Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 29 (19.7.1865)
- Date
- 1865-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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499 500 die Religion verliert ihren Einfluß und die Schranken der moralischen Gesetzgebung werden bedroht, ohne sittliche religiöse Gesetzgebung aber büßt auch die statliche an Nachhalttgkeit und Wirkung eia. Freilich der gebildete Rabbiner, dem seine Wissenschaft, lichkeit einen würdigen Begriff von seinem Berufe gibt, weiß von seiner geistigen Kraft Gebrauch zu machen, Angriffe auf seine Zuständigkeit zurückzuwcisen, sich io seinen Defügnissen zu sichern, durch die Macht deö Wortes und der Ueberzeugung moralisch zu erobern, waS ihm vorenthalten wird, und aus die Massen uupcmrenD zu wirken. Aber solche Rab. bincr hat die ungarische Judcnheit nicht viele aufzuweisen, und wo soll sie sie in der Zukunft suchen, wenn der BlldungSgang der RabbinalSkaudidaten derselbe bleibt, der er war und noch ist, wenn die Nabbiner-BildungSanstalten in dein Charakter und Wesen bleiben, welchen sie ererbt haben? Auf den Hochschulen der Rabbiner in Ungarn wird an dem großen Baume der Erkeniuniß nur ein einziger Ast gepflegt, auf welchen Alles und Alles gepfropft wird, nämlich der Talmud allein. Gewiß ein höchst ehrwürdiger, und reicher Schatz von Erkenntniß und Wissen, der sich ans viele Gebiete der geistigen Kraft und Thätigkeit erstreckt, und ebenso gewiß kann Niemand eine israelitische Seelsorge nach Erfordcrniß versehen, der aus dem talmudischen Felde nicht fleißig gepflügt, gesäet und geerntet hat, aber auch derjenige kann es nicht und gewiß nicht in der Neuzeit, der einzig und allein auf diesem Felde gearbeitet und gesammelt hat; durch ihn allein bekommt man keinen tiefen Einblick in die geschichtliche Entwicklung der Jndenheit und deö Indenthumö; auS ihm allein schöpft man keine filososische, gewiß keine philologische Bildung, er allein gibt keine wissenschastlicke Eregese und gewiß keine Rhetorik. ES ist aber schlechterdings unmöglich, daß Rabbiner ohne die genannten Wissenschaften in unserer Zeit die Seelsorge anöüben kennen. Sie sind nicht im Stande, die Schule zu überwachen, die Kanzel zu vertreten, und haben zwischen sich und einem großen Theile der Gemeinde eine Kluft, die nicht überbrückt werden kann. AuS diesen leidigen und bekragenSwerthrn Um- und Zuständen datiren die Zerwürfnisse, welche die Neuzeit in dem Gemeindeleben in vielen Theilen der ungarischen Judenheit zu Tage fördert und auf sie, alS auf den letzten Grund, sind zurückzuführen die Symptome, welche aus eine Erschülterung tut inner« Organismus keS Judenlhnniö deuten, die sich aber nicht lokalisiren läßt und hermetisch abschließen. Ich glaube in meinen Borausetzungen nicht zu weit zu gehen, wenn ich annehme, eS müsse der hohen Regierung von großem Interesse sein, die gezeichneten Mißstände durch geeignete Mittel je eher je lieber zu beseitigen, denn die Jndenheit ist nun einmal ein Glied, und «zwar ein lebendigeS, tn der Organisation deS StatSlebenS, welcheweder amputirt werden kann, noch in seinem Zustande belassen, ohne daß allgemein nachtheilige Folgen von selbst entstehen. Eö ist bei der obigen Schilderung nichts überrriebeu, und sind kerne zu grellen Farben aufgetragen. ES sind skizzirle Bilder aus dem leibhaften Leben. Zum Theile sind sie nur einer eigenen Erfahrung im Amte entlehnt. Dieses ist daS Hervorragendste in der ungarischen Ju- Unheil, ertensiv und intensiv. Die Pester Kultusgemeinde hat eine Seelenzahl, welche bald in die Nähe der 40,000 rücken, und einen bedeutenden Einfluß auf alle Gemeinden des Landes auSübt. Und obgleich ich den Titel ״Ober« rabbiner von Pest" führe, so bin ich das cks facto nicht nur nittt, sondern eS stehen mir nicht einmal diejenigen Befug׳ uisse zu, welche einem Rabbiner einfachen