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Ben Chananja · 1866-03-21 · 12 (21.3.1866) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
12 (21.3.1866)
Date
1866-03-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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243 244 Ehrfurcht vor Gott, was wir aus ferner und heiliger Scheu vor dem Heiligen, thun, ist auch ein frommes Bestreben und ein Bestandtheil der Frömmigkeit. Aber nur muß dieses in Wahrheit auch der Ausdruck der Ehrfurcht vor Gott sein , muß auch wahrhaft in ihm eine fromme Gesinnung sich auösprechrn. Fehlt diese fromme Gesinnung, will man sich durch scheinheilige Reden, durch heuchlerische Geberden vor Menschen das Ansehen eines Frommen geben, ist man bemüht, äußerlich alles zn befolgen, ohne daß jedoch der Entschluß vorhanden ist, von dem Drucke sich frei zu mächen, den unsre Sinnlichkeit auf das höhere Leben ausübt, so können wir das nicht mehr Frömmigkeit nennen: es ist Frömmelei. Darin hätten wir sonach einen Maßstab der Unterscheidung zwischen Fr.ömmigkeit und Frömmelei. Frömmigkeit ist Gottesfurcht. In Allem was der Fromme thut spricht sich Gottesfurcht, Gottesverehrung, Anbetung des Heiligen und Unterwerfung unter seinen Willen aus. Frömmelei dagegen ist Menschenfurcht, Scheu, Rücksicht auf Menschenurtheil und Menschengunst; macht also nicht frei von dem ׳Drucke der Sinnlichkeit, sondern ist selbst Unterdrückung des höheren Lebens und macht unsere Seele zum Sklaven der׳ Sinnenwelt. II. ״Euere Schuhe an Eueren Füßen." Wir wissen, daß der Morgenländer nur dann seine Schuhe anzog, wenn er sich entschlossen hatte, eine Reise anzutreten. ״Die Schuhe an den Füßen" d. h. Ihr sollt euch in den Stand setzen, auch reisen zu können. Das Volk sollte nicht blos den Entschluß fassen, aus dem Lande der Knechtschaft zu ziehen, sondern sollte sich auch hiezu befähigen u. richten. Auch wir, m, g. Z., wollen wir uus von dem Drucke frei machen, den unsere Sinnlichkeit auf unser höheres Leben auöübt, so müssen wir uns hiezu befähigen und in Stand setzen; wir müssen unser» Willen stärken und kräftigen; wir müssen uns unterweisen und belehren lassen. Dieses Streben, immer fähiger zu werden, über seine Sinnlichkeit zu herrschen, sich von seinen Jrrrhümern zu befreien, seine Fehler und Unlügenden abzulegen, seine religiöse Gesinnung immer höher zu steigeru, dieses Streben ist ein frommes und heißt Frömmigkeit. Soll aber dieses Streben vorhanden sein, g. Z., so müssen wir Sorge tragen, daß wir Frömmigkeit nicht mit Frömmelei verwechseln, denn eben darin unterscheidet sich diese von jener. Frömmigkeit ist bescheiden und will sich belehren lassen, Frömmelei dagegen ist stolz und wendet starrsinnig von jeder Belehrung und Zurechtweisung sich ab. Der Fromme weiß, daß er als Mensch irren kann und Vieles lernen muß, dankbar hört er jede Zurechtweisung und Belehrung an; still und sinnend achter er auf der Ausspruch derer, die seiner Meinung widersprechen, ernst und wahrheitsliebend forscht er nach, untersucht und strebt nach einem richtigen Verständnisse dessen, was ihm noch unserstündlich und dunkel ist. Schweigend und ohne Groll hört er seine Fehler tadeln, denn er will sich ja bessern, will ja fortschreiten auf dem Pfade der Tugend, will ja stärker werden und seine Sinnlichkeit immer mehr beherrschen könneu. Dankbar läßt er ab von Gewohnheiten und Untugcnden und schämt sich nicht seiner Sinnesänderung und Umgestaltung seines Lebenswandels. Er scheuet sich nicht, vor Menschen seine Schachheit zu bekennen, um desto stärker vor Gott zu sein; vor Menschen seinen Jrrthum einzugestehen, nm desto mehr an Weisheit zu gewinnen für die Zukunft. — Nicht also d. Frömmelei. Wer Frömmigkeit mit Frömmelei verwechselt, wer äußerlich nur fromm zu sein -sich bestrebt, wer sich schon für gottesfürchtig und religiös hält, weil sein äußeres Leben den Schein der Frömmigkeit hat, ist stolz׳ und hochmüthig. Stolz und hochmüthig hält Frömmelei sich schon für so religiös, daß die Barmherzigkeit ihr sicher ist, hält sich schon für so weise, daß jede Belehrung ihr überflüssig scheint, schon für so fromm, daß Niemand höher stehen kann. Sie will vor Menschen so rein und fleckenlos scheinen, daß ihr der Tadel eine schmerzhafte Kränkung ist, sie will nur äußerlich nachahmen, daß ihr Belehrung und Unterweisunng überflüssig scheint. Sie will selbst keinen Tadel hören, aber stolz und hochmüthig sich über Andere stellen, ihre Fehler tadeln und ihre Schwächen ihnen zum Vorwurfe machen. Ja, tl). Z., wollen wir von dem Drucke, den unsere Sinnlichkeit auf unser höheres Leben ausübt, unS frei machen; so dürfen wir Frömmigkeit nicht mit Frömmelei verwechseln. Der Scheinheilige glaubt seine Frömmigkeit und Religiosität sei schon fertig, er meint, er bedarf keiner Besserung und strebt auch nicht, sich vollkommener und besser zu machen. Darin liegtaber eben die wahre Frömmigkeit und Religiösität, geistig immer höher steigen zu wollen, die sittliche Kraft immer mehr zu stärken, und zur Ausübung des Guten sich immer mehr zu befähigen. Dieses Streben muß uns durchdringen und beseligen. Dieses Streben allein macht uns fähig, unser höheres Leben von dem Drucke der Sinnlichkeit zu befreien. Fehlt uns dieses Streben, so sinken wir immer tiefer, statt empor zu steigen, fallen immer mehr, statt uns aufzurichten, gehen immer weiter zurück, statt vorzuschreiten. HI. Aber nicht blos befähigen müssen wir uns, wir müssen auch den Willen zur Ausführung bringen. ״Und den Stab in euerer Hand" heißt es weiter in unsrem Texte. ״Den Stab in der Hand" heißt seine Reise wirklich antreten. Das Volk sollte nicht blos bereit sein aus dem Lande zn ziehen, sondern sollte diesen Auszug auch verwirklichen, sollte sich auch diese Kraft zukrauen und vor den entgegenstehenden Hindernissen sich nicht ängstigen und abschrecken lassen. Auch wir sollen unser höheres Leben-aus ' dem Drucke der Sinnlichkeit befreien. Unser Wille muß zur That werden. Wir müssen das Gute, das wir sollen, auch vollbringen; die Kraft die wir besitzen, auch gebrauchen; die Pflichten, die wir übernommen, auch erfüllen; die Vorschriften und Gebote, die Gott uns gegeben, auch beobachten. Wir müssen Gutes thun, Edles ausführen, Menschen beglücken, das Heil Anderer fördern, und zum Wohl der ganzen Menschheit nach Kräften beitragen. Dieses Wirken, diese Thätigkeit heißt Fromm sein. Aber hüten wir uns, daß wir nicht Frömmigkeit mit Frömmelei verwechseln. Frömmigket ist liebevoll, mild und barmherzig, gerecht und wohlthätig. Frömmelei dagegen ist grausam, hartherzig und feindselig. Frömmigkeit liebt Gott und weiß, daß die Liebe zu Gott nur in der Liebe zu den Menschen sich offenbart. Frömmigkeit liebt und will diese Liebe nicht blos in Worten aussprechen, sondern auch durch Handlungen und Werke der Liebe beweise», Frömmigkeit liebt selbst auch den Schwachen, den Fehlenden und Irrenden, ist nachsichtsvoll mit, ihren Schwächen, übt Geduld gegen ihre Verirrung und Barmherzigkeit selbst bei verschuldeten Leiden. Aber' die Frömmelei? Selbst falsch und äußerlich sich verstellend ist sie gegen jeden Menschen mißtrauisch und argwöhnisch , steht in jedem Frommen einen Heuchler, in jeder edlen That einen selbstüchtigen Zweck, in jedem edlen Streben eine falsche, verkehrte Richtung, in der edelsten Aufopferung und Hingebung ein schädliches und sündhaftes Bestreben. Frömmelei will fromm scheinen und ist auch nur zum Scheine liebreich und sanft. Mit gleißnerischen Worten, mit falschen Liebkosungen, mit zärtlichen sanften Redensarten will sie den Schmerz lindern, dem Unglücklichen Linderung verschaffen und ihre Freundschaft an den Tag legen; fordert aber das Lebe» Anstrengnug, Aufopferung, Kraft und Hingebung, dann zieht die Frömmelei sich zurück und läßt

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