Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 29 (19.7.1865)
- Date
- 1865-07-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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602 601 dürste mir für die Folge nicktanderes übrig bleiben, als mich von diesen Akten gänzlich zurückzuziehen, weil eS mir meiner sonstigen Stellung unwürdig erscheint, mich selbst bei den Darlegungen der religiösen Ausbildung der Jugend meiner Gemeinde vollkommen nullifizm zu sehen. Selbstver. stündlich muß ich jede Verantwortlichkeit auf diesem Gebiete von mir weisen. Die von mir flüchtig beregten Uebelstände sind von verschiedener Art und Natur, einige von ihnen ließen sich bald und leicht beseitigen, andere aber in späterer Zeit durch konsequente Anwendung von Mitteln, welche ich mir erlaube, der hohen Ctakthalterei in Ergebung zu proponiren. Um daS sittliche Leben des Individuums zu heben, ist es meiner Ansicht nach unerläßlich, daß die religiöse AuSbildung eine unisaffendere sei und eine andauerndere, alü sie es bisher gewesen. Der religiöse Unterricht in allen Anstalten müßte gewissenhaften und religiösen Männern anvertraut werden, und müßten bei ihm nur solche Bücher in Anwendüng kommen dürfen, welche von den zuständigen Behörden geprüft und gutgcheißen sind. Da der öffentliche Gottesdienst eine fortgesetzte religiöse Bildung und Erziehung ist, so müßte eö der Jugend möglich gemacht werden, die Synagoge häufiger zu besuchen, alö sie eS thul. ES wallet nämlich hier in Pest ein eigener Umstand ob, der anderöwo nicht gefunden wird. Wählend nämlich fast überall der DonnerStag dem Unke,richte in fast alle» Lehranstalten gewidmet bleibt, wird an demselben im hiesigen Gymnasium fast gar nicht unterrichtet. Wahrend demnach die Gemeinde der religiö'en Urbung in den Tempelu sich hingibt, ist die israelitische Jugend den ganzen Sab bat h Nor- und Nachmittag in den Klassen beschäftigt, ES liegt auf der Hand, daß ein jugendliches Leben nur den profanen Wissenichaflen hingegeben, ohne jede Hebllng und Veredlung, ohne andächtige Uebungen, ohne Warnung und Tröstung deS Glaubens srützelvö dasteht im sinnlichrn Leben und keine inneren Mittel besitzt, den Lockungen, wie sie namentlich in Residenzen vorhanden sind, Widerstand zu leisten. ES wäre nach meiner Ansicht cm Leichtes, die LektionSplane in den Vildungöaiiftalten derart zu entwerfen, daß die israelitischen Zöglinge Vormittag dem Gottesdienste in den Tempeln beiwohnen könnten. Die hohe Statthalterci wird durch ein solches Arrangement die ganze Judenheit zu ewigem Danke verpflichten, und um die religiös-sittliche Ausbildung der Jugend sich unsterbliche Verdienste erwerben. Um auf daS Familienleben, da wo eS in der niedern VvlkSschichte zu sehr vernachlässigt ist, veredelnd und hebend cinzuwirken, um namentlich Mädchen, welche häufig nur auö Mangel an ausreichendem Erwerbe sich der Schande in die Arme werfen, eine bessere Erziehung angedeihen lassen zu können, um ihnen Mittel und Wege an die Hand zu geben, sich ehrenhaften und ausreichenden Unterhalt zu verschaffen, um überhaupt auf den weiblichen Theil wohlthätig einzuwirkeu, waS hier besonders noth thul, habe ich die Absicht, einen ״Frauenverein", wie er fast in allen israelitischeu Gemeinden von irgend welcher Bedeutung schon eristirt und heilsam wirkt, hier aber noch vermißt wird, inS Leben zu rufen, weil ich von demselben ungemein viel des Segens in dieser Richtung erhoffe. Ich erlaube mir deshalb nebenbei einen Statuten- Entwurf eines solchen Frauenvereines der hohen Statthalterei zu unterbreiten. Bei der warmen und regen Theilnahme, welcher dieser Verein bei den zahlreichen deffergrsinntea und gebtidelen Frauen der hiesigen Gemeinde schon in der Idee sich erworden hat, fehlt ihm zu seiner Thätigkekt nichts weiter, aldie Genehmigung