Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 44 (1.11.1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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797 798 DaS Sprachstudium betreffend hat bet Entwurf nach dem Vorgänge deS DreSlauer Seminars das Syrische und Arabische gänzlich fallen lassen, ohne zu bedenken, daß die Breölauer Zöglinge zum Dehufe dieser Sprachstudien die Universität besuchen können und auch wirklich besuchen. In Ungarn sind in diesem Augenblicke die semitischen Sprachsiudien noch so sehr vernachlässiget, daß eS ein reich dotirteS jüdisch-theologischeö Seminar als eine seiner wichtigsten Aufgaben anseheu müßte, diesen Studien die ihnen gebührende Sorgfalt zuzuwenben. Ist ja daS Syrische für die talmudische, daS Arabische für die maurische Zeit von so großer Wichtigkeit und Bedeutung! Der Vorwurf der Vernachlässigung der biblischen und talmudischen AlterthumSkunde trifft nicht den vorliegenden Entwurf allein. Und doch ist namentlich die Pflege der talmudischen AlterthumSkunde daö einzige Mittel, dem Talmudstubium eine wissenschaftliche Richtung zu geben, und daS Interesse der Jugend, die sich der jüdischen Theologie widmet, dafür zu beleben. Der Entwurf sagt 8- 16.: ״Beim Vortrag deö TalmudS, welcher nebst der h. Schrift den Hauptgegenstand deS GesammtunterrichteS und die Grundlage für alle übrigen theologischen Disziplinen bildet, muß oie, diesem Studium eigene dialektische Lehrweise, ohne welche ein tieferes Eindringen in dasselbe unmöglich ist, durchgehendö eingchalten, überall auf streng logische Auffassung gedrungen und daö sclbftthätige Nachdenken der Schüler angeregt und fortwährend wach erhalten werden." Der Entwurf bleibt auch hier seiner Fahne treu. In seiner ״Jahreöschau" zum Jahre 1855 sagt Frankel, indem er über die Scminarstudien Bericht erstattet: ״Der eigentliche Schwerpunkt lag jedoch im Talmudstubium, ob mit der eS charakterisirenden dialektischen Forschungöweise eine systematische Aufsassung verbunden werden könne. Dieses war die eigentliche Lebensfrage; daS Mißlingen würde die Aussicht auf eine Regeneration der talmudischen Wissenschaft ungemein getrübt haben. Die Ausführung zeigte jedoch einen kaum erhofften Triumph für wissenschaftliche Behandlung deö Talmuds, ohne daß dessen eigentlicher Nerv der Dialektik durchschnitten werde." DieS ist die Quelle der talmudischen Entwurfs- Didaktik; originell ist in der letzteren nur der bereits geprüfte Grundsatz, nach welchem der Talmud die Grundlage für alle übrigen theologischen Disziplinen bildet. Wir müssen indeß aufrichtig bekennen, daß uns der Triumph, von welchem Herr Dr. Frankel spricht, in der Literatur mindestens nicht sehr glänzend bethätigct scheint. Wenn die Schüler deö Breslauer Seminars talmudische Themata zu Vorwürfen literarischer Behandlung wählen, wählen sie nur solche, die zu einer archäologischen Behändlung geeignet sind; die pilpulistische — ״dialektische" — Methode wird von ihnen allem Anscheine nach für den AuSstuß eines überwundenen Standpunktes, nicht aber für ״wissenschaftliche Behandlung deö Talmuds״ angesehen. Wir wollen jedoch von der Literatur absehen, um unsere Aufmerksamkeit auf daS von Dr. Frankel unmittelbar erzielte Resultat zu richten. Der gelehrte und verdienstreiche Direkor deS DreSlauer Seminars trug, wie bereits erwähnt wurde, im Jahre 1854 den Hörern der obern Abtheilung den talmudischen Traktat Baba Mezia vor. ״Der Gewinn" dieser Vorträge stellte sich nach seiner Erfahrung folgendermaßen heraus: ״Die Hörer, unter denen sich mehrere die Universität Besuchende befinden, erfaßten mit Liebe daö talmudische Studium, und diese Liebe wird, jemehr sie in die Tiefen des Studiums eindringen, an Intensität gewinnen." Möglich. Allein die Urtheile, die auö der Tiefe dieses StudiumS hervorgehen werden, dürften