Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 29 (19.7.1865)
- Date
- 1865-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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495 496 Die Gemeinde ist wohlthätig, für Gutes leicht entzündlich, zn Opfern gerne bereit, lenksam, gefügig und friedliebend. Unter einer guten Leitung und wachen Obhnt, unter konsequenter Handhabung eines gut geplanten Status, dessen Ueberwachung und Bethätigung sich irgendwo zeatralistrte und einen Schwerpunkt hätte, ließe sich ungemein viel Guteerzielen und denjenigen Eventualitäten Vorbeugen, welche weiter unten geschildert werde», deren Eintreffen wol bekla, genS,verth wäre, und doch schon durch untrügliche Zeichen flgnalisirt ist in dem Wesen und Berhalten eines TheileS der unteren Schichten der Bevölkerung. Ich bemerke auS« bnicklich, daß ich in den folgenden Auslassungen durchaus von der Absicht entfernt bin, den Vorstand der hiesigen israe, litischen KultuSgemeinde umgehen zu wollen. Ich habe eS einzig und allein mit den sittlich-religiösen Zuständen zu thun, dle zum größten Theile doch meiner Kontrole überwiesen sind. Die innere Organisation und Verwaltung der Gemeinde, ihre Vertretung nach Außen, die Erhaltung und Ueberwachung der in ihr bestehenden Anstalten und Jnstitute, ist ohne Ausnahme so vortrefflich, legt Zeugniß ab von so viel Loyalität, von Energie mit Besonnenheit gepaart, von nüchternem praktischem Sinne, Liebe für den Glauben, Hingebung und Opferwilligkeit, daß auch nicht ein Schatten deS Tadels auf die Vertretung geworfen werde» darf, daß eS eine Versündigung gegen die Zukunft deS hiesigen Gemeindelebens wäre, den Geist, welcher sich bildend, ordnend in den Gemeindeverhältniffen kundgibt, in seinen Emanationen auch nur entfernt stören zu wollen. DaS Objekt meiner Behandlung ist einzig und allein rein geistlicher Natur und gehört in das Gebiet der Seelsorge, welche wol mit der Gemeindevertretung in Verbindnng steht, ja von ihr gestützt und getragen wird, die aber doch vermöge ihres Berufes und Zuständigkeit, Einblicke in die inneren Zustände bekommt, welche sich der politischen Vertreluiig wol entziehen können. Ich strebe deshalb iu meinen Postulaten nur an auf die Jiiteiltionen der Gemeindevertre« liing ergänzend und vervollständigend einzuivirken nnd durch Hebung des Geistes, da wo er rellgiöS-sittlich darniederliegt, dem Vorstande die Erreichung der Ziele zn erleichtern, welche ihm als letzte Ideale vorschweben. Denn trotzen», wie schon bemerkt, dem israelitischen Streben und Leben im Allgemeinen das beste Zeugniß ertheilt werten muß, fangen dessennngeachlet an, sich Zustände heraiiSzustelle», deren Uinsichgrcifen verhütet werden muß. Sie zeigen sich sowol in dem Lebe» des ZndividuiimS, wie in dem der Familie, als auch in dem dcö GcmeindrverbandeS hic und da. Die Sinnlichkeit, welche zumeist in großen Städten durch die Ueppigkeit der Gcnüffe, durch die Zerstreuungen, welche sie bietet, sich leicht nnd schnell der niierfahrenett Ingend bemächtigt, ist in Pest in einem bedeutenden Maße herrschend, nnd ist selbstverständlich auch in jüdische. Kreise gedrungen. Arrzte bekunden eS, daß junge Männer vielfach schon den Giftkeim der Unsittlichkeit und der AiiSschweii'ungen in sich tragen, und daS Einsetzen erregende Bordell-Leben beginnt leider anS israrlitischev. Familien auch seine Koniingrnte zn beziehen. DaS RabbinaiS - Journal hat elne ziemliche Anzahl von jungen Mädchen verzeichnet, welche ein Ovfer der Verführnng geworden; uneheliche Geburten gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Eö ist selbstverständlich, daß, wenn daS Individuum die Korruption empfängt, der Charakter der Familie auch in seiner Reinheit nicht mehr gewahrt werden kann; und ist er in der That in der niedrigen Volksschichte von der Beschaffenheit, daß er ernste Besorgnisse erregt. DaS NabbinatS-Bejchwrrdcbuch