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Ben Chananja · 1865-07-19 · 29 (19.7.1865) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
8 (1865)
Issue
29 (19.7.1865)
Date
1865-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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497 498 überwundenen Zuständen angehört; und eS ist natürlich, daß bet so heterogenen Anschauungen elne Zerklüftung ins Ge, meindeleben bricht, welche die besten Kräfte und die schönsten Mittel unangeweudet verschlingt. Die Quellen, auö denen die angedenteten Nebel fließen, sind folgende: Die religiöse Ausbildung der Jugend in den Schulen ist zu mangelhaft uud hört mit dem Momente ganz auf fortgesetzt zu werden, wo ein praktischer Berus angetreten wird. DaS HanS und die Familie, welche sonst die gelernte Religionslehre verkörperte und lebendig darstcllte durch heilige Uebungen und Bräuche, hat zum große» Theil diesen schöne» Beruf aufgegeben. Erwerb »mb Genuß deö Erworbenen sind die einzigen Triebfedern aller Thätigkeit. Die Sabbathseier, welche sonst so viele segensreiche Weihe über daS Leben ergoß und alles Gute vermittelte, ist leider der eisernen Noihwendigkeit der Beschaffung des täglichen Brodeö, gewichen, die SonntagSseier aber, macht bei den Israeliten höchstens die abgespannten Kräfte deS Lebens frei, beut Zerstreuung und Vergnügungen, aber keinen Geistes׳ ausschwuug, keine Serlensammlnng, hebt und veredelt in nichts die innere sittliche Stimmung und Verfassung. Wäh« rend wol Väter und Mütter am Sabbatb den Tempel besuchen, Andacht halten durch Gebet und Anhörung der Pre» digt sind zn«; größten Theil die Söhne in den Schulen, Gymnasien, Komptoiren und Werkstätten beschäftigt. Nur Neujahr und VersöhnungStag sind eS, an denen der Herr deö Lebens alle seine israelitischen Verehrer anbctenb vor seinem Angesichte hat und zwar in größeren Massen. So nachhaltig aber wirkt die stärkste Andacht nicht, daß sie aus so lange anSreiwende Seelennahrnng böte. ES ist deshalb kein Wunder, baß bald auch daS We׳ nige, welches die Schule geboten, verwischt und vergessen ist, und daß Jünglinge und Jnngsrauen in das ״«-fthrliche Leben, daS so reich an Lockungen ist, ohne Stütze und Leitttng kommen, und den Veriührungen nicht »vidcrstehen kön« neu, wenn sie ihnen begegnen. ES wird sich dieser Uebclstand in der neuern Gene׳ ration noch krasser Herausstellen, als bei der altern, denn diese hat wenigstens noch von dem Erbe gezehrt, welches sie von den Vätern erhalten hatte, die erstcre aber hat wenig cinzilbüßen und wird die wvhlthätigen Schranken deS rcli« giösen Lebens bald durchbrechen. ES kommt ferner hinzu, daß die Lehr und BildungS- Institute noch rricht in dem Maße vorhanden sind, wie eS wünschenSwerth und nothwendig wäre. Pest hat außer einer großen Anzahl von Privatschnlen, die ich aber gar nicht kenne, eine vortreffliche Musterhauptschule und Gemeinde« Normal'HauptschnIe. Diese letztere ist von dem früher» Vor׳ stände der Gemeinde um zwei Parallelklassen erweitert »vor. den, um eS zu ermöglichen, daß Mädchen von Knaben ge׳ trennt unterrichtet würden. Aber dem Bedürfnisse der schul׳ pflichtigen Jugend ist damit noch lange nicht abgrholsen. Eine große Anzahl armer Kinder irrt immer noch ohne Lehre und Erziehung umher. TheilS können die Eltern daS Schulgeld nicht erschwingen, thrilS ist in den Instituten nicht Raum vorhanden, sie alle aufzunehmen, obgleich die Lehr, jimmer fast sanitätöwidrig überfüllt sind, baß den arinen Kindern die Blässe und dag Siechthum auf das junge An, gesicht sich malt. ES flüchten daher Hunderte in die söge, uannle ״Missionsschule", wo sie zu geistigen Zwittern herangebildet werden. Sie gehören der israelitischen Religion durch Geburt und Gewohnheit an, werben im Hause in ihr erzogen, sehen sie im Leben üben, aber in der Schule er׳ halten sie in der christlich-reformirten Religion Unterricht, die sie selbstverständlich in Widerspruch bringt und erhält sie mit dem, waS sie in der Familie und auS dem offen»!»