kanm so glücklich sein, sich deS Beifalls der Talmudgläubigen zu erfreuen. Denn der akademisch gebildete Jüngling, der in die Tiefen deS Traktates Baba Mezia eindringt, wird offenbar Vieles mit ganz anderen Augen betrachten, als der Jünger der Preßburger Jeschiba. Die psychologische Theorie, nach welcher wol der Schuldner, der einen Theil der an ihn gestellten Forderung anerkennet, nicht aber der einen Eid zu leisten hat, der die Forderung gänzlich zurückweist, die den Bachur entzückt, wird den akademischen Bürger schwerlich befriedigen. Er wird auS der bekannten Einrichtung R. Nachmaa'S (שבועת היסח) sogar den Schluß ziehen, daß die Talmudlehrer selbst jene Theorie fallen ließen, die sie früher in die Thora selbst hineingetragen hatten! Ja, er wird in dem oft erwähnten Traktate einzelne zivilrechtliche Gesetze entdecken, die ihm nichtSweniger als einleuchtend erscheinen werden. *) Schon deshalb müssen die Seminaristen angeleitet werden, den Talmud nicht nur dialektisch, sondern auch historisch und archäologisch zu behandeln, damit sie bei ihren spätern selbstständigen talmudischen Studien nicht der Gedanke beschleiche, sie seien im Seminar nicht wie Jünger der Wissenschaft, sondern wie unmündige Knaben behandelt worden. Der siebenjährige Kursus deö DreSlauer Seminars entspricht den je zwei Jahren der Secunda und Prima und dem Tricnnium der Universität. Für diese Konformität walteten ohne Zweifel wichtige Gründe ob. In Ungarn ist daS Pensum katholischer Theologen auf einen vierjährigen Kursus berechnet. Protestantische Theologen haben zwar einen dreijährigen Kursus zu absolviren, sie besuchen aber, wenn ihnen die Mittel dazu zu Gebote stehen, nach Ablauf dieser drei Jahre auch ausländische Universitäten oder theologische Lehr, anstalten. Der Entwurf halte mithin keinen zureichenden Grund, die theologischen Studien zu präzipitiren, und der studireuden Jugend eine Aufgabe zu stellen, die innerhalb deS gegebenen Zeitraumes kaum zu lösen ist. Daß der 21jährige Jüngling ein NabbinatS-Diplom erhalten soll, ohne sich in der Folge einer weitern Prüfung unterziehen zu müssen, ist ebenfalls nicht z» billigen. Die italiänische Einrichtung einer zweijährigen PrariS und einer nochmaligen Prüfung wird bei einer abermaligen Verhandlung der Seminarfrage ebenso sorgfältig in Erwägung gezogen werden müssen, wie die Mittel und Wege zur Vorbereitung der Zöglinge für daS Seminar, wobei sehr bedeutende Schwierigkeiten zu überwinden sind. Die Kommission vom Jahre 1851 hat zu diesem Behufe die Gründung von fünf Vorbereitungsschulen empfohlen. An die Stelle derselben sind jedoch die Muster, schulen getreten. ES ist wol nicht unmöglich, daß die Zeit kommt, wo die Gemeinden, welche diese Musterschüler! besitzen, mit der Kaiserin Maria Theresia sagen werden: es qiii cst bon ä prendre, c’est bon ä rendre! Zum Schluffe gestatten wir unS, - wiederholt unsere Ueberzeugung dahin auSzusprechen, daß wir zur Lösung der Rabbinerseminarfrage in Ungarn keinen andern Weg kennen, als den deö Dualismus. Für die orthodoren Gemeinden bestehe nach wie vor die Preßburger Jeschiba mit ihren Ftlialanstalten, deren Zöglinge den Bedürfnissen dieser Gemeinden vollkommen entsprechen. Da aber die Erfahrung unwidersprechlich lehrt, daß viele große und kleine Gemeinden seit einer Reihe von Jahren ihre Nadbineo nicht auS den erklusiven Zöglingen dieser Jeschiboth wählen, sondern von ihren Rabbinen Leistungen fordern, zu denen diese Jeschiboth sie nicht befähigen, ja ihre erklusivrn Zöglinge sogar untauglich machen; so kann die Orthodorie billiger Weise nichts dagegen einwenden, wenn diesen Gemeinden dieselbe Freiheit eiugeräumt wird, welche sie selbst seit Jahren un- ') Baba Mrzia D7, a. dir SprstalitLtrn über שאילה בבעלים Vrgl. nun dir Mlschna und dir mrrkwürdigr Derhandluodas. 3S, d.