der hohen Statthalterei, um welche ich hiermit in aller Ergebenheit ersuche. Um dem so außerordentlich fühlbaren Mangel an gebildeten Rabbinen in Ungarn theilweise abzuhelfen, ist ein Rabdinen Bildungöinstitnt eine so dringende Nolhwendigkeit, daß eS ohne schwere und nachhaltige Nachtheile für daS gesammle jüdische Leben nicht länger zurückgewiesen werden kann. Ein solches Institut inS Leben zu rufen, hat nicht die großen Schwierigkeiten, welche man vorauSzusrtzen geneigt ist. ES besteht hierorts ein Institut schon seit längerer Zeit, welches die Pflege der rabbinischen Wissenschaften sich zur Aufgabe gestellt hat, ich habe eS vorgefunden in einem total vernachläßiglen Zustande, dem eine vollständige Auslösnng nahe bevoi stand. ES wirkten an demselben dnrchauS unbefähigte Lehrer, eS wurde in ihm nach keinem Plane verfahren, rS hatte gar keine Zöglinge mehr, und hatten die augestettten Lehrer bei demselben nichtweiter.zu thunj, als sich mit dem Selbststudium abzngeben. Bei dem WohlthäliqkritSsinne, welcher in der hiesigen Gemeinde unstreitig vorwaltee, und bei der regen Theilnahme, welche jedes Unternehmen findet, wenn eö in seinen Zwecken ersprießlich, gelang eS mir sehr bald, so viel Beiträge für dieses Institut herbeizuschaffen, daß bei demselben gebildete und lücbtige Lehrer angcstcllt werden konnten , welche im Stande waren und sind, den Talmud auf wissenschaftliche Weise zu lehren, dasselbe mit einer entsprechende» und auöreichenden Bibliothek zu versehen, und das Vertrauen zu seiner Wirksamkeit allgemein wieder herzustellen. Ich selbst habe begonnen. die religivnSfilosofischen Wissenschaiten in demselben zu pflegen. ES genießen zur Zeit in dem Institute, in den zwei Abtheilungen, welche eö hat, nahe an 50 Hörer einen zeitgemäßen rabbinischen Unterricht, an welchem sich auch theilweise die Besucher der hiesigen israelitischen Präparandic bethciligcn. ES würde seine Thätigkeit in weitere Kreise verbreiten können, nnd so dem fühlbarsten Bedürfnisse in der ungarischen Judenheit abhelfe», wenn die hohe Statthalterei geneigt wäre, d.rS genannte Institut in seinen Einrichtnngen und Zielen einer genauen Prüfung zu unterwerscn, nnd demselben Folgendes zu gewähren: 1. Ihm den Charakter eineöffentlichen Rabbiner- DilduiigSiiiftitttteS mit den Befugnissen, weiche den Rabbineiii'chnlen in Preßburg und Eisenstadt eingeräumt sind, zu ertheile», so daß eS ihm ebenfalls zustünde, Zeugnisse mit voller Giltigkeit denjenigen zu crtheiien, welche die Kurse in demselben regelmäßig durchgemacht. ES sind in Pest auSreichende Kräfte vorhanden, um sowol den rein rabbinischeu Unterricht, als auch den dahin einschlagenden wisseuschaftllchen zu ertheilen, so daß eine kostspielige Berufung befähigter Männer von Außen nicht nöthig wäre und die Erhaltung deS Institutes nicht sehr erhebliche Geldopsrr erheischte. 2. Wenn die hohe Statthalterei die Gewogenheit haben möchte, dem genannten Institute eine mäßige Subveutloa a«S dem sogenannten ״Schulfvude" zuwendcrr zu wollen. ES besteht bisher einzig und allein durch Spenden, welche ihm von Freunden der religiösen Wissenschaft -»fließen. Wenn auch nicht zu befürchten steht,, daß diese Quelle jemals ganz versiegten, so ist sie doch in ihrem Maße sehr varireud, und kann daS Institut, aus sie allein angewiesen, nicht in fortlaufende bestimmte Engagements eingehen. Ein firirter Beitrag aber auS dem genannten Schulsonde würde dem Institute eine sichere Grundlage geben, sein Ansehen im Allgemeinen kräftigen, da- Vertrauen zu ihm lebhafter machen, und im Verkaufe von einigen Jahren könnte der größte Theil der ungarischen Gemeinden mit auSreichend gebildeten Rabbinen versehen werden, welche den gerechten Forderungen der Zeit Rechnung tragend, auf dir Gesittung der Judenheit mächtig einwirkeu könnten.