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Ben Chananja · 1865-10-11 · 41 (11.10.1865) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
8 (1865)
Issue
41 (11.10.1865)
Date
1865-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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717 718 mehr die Fehler kennen, die er nicht machen darf. »Zeigt mir daS Gute, waS ick kann, lehrt 'mich das Schlechte, waS ich soll" — die Regel gilt allerwegen! DaS für den Prediger günstige Fahrwasser ist weit und breit genug, daß man eS Jedermann, der nnr irgendwie daS oratorische Steuerrüder geschickt zu führen versteht, getrost selbst überlassen kann, einen beliebigen KourS einzuhalten, und eS ist nur vothwendig, daß man ihn mit den hie und da verborgenen Klippen und Sandbänken bekannt mache. Wie Einem doch zuweilen die treffendsten Vergleiche ganz unabsichtlich gelingen! — Der Loolse ist wirklich ein in jeder Beziehung passendes Bild deS Predigers. Ist eS nicht ein weites, unendlich weites Meer, hin und wieder von unergründlicher Tiefe, in daS der jüdische Prediger mit seinen Gedanken und Forschungen hinaus» steuert? Kömmt er da nicht manchmal in Regionen, wo fast immer Stürme zu befürchten sind? Muß er nicht a. ch gewisse ״Wendekreise" passirt haben, wenn er alö erfahrener, wetterfester Prediger galten soll? Ist eS nicht seine Lebensaufgabe, die seiner Leitung sich anverlrauende Gemeinde durch die Wirbel und Brandungen der Zeit unversehrt hinwegzusteuern? Erhält er nicht seine Berufsausbildung auch ״über Büchern und Papier", um sich dann später im Kampfe mit Fluthen und Wogen zu bewähren? — Der ist ein schlechter Lootse, der wol auf den Seekarten aller Breitegrade genauen Bescheid weiß, aber den Mulh nicht hat, einer tobenden, brandenden See den Durchgang abzuzwingen, den Scharfblick nicht besitzt, um sein Schiff über Untiefe» und gefährliche Stellen sicher Hinweggleiten zu lassen. Und waS frommt dem Prediger die anSgedreirelste theoretische Kenntniß der gesammteu homiletischen Literatur, wenn eS ihm an der nöthigen Freimüth'.gkeit und Geistesgegenwart fehlt, wenn er Angesichts so manchen unvermeidlichen Themas, das mit feinem, sichern! Takle behandelt sein will, rathloS dasteht, lvenn er beim Eintritte mancher Zeitkäufe nicht weiß, sott er sich nach rechtö oder nach links wenden? — Oder, waö nützt eS auch dem Prediger, in seiner Studirstnbe, in einsanier Stille, auf dem Papier die trefflichste Rede entworfen zu haben, wenn ihn ans der Kanzel, Angesichts der harrenden Gemeinde, jedeSmal Angst und Zagen ergreift, so daß er keinen Satz zui'ammeuhängend über die Lippen hervorbringen kann, und dergestalt mit seiner schönsten Rede scherlern muß? Ueberhaupt hat eS mit dem ״Predigen" eine eigenthümliche Bewandt.:iß. Seine Grundlage ist strenge, ernste Wissenschaft, voller eiserner Konseauenz und geschlossener Regeln, — seine Spitze ist freie, heitere Kunst, ninschwebt von den Genien der Fantasie, durchweht vom Hauche schöpfenscher Geisteskraft. Nicht nur der öffentliche Vortrag allein, sondern daS ganze Schaffen einer Predigt ist: Kunst. Nicht umsonst preist die Krink an den Meistern deS Wortes den j S ch w u n g der Sprache, die leichte Bewältigung und richtige Behandlung deS Stoffes, die kunstvolle Anordnung der Gedanken. Jede guie, gelungene Predigt ist ein Kunstwerk. das von einer höher,! Inspiration die Weihe erhalten bat, um einen hinreißenden, mächtigen, degeisternden Eindruck hervorzurufen. Stümper und Pfuscher muß sich ja jede Kunst gefallen lassen, warum nicht auch die Predigerkunst? Wäre sie wirklich nur Wissenschaft allein, wäre ihre Vollendung nur von den Ergebnissen deS ForschenS und ErkennenS allein abhängig, dann müßten wir bei weitem mehr tüchtige Prediger aufweisen können, als in der Thal vorhanden sind. Wissenschaft ist immer frei von Manier, aber keineswegS die