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Ben Chananja · 1866-02-07 · 6 (7.2.1866) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
9 (1866)
Issue
6 (7.2.1866)
Date
1866-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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107 108 r Beispiel gegeben wird. Diese Bedeutung ist im Talmud vorherrschend, und ging die Skrupulosität hierin so weit, daß Ein Schriftgelehrter eS für einen Chillul Ha-Schem erklärt, wenn er dem Fleischhacker nicht prompt dessen Guthaben berichtiget, und ein Anderer dieselbe Schuld auf sich zu laden glaubt, wenn er sich vier Ellen weit bewegt, ohne mit den Phylakterieu bekleidet zu sein, und ohne sich mit dem Studium der Thora zu beschäftigen. Eine Barajtha erklärt es unter schweren Androhungen für ein empörendes Aergerniß, wenn ein Schriftgelehrter sich bereit finden läßt, allenthalben an Gastmälern Theil zu nehmen. Im Mittelalter blieben alle drei Bedeutungen des 'Kiddusch- und Chillul Ha-Schem in Kraft. Wie cs ganze Gemeinden gab, die den Kiddusch Ha-Schem im primitiven Sinne übten, und ihr Leben Hingaben, um ihrem Gotte treu zu bleiben; so fehlte es auch Nicht an solchen, die Angestchts drohender Verfolgung der Apostasie den Vorzug gaben. Mit dem Eintritte duldsamerer Zeiten' hörte die Veränlässung zum Kidbusch Ha-Schem in religiös-juridischem Sinne oder zum eigentlichen Märtyrerthum gänzlich auf, und je größer in neuerer Zeit die Zahl derer wurde, die ' sich von der Beobachtung des Zeremonialgesetzes ganz oder theilweise dispensirten, desto enger wurden die Grenzen des religiöse thischen Aergerniffes gezogen, indem Verletzungen des Zeremonialgesetzes, die sonst desto mehr empörten, je seltener sie vorkamen, in größeren Städten so alltäglich wurden, daß Niemand mehr ein Skandal darin erblicken konnte. 'So kam es, daß heutzutage Chillul Ha-Schem nur in religiös-nati onale m Sinne aufgefaßt wird. Handlungen, welche geeignet sind, Juden und Judenthum in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, werden als Chillul Ha-Schem gebrandmarkt, wogegen Kundgebungen, die ihren jüdischen; Urhebern zür Ehre gereichen, als Kiddusch Ha-Schem begrüßt werden. Ein Achtung gebietendes Leben läßt auf den wohlthätigen veredelnden Einfluß schließen, den die Väterliche Religion auf ihre Bekenner ausübt; verächtliches Thun beweist, daß dieser Einfluß nicht vorhanden ist, oder es begünstiget gar die Vorurtheile gegen das Judenthum, die noch immer nicht zum Schweigen gebracht sind. Wie hat sich nun die jüdische Presse diesen Anschaunngen gegenüber zu verhalten? Soll sie sich scheuen, gegen Verirrungen und Einseitigkeiten, Bornirtheit und Reaktion ihre Stimme zu erheben, um ״Chillul Ha-Schem" zu vermeiden? Wird sie ihre Mission besser erfüllen, wenn sie von den Schattenseiten vorhandener Zustände und Richtungen gänzlich abstrahirt? Wir beantworten diese Fragen vom Standpunkte des ״Ben Chananja" und in soferne sie auf ihn bezogen werden können. Seine Leser werden ihm das Zengniß nicht versagen, daß er, so oft es erforderlich war, keinen Augenblick zögerte, für das Recht und die Ehre der Juden mit aller Entschiedenheit und Energie einzustehen. Er that dies nicht nur *) Jomin 86. a. Tvß. Jom Tob zu Ab. 4, 4. und die daselbst zitirtm Stellen 49, a. auf theoretischem Gebiete, wo ehrenrührige und judenfeindliche Aeußerungen zurückzuweisen waren, sondern auch kränkenden praktischen Maßregeln gegenüber. Wir brauchen nur an den Kethuba-Stempel, die Jnspektorenfrage, d e n Eid mors juäaieo und die Ehe- Verordnung zu erinnern, um die Tendenz ״Ben ChananjaS" in dieser Richtung in das klarste Licht zn stellen. Hierin begleitet ihn auch die Sympathie aller ungarischen Juden, die der Orthodoxen ebenso, wie die der Reformer. ״Ben Chananja" hat aber auch die Aufgabe, den Fortschritt zu fördern: den Fortschritt in den jüdischen Institutionen und im Studium der jüdischen Theologie. Was nun jene betrifft, so könnten wir uns darauf berufen, daß die Schäden an den gegenwärtigen Zuständen dnrch zahllose Streitigkeiten und Prozesse, Eingaben und Audienzen bloßgelegt, und Kreisen nahe gebracht werden, in denen einem Organ für jüdische Theologie nur wenig Beachtung geschenkt werden kann. Wir berufen uns aber hierauf nicht, denn wir ^verachten überhaupt die krankhafte Feigheit und affektirte Empfindelei, die einem, die jedenfalls berechtigte Richtung des Fonschrittes vertretenden Schriftsteller znmuthet, daß er ans seinem Gebiete keine Verbesserung anstrebe, damit die Welt nicht erfahre, daß auf diesem Gebiete noch manches oder vieles zu verbessern ist!! Wie stände es mit der Menschheit, wenn solche alberne und kindische Bedenklichkeiten der Kundgebung neu entdeckter oder wiedergefundener Wahrheiten hindernd in den Weg getreten wären? Christian Thomasius, ein deutscher Statsrechtslehrer (geb. 1655), trat gegen Ende des siebzehnten und zu Anfang des 'achtzehnten Jahrhunderts gegen die Verfolgung der Ketzer und der Heren, sowie gegen die Anwendung der Tortur in die Schranken. Es ist begreiflich, daß sich die Wuth der Orthodoxie in allerlei Schmähungen über ihn ergoß, und daß er selbst ein Ketzer und ruchloser Atheist geschölten wurde. So verschroben waren aber auch seine Widersacher nicht, ihm vorzuwerfen, daß er die Ehre der deutschen Nation verletze, indem ja nach seinen Theorieen der Ruf der berühmtesten deutschen Juristen und Theologen seiner Zeit und der früheren Zeiten auf, die empfindlichste Weise kompromittirt wurde! Hätten sie ihm diesen Vorwurf gemacht, er würde ihnen ohne Zweifel entgegnet haben: ״Der deutschen Nation wird ein unendlich hoher und wichtiger Dienst geleistet, wenn sie von Vorurtheilen und Jrrthümern befreit, und zur Erkenntniß der Wahrheit geleitet wird. Es wäre Verrath an derselben, ihr diesen Dienst zu versagen, um den falschen Nimbus ihrer Juristen und Theologen zn schonen!" Eine Gesammtheit besteht ans Menschen, die unvollkommene, aber vervollkommnungsfähige Wesen sind, und denen es durchaus nicht zur Unehre, sondern zum wahren Ruhme gereicht, auf der Bahn der Erkenntniß fortzuschreiten. Die edlen Geister, welche sie auf dieser Bahn weiter führen, sind ihre Wohlthäter und Schutzengel, denen ihre dankbare Verehruug gebührt. Die Geschickte feiert nicht die Namen derer, die die vorgefaßten Meinungen und Mißbräuche ihrer Zeit gehegt und gepflegt haben, wol aber die Namen derer, die denselben mit kühnem Freimuthe entgegengetreten sind. ״Als

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