Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 44 (1.11.1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2542917-2543219-2543264--4462-2548441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
794 793 tzern der Rabbinerschulen in Frankreich eia, den künftigen Lehrern genau die Traktate und Abschnitte vorzuzeichneu, die sie in Jahresfrist durchnehmen müssen; vielmehr begnügte man sich damit, festzusetzen, daß den auf die rituelle PrariS bezüglichen talmudischen Traktaten besondere Rücksicht gewidmet werben müsse. Zur Entschuldigung der theologischen VertrauenSkom- Mission verdient wo! der Umstand beachtet zu werden, daß derselben bei der Ausarbeitung deS Lehrplanes die Beschwichligung der dem Breslauer Seminar eben nicht sehr holden Orthodoxie am Herzen lag. In dieser Beziehung hat der Entwurf auch wirklich sein Möglichstes geleistet. Er macht eils tälmudische Traktate namhaft'), welche während deS achtjährigen Kurses theilS ganz, theilS nach einzelnen Abschnitten, theilS statarisch, theilS kursorisch vorgetragen werden sollen. Auch die Kommentatoren werden genau angegeben, welche die Professoren mit dem Talmudvortrage verbinden müssen. Nicht minder wird auS dem Ritualkoder Schulchan Arnch ein nicht leicht zu überwältigendeS Pensum aufgegeben. WaS kann baS orthodore Herz mehr begehren? Welche Einwendung läßt sich vom Standpunkte der Orthodoxie gegen einen solchen traktatenreichen Lehrplan Vorbringen? Muß dieselbe nicht einräumen, daß die Mehrzahl ihrer gegenwärtigen Kandidaten nicht im Stande ist, den Forderungen deS vorliegenden Lehrplanes in talmnbischer Bezieluing Genüge zu leisten? Alles dieö würde die Orthodoxie anerkannt haben, wenn sie sich überhaupt auf eine Prüfung deö Entwurfes und auf einen Versuch eingelassen hätte, sich über den Inhalt desselben zu verständigen. Allein weil entfernt, dies zu thnn, erklärte sie sich gegen die Gründung eines Seminars überhaupt, ״wie dasselbe auch immer beschaffen sein möge", und dem Herrn Kalman Pappenheim kann eS daher nul seinem der Negierung gemachten Vorschläge, den Entwurf von den Nabbinen zu Preßbnrg und Eiscnstadt prüfen zu lassen, schwerlich Ernst gewesen zu sein. Diese beiden Rabbiner haben ja eben über jedes Seminar den Stab gebrochen, und dabei feierlich Gott zum Zengen angerufen! Die rücksichtslose und heftige Opposition der Orthodorie ist auch nicht schwer zu erklären. Würde sich der Unterricht im Seminar auf den Talmud allein beschränken, wie dies auf den Jeschiboth geschah und geschieht; so hätte die Orthodoxie gegen taS Ausmaß deS zu Lehrenden kaum einen wesentlichen Einwand zu machen, und die Verständigung mit ihr unterläge keinen besonsondern Schwierigkeiten. In dem zu gründenden Seminar soll nun aber außer dem Talmud noch vieles Andere gelehrt werden, waS auf den strengeren Jeschiboth verpönt, ans den milderen höchstens geduldet war. Das ist eS, waS die orthodoren Nabbinen mit tiefem Kummer erfüllt. Bei gewissen Gelegenheiten pflegen allerdings auch sie zn versi chern, daß sie ebenfalls nichttalmudischeö Wissen zu schätzen verstehen, und daß ihr System weltliche Bildung nicht ausschließt. WaS aber von dieser Versicherung zu halten sei, zeigt ein Blick auf ihre eigene Bildung, auf die neuesten literäri« scheu Erzeugnisse ihrer Koriphäen und ihre Jeschiboth! Die Urheber deS Entwurfes haben sich hierüber Illusionen gemacht, und daher unterlassen, vorznschlagen, daß auch Vertreter der Orthodorie, vor Allem der Direktor und einzige Professor der öffentlichen Nabbinerschnle in Preßburg, zur Konferenz berufen werden mögen, damit ihnen Gelegenheit geboten werde, ihre Opposition gegen das Seminar näher zu motivireu.! Die Urheber deS Entwurfes