Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 37 (13.9.1865)
- Date
- 1865-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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663 ln ihrem Wohl wird euch wohl sein. (3er. 29, 7.)" — Indem wir nunmehr zur Einsicht gelangten, wie die alttesta׳ mentlichen heiligen Bücher die gegenseitigen Verhältnisse unter den Bürgern ordnen und Gesetze vorschreibeu, deren Erfüllung als starke Stützen die Verfassung aufrecht erhalten und daö Gemeinwohl sichern; liegt kein Grund vor, warum wir die bürgerliche Verfassung durch die Lehre Israels bedroht finden sollen. Die also widerlegte und zum Schweigen gebrachte Schadenfreude sucht aber andere Quellen, die, auö dem Glauden Israels entspringend, die Menschheit mit Gefahr bebrohen sollen; mit Eifer behaupten die neckischen, von Schadenfreude schäumenden Lippen, daß der Talmud, welchen die Juden in Ehren und hohem Ansehen halten, fürchterliche Prinzipien, gehässige Gesinnungen lehrt und befiehlt, die mit dem Geiste der heiligen Schrift in Widerspruch stehen. Auch auf diesen Einwurf wollen wir antworten. Die Bestandtheile dcS jerusalemiichen und babylonischen Talmuds, die Mifchna und die Gemara, enthalten die ältesten mündlichen Ueberlie« seruvgen, die über Mosis Lehre von gelehrten Rabbinen niedergeschriebenen, belehrenden, erläuternden, aufklärenden Theorieen, geschichtliche Erörterungen und Bemerkungen, welche eine tiefe, reiche Wissenschaftlichkeit, einen erhabenen Jdeengang, einen edlen Geist und eine strenge Moral abspiegeln und beweisen; hie und da finden sich — dies ist nicht zu leugnen — auch in diesem Werke menschlicher Geister manche Jrrlhümer, schmerzliche Klagen verfolgter, unterdrücktet Männer, natürliche Auöbrüche erlittener Uugerechtigfeit. Beachtet aber wohl, daß der Talmud trotz seiner Werthschätzung, in welcher er, gleich wie die Traditionen bei den Christen, vor den Augen der Israeliten steht, keinen Vorzug über die ursprünglichen Bücher des Alten Testamrnteö erlangt hat; denn die eifrigsten Lobredner dieser Traditiouen bekennen, daß der Talmud bei weitem nicht geeignet ist, im praktischen Leben allgemein angewendet zu werden, daß derselbe durchaus keine Unfehlbarkeit, noch in seinem ganzen Umfange verpflichtende Kraft besitzt; ja noch mehr, der Talmud ist den wenigsten Juden bekannt. — Wie aber tanscnd und tausend irrthümliche Behauptungen einzelner chrtstlicher ReligionSlehrer und Schriftsteller, so haben auch falsche Behauptungen einzelner Rabbinen die ursprüngliche reine Quelle nicht verdorben. — Wie eine Religion beschaffen ist, wird auS ihren Früchten zu erkennen sein; denn nach der Lehre JesuS wird Gott dadurch verherrlicht, wenn man viele Früchte hervorbringt. Bedenken wir doch wol. welche Heiligkeit der Eid vor dem wahre» Israeliten hat; wie selten unter ihnen die Laster der Trunkenheit und der Unkeuschheit Vorkommen, welche Pietä: ihre grvßtentheilS glücklichen Ehedünduisse und Familien charakterisirt; welche Mäßigkeit in der ganzen Ordnung ihres Lebens herrscht! Wir müssen wol anerkennen und bekennen, daß ein solche Früchte treibender GlaubenSbaum mit seinem Schatten die Saat der Tugend nicht etödtet, — diese Tugenden sind vielmehr erwünschte, sichere Stützen des bürgerlichen Lebens, erfolgreiche Mittel zur Förderung deS Wohlseins. — Wäre eS nicht überflüssig, mit Beispielen zu belegen, welche Opfer Israeliten für die heiligen Zweck« der Menschheit brachten, welchen Eifer sie bethätigt haben für daS Vaterland, daS ihnen die Hoffnung gewährte, der bürgerlichen Rechte theilhaftig zu werden? Sie haben sich als wackere VaterlandSvertheidiger, als Unterstützer der Armen und Bedrängten, alö Wohlthäter ihrer Nebenmenschen bewährt. Sind doch die sich empor« streckenden Wölbungen dieser heiligen Stätte, in welchen wir Gott lobpreisen, Zeugen ihrer hilfeleisteudev Bereitwilligkeit! WaS hält unS also zurück, gegen sie gerecht, erbar« mungS- und liebevoll zu sein? Etwa