Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 12 (21.3.1866)
- Date
- 1866-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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227 228 feiet feilt ״wirthschaftliches" Hiuderniß gefunden, und hier bei unö in Oesterreich sollte sie ein solches sein? Ist eS nicht Sache des Juden, es einerseits mit seinen Kräften und andererseits mit seinem Gewiffeu abznmachen, wie er der Sabbathfeier uud den Forderungen der Gesellschaft gerecht werden will? Ist nicht dies die allein richtige Emanzipation, die den Statsbürger in seine Menschenrechte einsetzt, ohne jede Bedingung, ohne Rücksicht auf seine Konfession? Fast steht eS aus, als hätte die ״Oesterreichische Zeitung" nach einem Grunde gegen die Gleichberechtigung gesucht und die Sabbathfeier als einen plausiblen dafür gefunden, und man wird in dieser Vermulhung durch folgenden Satz bestätigt, der sich in dem Artikel findet: ״Wir glauben, daß diese Andeutungeu genügen, um darzuthun, daß die allgemeine Emanzipation der Juden unmöglich ist, daß sie trotz aller Gesetze sich praktisch nicht vollziehen wird, wo die Juden an der Samötag-Sabbathfeier festhalten." ״Unmöglich!" Daö ist des Pudels Kern! In dem Momente der Judenkrawalle in Böhmen ist ein solches ״Unmöglich!", in einem Negierungsorgane doppelt ausfällig! So weit die ״Ostdeutsche Post." Wir haben nur folgende Bemerkungen hinznzufügen: 1. Der Etat hat daö nnbezweifelte Recht, von den Juden, die er emanzipirt, die Erfüllung aller Bürger- Pflichten zu fordern, und nicht zu gestatten, daß sich der Jude unter der Berufung auf seine Neligionsvorschriften der Erfüllung einer Bürgerpflicht entziehe. Nun ist eS aber offenkundige Thatsache, daß Tausende und aber Tausende von Juden in den transleilhanischen Ländern seit Kaiser Josef II., in Ungarn seit 1807 in der österreichischen Armee Waffendienste leisten, ohne daß eS ihnen in den Sinn gekommen wäre, sich auf das Zeremonialgesetz zu berufen, um von diesem Dienste befreit zu werden. Die Juden haben mithin auf eine über jeden Widerspruch erhabene Weise dargethan, daß ihre Religion sie nich! verhindere, ihrer Bürgerpflicht nachznkommen. Hierin herrscht zwischen Orthvdoren und Reformern die vollkommenste Uebereinstimmuug. Die konstitutionelle ״Oesterreichische Zeitung" scheut sich nicht, die Frage aufzuwerfen: ״Darf eine Negierung Apotheken an Juden verleihen, wenn diese nicht zu jeder Stunde bereit sind, dem Kranken die geforderten Medikamente anzufertigen?" Seltsame Frage! Weiß denn die Konftitutionelle nichts von den zahlreichen jüdischen Aerzten, oder sind ihr etwa solche jüdische Aerzte bekannt, die nicht ״zu jeder Stunde bereit sind", den ihres Beistandes bedürsenden Kranken ׳zu Hilfe zu eilen und die sich der ärztlichen Praxis entziehen, um dem rigorosen Sabbathgesetze Genüge .zu.leistei;? . 2. Die ״Konstitutionelle" wagt zu behaupten: ״Wenn zwischen Arbeitsamkeit und Sittlichkeit ein Zusammenhang, so ist klar, daß der Resormjude, welcher den Sabbath-auf den Sonntag verlegt hat, sittlicher sein muß, als der orthodoxe Jude, denn er arbeite! mehr, erwirbt also, caetayis paribus, mehr." Mit d?mselben.Rechte wird man aber auch folgendermaßen raisonniren können: ״Wenn zwischen Arbeitsamkeit und Sittlichkeit ein Zusammenhang, so ist es klar, daß der Christ, welcher auch am Sonntage arbeitet, sittlicher sein muß, als der orthodoxe Christ, denn er arbeitet mehr, erwirbt er also, 6u6teri8 par!bu8, mehr." In Wahrheit ist aber dieses׳ Naisonnement ebenso unstatthaft, alö jenes. Die Sittlichkeit menschlicher Handlungen .wird nicht nach dem von denselben herbeigeführten Nutzen, sondern nach den Motiven beurtheilt, aus denen sie fließen; die Gesinnung, die ihnen zu Grunde liegt, verleiht ihnen Bedeutung uud Moralität: ״Vor allem Andern hüte deine Gesinnung, denn von ihr gehen ans die Bahnen des Lebens. (Spr.4, 23.) Zwischen Arbeitsamkeit und Sittlichkeit ist nun unleugbar ein Zusammenhang. Jeder hat die Pflicht, zu arbeiten, und es ist eine verwerfliche Marime, wenn Manche denken: nos fruges consumere nati! Diesen gegenüber lehrt die jüdische Moral: ״Die Arbeit ist mehr werth, als das Verdienst der Ahnen." (Tanchuma). Wer seine Arbeit einstellt, um müßig zu gehen, läßt sich daher eine Uusittlichkeit zu Schulden kommen, und 'zwar eine Uusittlichkeit, welche allgemein als aller Laster Anfang betrachtet wird. Wer aber seine gewöhnliche Beschäftigung unterbricht, um einem religiösen Gebote und Bedürfnisse zu genügen, ist kein Müssiggänger; denn an die Stelle seiner werketägigen Arbeit tritt eine höhere geistige Thätigkeit. Es ist eine Blasphemie, hier von einem Mangel an Sittlichkeit zu reden, und die Reformjuden selbst werden sich gegen daS Sittenzeugniß, daß ihnen die ״Konstitutionelle" auf Kosten ihrer orthodoxen Brüder ausstellt, feierlich verwahren. 3. Daß die ״Konstitutionelle" über die jüd. Zustände in Hamburg schlecht unterrichtet ist, und daß in Berlin einzig und allein die Nesormgeuosienschaft am Sonntage ihren Gottesdienst .abhält, wollen wir nur beiläufig berühren. Darauf müssen wir aber die ״Konstitutionelle" recht angelegentlich aufmerksam machen, daß sie der jüdischen Orthodoxie einen Dienst leistet, indem sie gegen dieselbe zu Felde zieht. Unleugbar findet nämlich auf dem Gebiete des Judenthums eine Reformbewegung statt. Die österreich. Regierung hat dieselbe niemals begünstigt, und die Freunde der Reform haben sich niemals um die Protektion der Regierung beworben. Dagegen hat die O r t h o d o r i e bei verschiedenen Anlässen die Begüustigung der Negierung gesucht und — auch gefunden. Die Freunde der Reform suchten sich dies zu erklären, ohne dadurch in ihren Bestrebungen, die zumeist theoretischen und wiffenschaftlichen Charakter haben, irre zu werden, uud ohne der Polemik gegen mancherlei Mißverständnisse ihrer protegirten und begünstigten theologischen Gegner zu entsagen. Nun hat sich das Blatt gewendet! Wenn die ״Konstitutionelle österreichische Zeitung" wirklich ein offiziöses Blatt ist, wofür sie gehalten wird, wird sich in Zukunft nicht die Orthodorie, sondern die Reform hoher Protektion zu erfreuen haden, und zwar di? radikale Reform, zu welcher sich in Oesterreich,bis zur Stunde selbst die äußerste Linke nicht verstiegen hat. Die Anstrengungen der Reform sollen nicht unbelohnt bleiben; der Preis, der dafür geboten wird, ist — die Emaiyipation! Das Anbot dieses Preises droht aber,