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Ben Chananja · 1865-11-01 · 44 (1.11.1865) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
8 (1865)
Issue
44 (1.11.1865)
Date
1865-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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795 und 1864 der Gründung einer die wissenschaftliche Bildung der künftigen Rabbinen abzielenden Anstalt energisch wider, setzte; — daß die Orthodoren niemals aufgehört haben, jeden nichttalmudischen Unterricht von ihren Jeschiboth auSzuschließen; — und daß endlich die Regierung, au welche sie ihre Erklärung richteten, und die in der Seminarfrage in letzter Instanz zu entscheiden hat, durch errravagante Aeußerungcn unmöglich zu der erforderlichen Einsicht in die vor, waltenden Verhältnisse gelangen könne. Extravagant ist aber jedenfalls die Behauptung, die Gründung eines Seminars sei in ״streng orthodoren!" Sinne uothwendig, Angesichts der hundert Rabbinen, die in streng orthodoren! Sinne das Gegeutheil versichern und das Seminar für verderblich erklären. Die orthodore Nothwendigkeitöerklärung ist von den Orthodoren auf eine eklatante Weise dementirl worden; die Motivirung derselben muß von allen gebildeten Juden entschieden dementirt werden. Dieser Motivirung zufolge soll cS in Ungarn vorkommen, daß NabbinatStandidaten, die sich außer dem Talmud ״weiteren Studien h.ngcben, ohne systematische Vorbildung auf Irrwege gerathen, irrthümliche Lehren sich aneignen, waS als eine wesentliche Ursache der in religiöser Beziehung auftauchcnden Zerwürfnisse der Israeliten zu betrachten ist." Welches sind aber diese Irrlehren? Welche Rabbinen haben durch dieselbe» Zerwürfnisse hervorgcrnfen? Ist eS zu leugnen, daß der Grund dieser Zerwürfnisse einzig und allein in den vorhandenen Kulturzuständen liegt? Sind die Bima-, Gitter-, Chuppah-, Ständer-, Mützen- und Chorfragcn denjenigen Rabbinen zuzuschrciben, wclwe ״sich außer dem Talmud noch weiteren Studien hingcben?" Nach dem Vorbilde dcö DrcSlauer Seminars will der Entwurf die Lehrgegenstände des Obergymnasiums mit dem Rabbincrseminar verbunden wissen, was sicherlich nur zu billigen ist. Dagegen ist die kommissioncHc Begründung dieses Vorschlageö sehr unglücklich ausgefallen. ES wird nämlich geltend gemacht, daß der den Scmiiiarstudien vorangegangene Besuch dcö Gymnasiumauch in sosernr nachtheilig wirkt, ״alö er die Schüler an Einseitigkeit der Auffassung gewöhnt und dieselben gewissermaßen einem, die Erkeuntniß ebenso, wie taS Gewissen beirrenden und für junge Leute um so gefährlichere Dualismus zwischen (!!) Glauben und Wissen entgcgenführt"^). DaS Wissen, daö in den ungarischen Gymnasien geboten wird, soll also dem Glauben gefährlich sein! Eine seltsamere Behauptung ist auf didaktischem Gebiete wo! schwerlich jemals vernommen worden. Die ungarischen Bischöfe und Superintendenten würden davon höchlich überrascht werden. Bei dem skrupulösen Geiste des Entwurfes und der denselben begleitenden Vorstellung und Motivirung muß cS sehr befremden, daß sich die Verfasser dieser Aktenstücke scheuten, daS Won Dogmatik auszusprechen, und keinen Anstand nahmen, die ״systematische israelitische Glaubenslehre" der NeligivnSfilosofie unterzuordneu (§. 