der Unterschied ihreö Glaubens, der heilig und die Wurzel unserer Neliglon ist 654 — oder die Zweige und Blätter ihre- Glauben-, wie ste in den Zeremonien ihres Gottesdienstes zur Erscheinung gelangen? Ach, wir steheu ihnen doch so nahe! JesuS selbst bekennt: ״DaS Heil kommt von den Juden (Joh. 4, 22)״; Paulus, der große Apostel der christlichen Kirche, macht auf die nahe geistige und körperliche Verwandtschaft aufmerksam r ״WaS haben die Juden Vortheile? Ueber alle Maßen viel. Zum ersten, ihnen ist vertrauet, was Gott geredet hat. (Röm. 3, 12.)" ״Die Israeliten sind meine Berwandtea nach dem Fleische, denen gehört hie Kindschast und die Herrlich, keit, der Bund, daS Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißung, welche auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem Fleische. (Röm. 9, 35.)" Ja, indem unser göttlicher Meister spricht: ״Wenn ihr MosiS glauben würdet, so würdet ihr auch mir glauben (Joh. 5, 5. 6)", erklärt er, baß die Israeliten nur wahrhaftig Israeliten sein, nur wahrhastig an Mosis glauben müssen, um Jesn zu begegnen. Wieder der ApostelPaulnS lehrt: ״Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Teig heilig, und so die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. Ob aber nun etliche von den Zweigen zerbrochen sind, und du, da dn ein wilder Oelbaum wärest, bist unter sie gepropft und theilhaftig geworben der Wurzel und deS Saftes im Oelbaume; so rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmest du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, soudern die Wurzel trägt dich. So sprichst du: Die Zweige sind zerbrochen, daß ich hineingepropfl würde. Ist wohl geredet. Sie sind gebrochen um ihreö Unglaubens willen; du stehest aber durch den Glauben; sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Hat Gott der natürlichen Zweige nicht verschonet, daß er vielleicht deiner auch nicht verschone. Darum schaue die Güte und den Ernst GotteS, den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte an dir, soferae du an der Güte bleibest, sonst wirft du auch abgehauen werden. Und jene, so nicht bleiben in dem Unglauben, werden sie eingepropft werden; Gott kann sie wol wieaer einpfropfen. Denn so du audem Oelbaume. der von Natur wild war, bist auSgehauen und wider die Natur in den guten Oelbaum gepropft, wie vielmehr werden die natürlichen eingepsropft in ihren eigenen Oelbaum. (Röm. 11, 16—24.)" WaS die äußeren Zeremonien betrifft, haben wir schon gesehen, daß in diesen nichts Wesentliches liegt, daß dieselben auch unter den verschiedenen christlichen Glaubenöpar« teien verschieden sind, ohne daß sie deshalb aufhören, Christen zu sein, und die Erfahrung lehrt, daß die Juden auch in dieser Beziehung immer mehr auf den Weg deS FortschritteS und der zweckmäßigen Verbesserung treten. Oder wäre eS vielleicht eine undankbare und lästige Pflicht, diejenigen aufzusuchen, die vor unS fliehen? Wäre eö vielleicht unmöglich, unS mit denjenigen zu vereinigen, die sich vor unS zurückziehen und isoliren? Ach klagen wir nicht diejenigen an, die sich vor dem bekannten Verfolger retten, verdammen wir lieber unser eigenes bisherige- Verfahren! Denn wie sollte wol der Leidende Vertrauen hegen gegen seine Quäler? wie sollte er seine Zuflucht zu seinem Verfolger uehmco? wie sollte er sich an die Gift hauchende Drost werfen, um ob der Unbill und der Kränkungen, die mau ihm angethan Hai, zu weinen? Einen liebevollen Busen, eia theiloehMtNdks weiches Herz sucht der Sohn deS Leidens, und wo fände er dasselbe eher, als bei den geliebten Sei, uigen? Erweisen wir Gutes dem Verfolgten, lindern wir seine Schmerzen mit pflegendem Sinne; — und er wird sich angezogea fühlen zu unS. mit Vertrauen unS einen Einblick gewähren in sein schmerzersüllteS Innere- und mit glühen« den Worten seinen Dank anssprechen. — Oder sollte eS viel« leicht Widerwillen in dir erregen, mit Menschen umzngeheo, die du für ungebildet, la den Regeln der Mode vod be« 37 *