Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 47 (22.11.1865)
- Date
- 1865-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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־ 846 Der Talmud wird ia der Geschichte der verschiedenen Wissenschaften seltener erwähnt, als er erwähnt werden sollte. Dagegen kömmt er auf dem Felde beö öffentlichen Lebens nicht selten ans eine höchst unkritische und gehässige Weise zur Verhaudlung. Dies geschah in neuester Zeit nicht nur in Belgrad und Bukarest, sondern auch in Wien, wo ein StatSanwalt von AmtSwegeu mit katholischen und jüdischen Theologen über die Kanonizität deS Talmuds korresponvine! Ein Blick in eine talmudische Dogmatik hätte hingereicht, die ganze Korrespondenz überflüssig zu machen. Die Zeitdildung, die gesellschaftliche Stellung der Juden, die unabweisbaren Anforderungen der Gegenwart und die heurige Behandlung der Wissenschaften überhaupt, — alles dies vereiniget sich, um den jüdischen Theologen daS Bedürfniß rief empfinden zu lassen, daß er sich von dem Inhalte deö talmudischen SchriftthumS und des dazu gehörenden Apparates von Glossen, Kompendien, Auszügen und Gutachten eine wissenschaftliche Kenntniß aneigne. Je später man diesem Bedürfnisse Rechnung trägt, desto mehr trägt man dazu bei, daß bei dem Nachwuchse der jüdischen Theologen die Pastoralklugheit dominire, die eine schlaffe Unthätigkeit erzeugt, oder doch nur einer lilerärischen Liebhaberei Raum gönnt, welche zu der theologischen Wissenschaft nur in einer sehr losen Beziehung steht. ES treten heutzutage nicht selten Fälle ein, wo es dem gebildeten Laien, zumal wenn derselbe an der Leitung der Gemeinde und ihrer Institutionen theilnimnn, sehr wünschenswerth erscheint, sich über die eine oder andere Frage genauer zu nnterrichlen. Die Quellen selbst sind in der Mehrzahl der Gemeinden den Wenigsten zugänglich. Wie angenehm müßte eS daher so vielen wackeren Männern sein, aus einem gründ-!ich und faßlich geschriebenen, etwa vier mäßige Gitlavbände umfassenden Werke den gewünschten Ausschluß erhalten zu können! Und wie sich der Laie der so leicht zu gewinnenden Belehrung freut, so müßte sich der Quellenkundige freuen, einen sichern Wegweiser bei der Benützung und Wissenschaft-! lichen Verwerthung der Quellen zu besitzen. ES ist möglich, daß daS Gesagte hinreichen wird, Jewanden zur Ausarbeitung einer talmudischen Alterthnmökünde zu bewegen. Eine Schablone dazu ist ohne alle Mühe zu erlangen! Wir sind nach mehrjährigem Sammeln und Nachdenken zu der Uederzeugung gelangt, daß ein solches Werk noch bedeutender Vorarbeiten bedürfe. Dies gilt nicht nur von den Spezialitäten, denen bei der Bearbeitung eines Ganzen nicht die gebührliche Sorgfalt geschenkt zu werden Pflegt, sondern überhaupt von der wissenschaftlichen, historischen Behandlung ralmudischer Materien, die sich erst allmäligBahn bricht, und vorläufig noch nicht über sehr viele Arbeitskräfte diöponirt. Wenn manche in neuester Zeit erschienene, daS talmudische Alterthum betreffende Werke und Abhandlungen in diesem Augenblicke bereits alS veraltet angesehen werden müssen, so hat dies seinen Grund eben darin, daß sie nicht daS Erzeugniß der historischen Methode sind, die allein abschließende Ergebnisse zu liefern vermag. Warum sollten wir unS scheuen, eö gerade herauözuagen? — Wir halten eS für zeitgemäß, den Tal- '846 mud nicht nur gegen seine Feinde und Verächter sondern auch gegen seine seichten Freunde und unwissenschaftlichen Bewunderer in Schutz ,« nehmen, und demselben zu einer wissent'chaftlichen Behandlung zn verhelfen, wie sie anderen Schriftwerken deS AlterthumS längst zn Theil wird! Die gelehrten Mitarbeiter deS ״Ben Chananja" haben demselben Beiträge geliefert, welche die talmudische Alterthumskunde dankbar benützen wird. Der mit der größeru Verbreitung deS ״Ben Chananja" stets im Zunehmen degriffene journalistische Stoff hat unS aber im gegenwärtigen Jahre leider verhindert, alle auf die talmudische AlrerthumSkünde bezüglichen Arbeiten, die unS zukamen, zu veröffentlichen. Wir werden beflissen sein, daS Versäumte im Laufe deS nächsten Jahreö nachzuholen, und der talmudischen Ar« chäologie von Zeit zu Zeit besondere ScilagtN zu widmen. Nach den Aeußernngen gewiegter Sachkenner dürfte eS sehr förderlich sein, wenn talmudische Archäologen sich als wissenschaftlich talmndischer Verein zu dem Zwecke verbänden, die Ausarbeitung eines um fassenden Werkes über daS talmudische Alterthum nach einem gemeinschaftlich auSznarbeitenden Plane zu übernehmen, sobald die hierzu erforderlichen, philologischen und archäologischen Vorarbeiten geliefert sein werden. Diejenigen Gelehrten, die diesem Vereine beizutreteu geneigt sind, wollen die Gewogenheit haben, unS diesen ihren Entschluß in unfrankirtea Briefen mitzuiheilen. Da der Verein keine Sitznngungen hält, keinen Vorstand wählt und keine Gelder zu verwalten hat, so bedarf er keiner Statuten. Sollten Freunde der Wissenschaft den Verein auch materiell zn unterstützen geneigt sein, um die von demselben ausgehenden Beilagen deS ״Ben Chananja" vermehren und die Erreichung deS vorgcsteckten Zieles fördern zu helfen, werden die diesem Zwecke gewidmeten Beträge dem hiesige» Sparkasse.Dircktor, Herrn Jos.-Szivesy, über, geben, welcher die Güte haben wird, zu Ende deS Jahres über die Verwendung der eingelaufenen Beträge Bericht zu erstatten. Folgende unmaßgebliche Bemerkungen dürften geeignet sein, sich der Billigung unserer gelehrten Freunde nnd Mitarbeitet zu erfreuen. 1. Die talmudische Lerikografie läßt bekanntlich noch Vieles zu wünschen übrig. Der Archäolog hat daher nicht selten mit Schwierigkeiten der Worterklärung zu kämpfen, und die filologische Forschung muß seine immerwährende Begleiterin sein. Da aber die talmudische Filologie für unsera Zweck nur Hilsöwissenschaft ist, so dürfte eS angezcigt sei», FilologischeS, wenn eS nicht von besonderer Erheblichkeit ist, in der Regel nur in Verbindung mit Archäologischem und Historischem zum Gegenstände der Besprechung zu machen. 2. Die vergleichende Methode, die auf Einzelnes auch bisher mit Erfolg angewendet wurde, wird natürlich niemals aus den Augen zu verlieren sein; vielmehr wird sie sich auf die Antiquitäten all derjenigen Völker zu er-