25)! ״Dogmatik! gibt eS denn aber eine jüdische Dogma« tik? Haben die Juden denn überhaupt Dogmen?" Als Volk haben sie allerdings keine Dogmatik, wie denn überhaupt Volksstämme und Nationen als solche keine Dogmatik haben, keine haben können. Die gemeinschaftliche Abkunft hat auf das religiöse Dogma nicht den geringsten Bezug; eS gibt daher auch kein englisches, französisches, deutsches Dogma. Wenn aber von jüdischer Dogmatik die Rede ist, denkt man dabei nicht an das jüdische Volk, sou» *) 6. oben Nr. 33. S. 574. m dern an die jüdische Religion: diese, nicht jenewird z in den unbestreitbaren Besitz einer Dogmatik gesetzt. ׳ ״Aber die göttlichen ReligionSurkundea Israels entf halten ja keine systematische Darstellung gewisser Dogmen j oder ReligionSwahrheiten!" Unleugbar. Ebenso unleugbar sind aber Dogmen oder | Lehrsätze über Gott und göttliche Dinge in denselben ent- | halten, welche sich zu einer systematischen Anordnung und Darstellung nicht nur vollkommen eignen, sondern eine solche Anordnung und Darstellung sogar dringend fordern, um in ihrem wahren Geiste und innern Zusammenhänge erfaßt zu werden. DaS Vcrhältniß der Dogmatik zur Bibel gleicht ungefähr dem Verhältnisse der Naturgeschichte zur Natur selbst. Letztere bietet zur Darstellung den Stoff; die systemisirende Beschreibung der erstem ist daS Ergebniß der Beobachtung, der Vergleichung und Scheidung, der Abstraktion und Re, flerion. Ohne diese Operationen deS Geistegäbe eS keine Naturgeschichte und auch keine — Dogl'.wtik! Den ersten dogmatischen Versuchen unter den Juden mußte daher daS Erwachen einer nach systematischer Darstellung ringenden filososischen Reflerion vorangeheu, waS erst in der griechischen Periode geschah. Phils und JosefuS!« kennen auch wirklich schon jüdische Dogmen. Nicht minder f hebt die Mischua gewisse distinktive Dogmen hervor, um he, 3 terodoreu Lehren und Richtungen ihrer Zeit entgegenzutreten.* *) ß Im Mittelalter traten zuerst die Karäer mit Dogmen aus. Unter den Rabbaniten versuchten die Ausstellung von § Fnndamcntal-Dogmen im 11. Jahrhundert: R. Chananel b. 1 Ehuschiel in Keirnwan; im 12. Jahrhundert: N. Abraham tz b. David Ha-Levi in Toledo und MaimonideS; im 14. k Jahrhundert: Schemarja b. Eliaö Parnaß in Rom und Da- | vid Jbn Bilia in Portugal; im 15. Jahrhundert: R. ChaSdai b. Abraham KreSkaS in Saragossa, Lipmann Mühlh Hausen in Krakau, ChaSdai'S berühmter Lehrer Josef Aldo Z und Josef Jaabez in Spanien; im 17. Jahrhundert: Abra- I Ham Chajjim Nilerbo in Venedig. Neber kogmatische Fragen | haben zahlreiche jüdische Autoren geschrieben. ß Hieraus erhellt, daß nicht MaimonideS ״zuerst auf Z den Gedanken kam, die Religion seiner Väter auf eine ge, ן wisse Anzahl von Grundsätzen cinzuschränken^)", wie Menß delSsobn zu einer Zeit glauben konnte, alS die literar- und [| religionsgeschichtlichen Studien bei den Juden noch vernach- | lässiger wurden. An Versuchen, die distinktiven jüdischen Dogmen zusammenzustellen, hat eS auch in neuerer und neue- 8 ster Zeit nicht gefehlt, wie die Versuche von Luzzatto, De- E renbourg und Schwad beweisen. Und »venu Zunz den Kir- 3 chengcschichtschreiber Gförer zurechtweist, weil dieser den Ju- J den eine Dogmengeschichle absprichk, gibt er deutlich genug zu erkennen, daß er die vorgefaßte Meinung nicht theilt, nach welcher daS Judcuthum keine Dogmen kennet. In dem Paduaner Institute wird seit der Begründung desselben die :J Dogmatik gelehrt; ob der Professor der ״Theologie" am 8 Pariser Seminar Dogmatik lehre, ist auS den uuS zugänglichen Notizen nicht zu entnehmen. Wir verweilten bei diesem, durch die vorliegenden Be- I! merkungen keineswegs erschöpften Gegenstand länger, als vielleicht an diesem Orte gebührlich sein dürfte, weil daS Vorurtheil, daS Judenthum kenne keine Dogmen und keine Dogmatik, von einem ebenso unwissenden, als kurzstchtigen theologischen Dilettantismus mit einer gewissen Zähigkeit gehegt und gepflegt wird. In Wahrheit ist die Dogmatik der Mittelpunkt der theoretisch-theologischen Disziplinen, wie dieschon von MaimonideS anerkannt wurde. - '1 S. BtU Cbao. 1. 4S-KS. . *) MtlldeKsohu« Werke 3, 322. 44•

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