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Ben Chananja · 1866-02-07 · 6 (7.2.1866) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
6 (7.2.1866)
Date
1866-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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109 ־1:10 Thomasius starb", sagt Dluntschli, ״fühlte Deutschland, daß ein Reformator der deutschen Kultur geschieden sei." Es sei mir gestaltet, dies׳ mit einem Beispiele auS der ungarischen Geschichte zu illustriren. Nachdem der am 15. Sept. 1825 eröffnete ungarische Reichstag am 18. Aug. 1827 geschloffen worden war, fanden die Einen im Hinblicke auf das gerettete verfassungsmäßige Rechtdie öffentlichen Zustände ziemlich erträglich, während sich die Andern nach Verwirklichung der Reformen sehnten, die von. den nie, dergefetzten Kommissionen vorbereitet werden sollten, und eine dritte Partei, an der Gegenwart und Zukunft gänzlich verzweifelnd, ihre ganze Aufmerksamkeit der nationellen Geschichte zuwendete, um in der Betrachtung einer glorreichen Vergangenheit Trost und Beruhigung zu finden. In die Mitte dieser Parteien schleuderte ein Magnat, , der Graf Stefan Sz6ch e ny i, die feurigen Kugeln seiner — aller-, dings friedlichen, auf die Hebung der Wohlfahrt des Vaterlandes gerichteten — Agitation. Der junge Aristokrat ging in seiner Schilderung ungarischer Zustände nichtöwe- Niger als schonend zu Werke, und in seinen Ausdrücken zeigte er sich eben nicht sehr wählerisch. Schnelle Rettung, sagte er, thnt dem morschen Hanse Noth, der unglücklichen Familie, die dem Schiffbruche nahe ist. Rücksichtslos griff er die Mängel der alten ungarischen Verfassung an. Den Vergangenheitlern rief er zu: ״Diejenigen haben Unrecht, die da sagen: der Ungar war; ich glaube, der Ungar wird sein!" Hat man ihn deshalb der Ehrenbeleidigung Ungarns geziehen? O nein. Als er am 8. April 1860 starb, fühlte Ungarn, daß ein Reformator der ungarischen Kultur ge-> schieden sei. Auch um ein Beispiel aus der an Mannigfaltigkeit der Erscheinungen so unendlich reichen jüdischen Geschichte braucht uns hier nicht bange zn sein. Nafthali Herz Wessely, (geb. zu Kopenhagen 1725), war ein Mann voll, tiefer Religiosität. Seine psychologischen und nationellen Anschanungen waren sogar nicht frei von Schwärmerei. Er war aber im Besitze mannigfaltiger Kenntnisse und der Kulturfortschritt seiner Brüder warihm eine wichti'ge Herzensangelegenheit. Nachdem daher, am 19. Juli 1782 das Toleranzpatent Josefs II. erschienen, und in Oesterreich die Gründung jüdischer Volksschulen angeordnet worden war, richtete Wessely ein in klassischem Hebräisch abgefaßtes Sendschreiben: ״Worte deö Friedens und der Wahrheit" an die österreichischen Juden, in welchem er die damaligen Kulturzustände der Juden mit statsmännischer Weisheit bespricht, die mangelhafte Bildung der Rabbinen in Deutschland und Polen ohne Rückhalt tadelt, und die Josefinischen Reformen mit warmen Worten empfiehlt. Das Sendschreiben wurde von den gebildeten Juden mit freudigem Beifalle ausgenommen. In französischer, italiänischer und deutscher Sprache erschienen Uebersetznngen desselben^ Die Orthodorie verdammte Wessely und seine Schrift, weil sie die darin vorgetragenen Grundsätze religionswidrig fand, in der Verbreitung derselben Gefahr für den väterlichen Glauben erblickte, und Grund genug hatte, seinen freimüthigen Tadel auf sich selbst zu beziehen. Keinem einzigen Gebildeten fiel es aber ein, dem edlen Wessely den Vorwurf des Chillul Ha-Sche.m zu machen. Als er am 23. März 1805 seine irdische Laufbahn beschloß , fühlten alle gebildeten Juden, daß ein Reformator jüdischer Kultur geschieden sei. . Wenn Jeder, der gegen Jrrthümer polemisirt, des Chillul Ha-Schem augeklagt würde, müßte über den großen Maimonides geradezu der Stab gebrochen werden, da er gegen Verschrobenheiten rücksichtslos polemisirt, eine ihm von seinen Lehrern überkommene Mischna-Erklarung für eine selbst des Pöbels unwürdige Albernheit erklärt, und die praktischen Kabbalisten verkehrte Menschen und Ignoranten nennt, auf welche das Schriftwort (Spr. 14, 15) angewendet werden müsse, dem zufolge der Einfältige Alles glaubt!4) Und Alles dies schrieb Maimonides in arabischer, einer seiner nichtjüdischen Umgebung geläufiger Spräche! Unleugbar befolgt ״B. CH." bei Behandlung talmubischer Materien eine andere, als die herkömmliche Methode.r die historische. Hat er diese Methode erfunden? Dessen kann er sich nicht rühmen. DaS Verdienst darf er aber für sich in Anspruch nehmen, daß er die historische Methode nicht an der Thüre der Pilpulisten anklopfen läßt, um auch ihr den Eintritt in die Hallen des Talmuds zu erbitten. Vielmehr ruft er denselben zu: sehet, so und nicht anders muß der Talmud behandelt werden, wenn er für die Wissenschaft verwerthet werden soll. Wer den Talmud ohne Grammatik, Kritik und Alterthumsknnde zu verstehen glaubt, täuscht sich; das bisherige Talmudstudium mußte auf Abwege führen. ״Ben Chananja" nimmt zu diesem Studium ungefähr dieselbe Stellung ein, welche Thomasius zu dem Herenprozesse einnahm. Ferner ist ״B. CH." bemüht, die historische Methode auf spezielle, namentlich halachische Fragen anzuwenden, wie zahlreiche, von ihm gebrachte Abhandlungen beweisen. Die Gegenstände derselben werden ihm zuweilen von Auß en gegeben, und sie find nicht alle von gleicher Erheblichke it. Lehrreich bleibt aber in allen Fällen die geschichtliche Be- Handlung,, welche den historischen Entwicklungsgang auch dort nachweist, wo derselbe bisher nicht wahrgenommen wurde, und von dem exklusiven Pilpulism auch nicht wahrgenom- .men werden konnte. Wir haben niemals behauptet, daß ״B. Ch.'s" Methode als eine unschuldige Spielerei mit der Orthodorie Hand in Hand gehen könne. Wir hegen vielmehr die Ueberzeugung, daß darin das Samenkorn neuer Entwicklung liegt, die für das Judenthum heilbringend sein wird. Diejenigen, welche dieser Richtung gegenüber die alte Methode aufrecht erhalten wollen, gleichen Chemikern, die etwa Lust hätten, ihre Wissenschaft auf den Standpunkt zurückzuführen, auf welchem sie sich vor Lavoisier befand. Manche Herren, die an chronischer Ignoranz oder an chronischer Romantik leiden, werden von solchen Aeußerungen unangenehm berührt; ja sie bekommen zuweilen Parorismeu. Dann schreiben sie, wie wir hören, Allerlei zusammen, das man ihrem Parorismus zu Gute halten muß. Die. Sachläge wird natürlich dadurch nicht verändert. Indem ״B. y Maim. Mischna-AommeMar Peßach 4, 9, 6'

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