zählt schon Hunderte von Nnmmern, deren größter Thril den Ehezwist zum Inhalte hat, und selbst wirkliche Scheidungen kommen in jener Klasse sehr häufig vor. DaS ist um so betrübender, als eS in israelitischen Kreisen früher unerhört gewesen. Die Musterglktigkeit der jüdischen Ehe war unbestritten, sie zeichnete sich ebenso durch Nüchternheit, Mäßigkeit im Genüsse und Keuschheit in den Sitten auS, wie in der Erziehung der Kinder und der Pflege deS religiösen Geistes. DaS ist zum größten Theile in den untern Volksschichten leider nicht mehr so; eS wird da die Ehe mit ungchenrer Leichtfertigkeit geschlossen, ohne jede Garantie für ein hinlängliches Auskommen, nnd der Hang auch der Unbemittelten, eS im LurnS nnd den überlricbcnen Bedürfnissen des Lebens den Reichen vachzuthun, hat zur Folge, daß Sorge, Roth nnd Kummer sich bald einstellen, den Frieden des HanseS nntergraben und die Bezie- Hungen lockern. Bei einem progressiven Fortschreiteu dieses VerhältnisseS ist ein Proletariat von nicht zu bemessendenk Umfange voranSzusehcn und Zustände zu gewärtigen, denen vorgebeugt werden muß. Wie eS in diesem Betracht ansierhalb Pest'S ist, kann ich nicht sagen, dagegen sind die öffentlichen sozialen Verhältnisse nnd inneren Zustände in den Proviiizialgemeuiden größlcntheikS nicht von derjenigen Beschaffenheit, welche mit Genugthunng in der hiesigen wahrgenommen melden. Sie leiden zum großen Theile an OrdnnngSlosigkelt und Zerfallenheit. ES sind nur wenige, in denen nicht die Sekten und Parteien miteinander im Kampfe liegen; die Rabbinate mit den Vorständen nnd diese mit jenen sich befehden. Ramentlich in der jüngsten Zeit sind Erscheinungen zn Tage gefördert worden in den Gemeindeverbänden, welche auf die allgemeine Gesittung wie ein Ferment ivirken und den Jnstituten der Bildung, der Erziehung und der religiösen Hebung die empfindlichsten Beeinträchtigungen znführen. Im Amte ergraute Rabbiner sind ihrer Stellen und Würden beraubt, und irren in großer Zahl brodios umher, junge Männer ohne ausreichende Befähigung, ohne würdigeS Vorleben, ohne religiöse Jiliierlichkeit bestechen durch hohle Schanstellungen die Stimmung und schleichen sich in Acmler ein, denen sie nicht gewachsen sind. ES gibt gar viele der Religionölehrer, welche nicht von dem tiefen Ernste durchdrungen sind, welcher dem religiösen Erzieher eigen sein muß; und sic leben nicht so, daß sie dem Schüler Muster und Vorbild sein können, sie sind nicht im Besitze der nöthi'gen Kenntnisse, wählen nach eigener Willkür, ohne Sach- und Fach'kenutiiiß die Lehrbücher, unter denen sich Elaborate definden, welche von keiner zuständigen Behörde genehmigt sind. Der Besuch drö Religionsunterrichtes in den Schulen und Gymnasien läßt viel zn wünschen übrig; die Absenzen werben nicht kontrolirr und in den Zeugnissen zn wenig gewissenhafte Rücksicht genommen auf Fleiß und Betragen der Schüler. ES kommt noch ein beklagenSwerther Umstand hinzu. Der größte Theil der niigarischen Rabbiner besitzt nur einseitige Bildung, nämlich rabbinisch-talmudlsche, welche eS ihnen nicht ermöglicht, den heiligen Gegenstand, der ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist, in seiner geschichtlichen Entwicklung aufjufassen, wissenschaftlich zu behandeln, und Ihm Snmp.uhicen znznivenden. Während die reifere Jugend durch Schulbildung und tbcilwrrse höhere Studien auf eine Siufe klarerer Anschauung und geläuterten Geschmackes gehoben ist, während Männer und Frauen, unterstützt durch die leichtern Verkehrswege der Nenzeit, Kultus und Seelsorge in veredelter Beschaffenheit kennen zu lernen Gelegen« heit hatten, und nicht mehr geistige- Genüge finden können, an religiösen Vorgängen, welche daS dumpfe Ghetto als ibren Ursprung verrathen nnd dem Jsraelitenthnm Hohn, Spott nnd Schmach zngezogen haben, — verlassen die meisten Rabbiner Ungarns den Standpunkt nicht, der längst