gingen in ihrer Selbst-! tänschung noch weiter. Sie bezeichnen 8-10 als theologische! Gegenstände der untern Abtheilung: Bibelübersetzung und '! Eregese; hebräische Sprache; Talmud; Geschichte der Juden. I Gleichwol sagen sieg. 16, daß »der Talmud die Grund-; läge für alle übrigen Disziplinen bildet." Auch damit sollte offenbar die Präponderanz deS TalmuldS proklamirt, und der Orthodorie eine Konzession gemacht werden. ES geschah dies aber durch eine handgreifliche Unrichtig-; keil! Daß der Talmud beim Talmudnnterrichte die Grundläge bildet, versteht sich von selbst. Ebenso selbstverständlich ist eS aber, daß derselbe keineswegs geeignet ist, beim Vortrage der Bibel, der Eregese, der hebräischen Sprache und : der Geschichte der Juden die Grundlage zn bilden. Wenn der Lehrer dieser Disziplinen wissenschaftlich vorgeht, wie eö seine Aufgabe mit sich bringt, wird er viel-; mehr nicht selten mit dem Talmud in Kollision gerathen, . und er wird seinen Hörern zu zeigen haben, daß sich die ' Divergenzen deS Talmuds aus dem Standpunkte und der An«; schauungSweise der talm. Zeit erklären lassen. Indem er solcher-! gestalt dem Talmud historische Gerechtigkeit widerfahren j läßt, kann er denselben nicht mehr als Grundlage seines : Dortrageö betrachten, und muß er sich'S gefallen lassen, von der Orthodorie, welcher die talmndische Anschauung in allen Stücken objektive Wahrheit ist, und für alle Zeiten als maßgebend gilt, verketzert zu werden. Dieses Vcrhältniß der wissenschaftlichen Forschung znm Talmud darirt nicht aus der neuern Zeit, wie Manche zu glauben geneigt sein dürften. Der italiänische AlterthumSforscher Asariah de Nossi (geb. 1513; gest. 1577) dachte und schrieb bereits in diesem Sinne. Seine klassischen Forschungen zogen aber auch taS entschiedene Mißfallen der Orthodorie ans sich. Die orthodoren Nabbinen in Mantua, wo de Nossi'S Werk erschien, begnügten sich allerdings damit, die Lektüre desselben der Jugend zu untersagen. Erst nach zurückgelcgtem 25. Lebensjahre sollte man darnach greisen dürfen. Die orientalische, polnische und deutsche Orthvkorie ging aber viel weiter. Sie verdammte das Duck unbedingt, und wollte eS den Flammen übergeben wissen. Nach glaubwürdigen Zeugnissen gehörte N. Joses Karo, Versasser des Schulchan Arnch, zu denjenigen, die daS VerdammungSurtheil auSsprachen. Dieser Umstand hat fast typische Bedeutung! Die exklusiven Anhänger Karo'S sprechen bis auf den heutigen Tag über die Schüler de Rossl'S daS VerdammungSiirtheil aus, nud gewiß fehlt eö Vielen unter ihnen nicht an guten Willen, die literärischen Produkte der letzteren den Flammen zu überliefern. AnS all dem erhellt, wie wenig die theologischen VertrauenSmänner berechtiget waren, die Erklärung zu Protokoll zu geben, es sei, ״in streng orthodoxem Sinne genommen, unerläßlich nothwendig, baß jenen Rabbi, natökandidaten, die den Einfluß ihres zukünftigen Wirkens auf dieBildung ihrer Glaubensgenossen und deren hierdurch bedingte soziale Stellung erfassend, sich nicht nur zu religiösen und sittlichen, sondern auch zu wistcnfchaftlich gebildeten Relig.onSlehrern ausbilden, durch ein Institut Gelegenheit geboten werbe, dieseBildung in systematischer Weise und ohne Gefahr auf Irrwege zu gerathen, erreichen zu können."^) Indem die bei der Konferenz anwesenden Nabbinen diese Aeußerung zn Protokoll gaben, unterließen sie zu erwägen, daß sie von den ungarischen Orthodoren kein Mandat desaßen, ״in streng orthodoren« Sinne" Erklärungen abzvgeden; — daß die ungarische Orthodorie sich 1806, 1850 . n. .. ') Bada M,zia, Kertzudolli. Deßachim. Beza, 'shulin, Brracholh. Sabbaih, Megilla, Zkidduschi». Mattoch, Gitlia, ') S. oben Nr- 55. S. 613.