GradeS eingeräumt sein müssen, wenn anders unter diesem Worte ein Seelsorger verstanden werben soll. Im Verhältnisse zur Gemeindevertretung hier habe ich, wie schon bemerkt, durchaus weder eine Klage, noch Beschwerbe. Der zeitige Vorstand der hiesigen Gemeinde erkennt und würdigt den Beruf und Wirkungskreis des NabbinatS vollkommen, und trifft in theologischen Angelegenheiten durchaus keine Maßregel, faßt durchaus keinerlei Beschlüsse, führt im Kultus durchaus nichts ein, ohne vorher das Votum des RabbinatS eingeholt zu haben. Aber den Behörden und Organen deS States gegenüber ist mein Einfluß und meine Prärogative auf ein solches Maß zurückgeführt, das zu unbedeutend ist, um mit demselben vorhandenen Uebelständen vorzubcugen, und nur die große Fülle von sittlichen und materiellen Kräfte und Mitteln. welche vorhanden sind, so auSbeuten zu können, wie eS im Bereiche der Möglichkeit läge, wen» mir die Zuständigkeit und daS ämtliche Befugniß von Seite des States eingeräumt werden möchte. Ich habe schon angeführt, daß meine Einsprachen und Proteste bei der hiesigen ״Missionsschule" in Betreff deS Religionsunterrichtes der jüdischen Zöglinge daselbst durchaus unberücksichtigt geblieben sind, was sicher einem Geistlichen irgend einer ankern Konfession nicht begegnet wäre. Ich könnte Fälle ähnlicher Art noch in größerer Anzahl ansühren, wenn ich nicht durch zn große Weitläufigkeit zu ermüden fürchten müßte. Jedoch etwaö auS meinen lrü« ben Anusverhältnissen sei mir gestattet, in Erwähnung zu bringen. Man hat jetzt urplötzlich, sogar in der Mitte des Se, mesterS, in dein hiesigen StalSgymnasium die ungarische Sprache zur Unterrichtssprache auch in der Religio» gemacht. Ich bemerke daS ausdrücklich, weil die anderen Zweige deS UnterrichteS außerhalb meiner Koutrole liegen. Der größte Theil der Hörer deS Religionsunterrichtes war durchaus der ungarischen Sprache entweder gar nicht kundig, oder nur in sehr mangelhaftem Maße. ES lag auf der Hand, daß die religiöse Ausbildung der israelitischen Jugend jener Anstalt unter dieser Maßregel große Benachtheiligiing erfahren müßte. Ich als Seelsorger und somit Wächter der Religio» meiner Pflegebefohlenen setzte mich mit dem Direktorat jener Anstalt in persönlichen Verkehr. Ich bat von dieser urplötzlichen Aen׳ dcrung einstweilen Abstand zu nehmen, und wieS auf die unausbleibliche Lücke hin, welche bei einem so uuvorbereitekein Verfahren in dem religiösen Bildungsgänge der israelitischen Jugend entstehen würde, ich propouirte, mau möge dem allerdings vollwichtigen nationalsprachlichen Schwerpunkt allmälig Boden verschaffen, aber ihm doch nicht so in überstürzter Hast aus Kosten der sittlichen Erziehung gewaltsam hineinzustürzen, da die letztere doch auch von hoher Wichtigkeil wäre; aber eS half mir nichlö und obgleich alle Zöglinge der deutschen Sprache vollkommen kundig waren, wurde dessenungeachtet in der Mitte deS Semesters eine Theilung deS Religionsunterrichtes vorgenommen, und unter dem deutscheu Lehrer, der von der hohen Statthallerei designirt ist, noch ein ungarischer Lehrer angestellt. Noch muß bemerkt werden, daß in Ermanglung eines brauchbaren Lehrers in nngarischer Sprache bei dem Unterrichte kein konzessionirler Leitfaden benützt werden kann, und dieser deshalb nur rhapsodischen Charakter hat. Mir wäre bei meiner Machtlosigkeit wol ein Rekurs an die Weisheit und Gerechtigkeit der hohen Statthalterei annvch übrig gewesen, aber die damaligeu Zustände in unserem Vaterlande ließen eS nicht räthlich erscheinen, ihn zu ergreifen. Bei den öffentlichen Prüfungen tn den hiesigen Lehranstalten, sogar wenn sie sich auf rein religiöse Gegenstände erstrecken, erhalte ich nur Einladungen in der Eigenschaft eines passiven ZubörerS, den man wol konoris causa, aber nicht ex officio einladet, ja selbst das erstere oft nicht. ES V,