« chen Kultus tu sich aufnehmen. Ich habe zu wiederholte» Malen bei dem Direktor der ״Missionsschule-Protest gege» dieses Gebühren eingelegt, und verlangt, daß ein tsraekitlscher Lehrer angestellt würde, aber ohne jeden Erfolg, und muH eS geschehen lassen, daß schon ln daS junge Gemüth Zwiespalt und Zerwürfniß gesäet wird. Dieser Umstand führt von selbst zu einem dritten Uebel, auS dem so viel Zerwürfniß und Geisteselend resultirt. Die Stellung der israelitischen Seelsorger ist von Seite des Statenicht abgegrenzt und nicht gefestigt. Der Rabbiner weiß rnicht, wo seine Befugnisse beginnen und wo sie aufhören, welche Objekte in seinen Pflichtenkreis gehören, und wo sie außerhalb derselben liegen. Wenn er auch weit davon ist, eine Hierarchie anznstrebcn, autonom kein z» wollen, oder gar Zwang zu üben, so müßte die Beziehung festgestellt sein, in der er zn den StatSbehörden, zu feiner Gemeinde und zn seinem Seclsorglinge steht. Zur Zeit herrscht aus diesem Gebiete eine chaotische Verwirrung, die alles Schaffen und Wirken paralvsirt. DaS StatSgesetz hat kein Normativ für rabbinische Fimklionen, hak nirgends auSgesprochen, wofür der Rabbiner verantwortlich ist und wem? Selbst daS Verhältniß der Rabbinare zu einander ist eia untergeordnetes. ES ist nirgends ausgesprochen, ob die ver« schiedenen Rabbinale einander koordinirt sind, oder bei einem oder dem andern, je nach Größe der Gemeinde und ihrem Eharakter eine Art von Oberaufsicht obwalket, daher kömmt'-, daß in streitigen religiösen. Fällen, die von den Rabbinen geforderten Gutachten so verschieden und widersprechend auSfalle», alS die Anschauungen der votirenden Rabbiner selber sind, und daß die hohen StatSbehörden, welche um eine Entscheidimz angegangen werden, in solchen Fällen nicht ermesse» können, wo daS Recht und wo daS Unrecht ist. Die Archive der hohen k. k. Statthalterci sind aiiSret« chrnd mit Aktenstößen angefüllt, welche diese traurige Zerriffenheik konstatire». Die Gemeinde thei'lt sich in Religion-» Parteien, ivelche mit einander in Fehde liegen, oft unbedeutendc Kleinigkeiten, sie lassen Tempel und Schule zu Grunde geirrt, ln־In, 1,11,11^,1 daS Iiidenihuni vor der Welt in grob׳ ster Weise. hemmen die Entwicklung zur bessern Gesittung, behellige״ in empsindlichcr Weise dir Organe deS States, weil keine verständige ״nd antorisirte ReligionSbehörde vor« Händen ist, welche vermittelnd einschreite״ ״nd ״wlivirte Entscheidittigen herbeis,'ihren könnte. Ja, eS sind auch solche Fälle nicht seile״, in denen der Rabbiner selbst seiner Gemeinde gegenüber, die doch nur KiilliiSgemeinde ist und ihren Schwer« Punkt in, religiösen W-ssen hat, in welchem der Rabbiner doch erster und am nieistei, akkrrditirter Sachverständiger ist, ckv facta einen Einfluß hat, der sich auf Null reduzirt, wenn er ihn nicht durch daS Uebergewicht seiner Besähigung und moralisches Leben steigert und in seiner Unigrenzung sichert. Kraft seines Amte- und seiner Stellung hat er nur einen unbedenlenden Wirkungskreis und in mancher Ge« meinde ist daS Streben vorherrschend, auch diesen ihm zu nehmen, iveil allebeseitigt werden soll, waS edle Rücksicht gebeut, weil Vielen der geistige Moderatenr nnai,genehm und Gegenstand der Absorbtion ist. ES läßt sich aber keine Pflicht mit Nachdruck erfüllen, wenn man der Rechte und de- Schutzes gänzlich verlustig gegangen. ES komm» noch hinzu, daß daö mißachtend«׳ Gcbahren dem Seelsorger gegenüber, ihn würdelos 'erscheinen läßt in den Augen de» Individuum-, daß alle Mühe der hoher» Beamtung, aller Nimbn» der Würde, der soust auf dle Masse« tmponirenv wirkte, von ihm geiiommeu ist, zum Nachtheil der heiligen Sache, dir ec vertritt. ES wird di, religiös, Mahnung ohnmächtkg, die Warouug kraftlos und der sittliche Zustand verschlimmert sich, die Zügellosigkeit wächst, der destruktive Geist wuchert, 29

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