Knust. Und gibt eS nicht Prediger, die sich zur Schule dieses oder jenes Meisterbekennen? Aber mcht in dem Sinne, wie z. B. der Arzt ober der Jurist eiacm gewissen Systeme folgt. Nein, beim Prediger vnd feiner Schake ist eö nur die Kunstform, die als Schiboleth gilt. Mit der Wissenschaft steht Regellosigkeit im offensten Widerspruch, tu der Knust hingegen kann auch VaS Regellose noch genial sein. Und auch dort, wo der Prediger aus dem allgemeine» rhetorischen Gesetze hinauSschreitet und den gewohnten Weg der Regel verläßt, auch dort, fa gerade dort bekundet er de» Meister. Wie m der Kunst geistige Konzeption und technische Ausführung zwei einander ergänzende Faktoren sind, und nur der ein wahrer Künstler ist, bei dem selbe gleichmäßig zu finden, so müssen auch bei dem Prediger der Entwurf wie der Vortrag seiner Schöpfungen den Stempel ebenbürtiger Vollendung tragen, wenn er den Ruhm eines Meisters erulen will. Wol läßt sich auch an der geschriebenen und ge« druckten Predigt der Grab der Meisterschaft erkennen; aber sie gleicht dem Carton deS MalerS, der Partitur deS Ton« künstlers. ES mangelt ihm die Farbe und der Glanz, sie ist ohne Klang und Leben. Zum Predigen gehört also, wie zu jeder andern Kunst, vor allem natürliche, um nicht zu sagen angeborne Fähigkeit. Denn daS eben hat die edle Kunst mit dem groben Handwerk gemein, baß sie sich auS Büchern nie und nimmer erlernen läßt. So unendlich weit jene beiden auch sonst auSeinanderliegen, in drei Beziehungen berühren sie sich, darin nämlich: daß natürliche Anlage, Anschauung und Uebung ihre -Hanplbcdingllngen sind. Hier wäre wol der Platz, wo ich die natürlichen GelsteSgaben eines Predigers beschreiben sollte. Doch wirst Du mir zugestehen, daß dies ein unausführbares Wagestück wäre. Ist eS denn möglich, daS Entstehen, Wachsen und Gedeihen deS Talents oder gar deS Genies zu belauschen? Ist noch je Einer in die geheime, unsichtbare und räthfelvolle Werkstätre geistigen Schaffens eiugedrungen, baß er sich anheischig machen könnte, die Vorgänge desselben zu schildern? Geistige Fähigkeiten lassen sich nur ahnen, erralhen, und daS Ahnen ist eine gefährliche, daS Errathen eine schwere Sache. Frage nur bei den Herren Pädagoge!» an, ob sie im Besitze der vielgesuchten psychologischen Wünschelruthe sind. Sie werden Dir, woserne sie ehrliche Leute sind, mit ״Nein" antworleu. Alles, waS die Pädagogik nach dieser Richtung hin geleistet hat. ist wol von hohen! Werthe. Weöhalb aber sollten diese Leistungen mehr Werth haben, alö die der Astronvmie, die sich ebenfalls mit einer unfaßbaren, nnbegreifli« che» Welt beschäftigt, und deren Resultate zum Theil doch nichts anderes, als Hypothesen, wenn auch der Wahrheit ganz nahe kommende Hypothesen sind? Wie vielen Täuschungen setzt man sich beim Entdecken geistiger Fähigkeiten auS! Wie viele Jrrthümer muß mau bei der Analyse derselben mit in den Kauf nehmen! Wie oft führt man sich da selbst hinter'- Licht, ober wirb man hinters Licht geführt! — Warum sollte ich also Dich und mich mit einem so unfruchtbaren Räihselspiel beschäftigen? Geistige Anlagen, Talent und Genie kommen, man weiß nicht woher, machen sich geltend, man weiß nicht wie. Den Schleier dieser Geheimnisse zu Heden, wollen wir Anderen überlassen. Worüber wir aber ja ausführliche Erwägungen anstellen dürfen, daS ist die körperliche Anlage zum Prediger, und diesen Gegenstand will ich im nächsten Briese bespreche». David Gans als Astronom. Von Nrhem ia« Brüll. ö« ist ia diesen Bliitrra (Nr. 341 »ft vor Kurz»« ,0» Prof. Stöffel hervorgebobrn worden, daß der Cvronograpb David Dan« auch Astronom und zwar ein solcher. der ,u seiner Zeit auf der Höhe der Wiffenichaf, stand, gewesen ist. Sr verfaßte außer seinem Seschicht«» Werte ״Zrmach David" auch einige astronomische Schriften: ״Da« 41*

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