre hier jedenfalls eher anr Platze gewesen, als der Seitenhieb auf die Juden, die in knltnrhiftorischer Beziehung den Phöniziern nachgestellt werden, wobei weder ans die Literatur der ersteren, noch auf den Umstand geachtet wird, daß selbst die Erfindung der Buchstabenschrift von bedenkenden Forschern den Phöniziern ab-, und den Israeliten zngesprochen wird. Der erste und vielfach benützte Versuch, größere Schriften mit möglich treuer Anschließung an das Original ans einer Sprache in die andere zu übersetzen, ist durch die Septuaginta von den Juden ausgegangen. Auch sind dieselben für Kultur und Literatnr thatig geblieben, nachdem die Phönizier längst aus der Reihe der lebenden Völker geschwunden waren. Wenn also, wie die ״Konstitutionelle" meint, die Inden von kniturhistorischem Standpunkte in höheren Schulen eine gerechtere Würdigung erfahren sollten, als ihnen gegenwärtig zu Theil wird; so könnte, falls dies geschieht, das Verdienst der Juden »m die abendländische Kultur wol schwerlich dem der Phönizier nachgesetzl werden. Doch lassen wir die Vergangenheit, da eS sich hier nicht um historische Fragen, sondern um brennende Fragen der Gegenwart handelt. Die ״Konstitutionelle" scheint von der Voraussetzung auszugehen, daß die Emanzipation der Juden nur dort ״zur Wahrheit gemacht wird", wo in Folge einer fortgeschrittenen Kultur der soziale Verkehr zwischen Christen und Juden eine freundlichere Gestalt angenommen hat. Und während sie nach ihrem eigenen Bekenntnisse kaum zu hoffen wagt, daß die niederen Klassen der Christen in absehbarer Zeit ans eine der Toleranz entsprechende Stufe der Kultur gehoben werden können, tragt sie fern Bedenken, über die nieder!! Klassen der Juden, die hinter ihren Er- Wartungen Zurückbleiben, den Stab zu brechen. Gerecht, human ist dies sicherlich nicht. Gleichwol wäre es eine uuverzeihliche Befangenheit, das, was hier gesagt wird, ganz zu überhören. Es sind nicht alle Juden in der österreichischen Monarchie, sondern nur die in einigen Theilen Nordungarnö und Galiziens, die der Tadel der ״Konstitutionellen" trifft. ״Während", sagt sie, ״in den deutschen Ländern und in Süd- Ungarn sich die Inden in ihrem äußeren Erscheinen durchaus der Landesweise angeschlossen haben, gefallen sie sich in jenen Theilen in einer Tracht, welche die Juden schon anßerlich von den übrigen LandeSb.wohnern scheide!. Diese Tracht ist unschön und im höchsten Grade!!!!zweckmäßig, weil sie hinderlich beim Arbeiten ist. Warum behalten gleichwol die Juden diese Tracht bei? Warum erhalten sie diese äußeren Unterscheidungszeichen? Warum erinnern die Juden so ihre Milbürger fort und fort daran, daß das Judenthum eine andere Nationalität und eine andere Religion einschließt?" ״Ist das!!!!!sichtig, ist das weise gehandelt?" Die überwiegende Mehrzahl der Leser des ״B. Cd." wird die letzte Frage vielleicht mit einem entschiedenen Nein beantworten. Und doch glauben die Juden, welche sich durch ihre Kleidung von der christlichen Bevölkerung unterscheiden, dadurch eine religiöse Pflicht zu erfüllen, so daß ihnen die unfreiwillige Ablegung ihrer Tracht in keinem andern Licbte, als in dem des Gewissenszwanges e'rscheiuei! müßte!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.