Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 28 (12.7.1865)
- Date
- 1865-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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483 484 Der Verfasser wählte znm Motto der ersten Abtheilung seiner Schrift die gehässigen, ja feindseligen Aeußerungen, welche Fichte in seinen Beiträgen zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution aussprach. (Werke 6,!49). Wer sich die Aufgabe stellen würde, zn beweisen, daß selbst große Denker und Fikosofen zuweilen in dem Dorurtheike ihrer Zeiten befangen sind, und sich namevtlich über anerzogene Synipathieen und Antiparhieeu nicht zn erheben vermögen; der dürfte die in Rede stehende Erpektoration Fichte'S nicht unangeführt lassen. Wem eS darum zn thun wäre, eine Paradorieensammlung auS den Werken neuerer Filosofen anzulegen, dürste nicht vergessen, zu erwähnen, wie Fichte keinen Anstand nimmt, dem jüdischen Volke einen gewaltigen Vorwurf daraus zu machen, daß ״dessen Geringster seine Ahnen höher hinaufführt, als wir Andern alle unsere Geschichte, und in einem Emir, der älter ist, als sie, seinen Stammvater erblickt!!" Um dieses ungeheure Verbrechen in einem recht grellen Lichte erscheinen zu lassen, fügt der große Verfasser der Wissenschaftslehre hinzu, daß jene Genealogie ״eine Sage" sei, ״die wir selbst unter unsere Glaubensartikel ausgenommen haben!!" Wessen Aufgabe eS wäre, Fichte gegenüber eine deutsche Autorität zu Gunsten der Juden in die Schranken zu führen, der brauchte nur den Ehrfurcht gebietenden Namen Älkkaudcr von Humboldt'S zu nennen! Und wollten wir uns gar auf eine Widerlegung der Thesen Fichte'S einlassen, so könnten wir unö darauf beschränken, auf die Theilnahme der preußischen Juden an den Befreiungskriegen und aus die darauffolgende Wortbrüchigkeit der preußischen Regierung hinzuweisen. Fichte konnte dieS 1793 allerdings ebensowenig ahneu, als er eS ahnen konnte, daß nach Verlauf eines halben Jahrhunderts einer ler Sproßlinge jenes EmirS, ein Sohn dcS Volkes, ״daS sich zu dem den Körper erschlaffenden und den Geist für jedes edle Gefühl tödtenden Kleinhandel verdämmt hat und verdammt wird", als Vizepräsident einer großen und patriotischen deutschen Nationalversammlung Gegcnstand allgemeiner Hochachtung sein werde. Auf alles dieS wollen wir hier nicht näher eingehen, um die Wiederholung dessen, waö Jedermann weiß, zu vermeiden. Dafür gestatten wir unS, daran zu erinnern, daß Fichte'S Judenfeindlichkeit in einem gewissen Sinne mit seinen eigenen Erlebnissen zusammenhängt. Die Anfeindung. die er selbst zu ertragen hatte, fällt zwar in eine spätere Zeit; aber schon 1793 fand er eS nöthig, die ״Zurückforderung der Denkfreiheil" herauszngkben. Die in dieser Rede herrschende Stimmung kömmt nun auch in den erwähnten Aeußerungen zum Durchbruch, wo eS wörtlich heißt: ״Vorherrschende Toleranz der Inden in Stalen. wo für Seldstdenker keine Toleranz ist, zeigt sonnenklar, worauf eigentlich abgesehen wird. Die Aufrecht, Haltung deines Glaubens liegt dir so sehr an deinem Vater- Kerzen. Siehe diese Inden; sie glauben überhaupt nicht an Jesum Christum; das mußt du nicht dulden, und ich sehe, daß du sie mit Wohlthaten überhäufst. — ״״O sie haben Aberglauben, und taS ist mir genug. Glaube du doch an Zoroaster oder Konfuzius, an MoseS oder Mohamed, an den Pabst, Luther oder Calvin, das gilt mir gleich, wenn du nur an eine fremde Vernunft glaubst. Aber du willst selbst Vernunft haben, und daS werde ich nie leiden. Sei uumündig, sonst wächsest Du mir zu Kopfe."" — Ich will nicht etwa sagen, daß man die Juden um ihres Glaubens wegen Verfolges solle, sondern daß man überhaupt Niemanden deswegen verfolgt« solle." Der große Filosof war, wie eS scheint, erbittert darüber, daß die Juden sich eines größer״ MaßeS von Toleranz erfreuen, als diejenigen Filosofen, deren Forschuugen Anstoß erregen. Daran waren aber jedenfalls die Juden unschuldig, und wenn Niemand wegen seines Glaubens verfolgt werden soll, so darf man natürlich auch den Leben-, frieden desjenigen nicht stören, der in einem Emir des semitischen AlterthumeS seinen Ahnherrn verehrt! Je bitterer Fichte gegen die Juden sprach, desto merkwürdiger bleibt eS, daß er als StatSrechtSlehrer fast selber znm orthodoxen Juden geworden ist! Indem er nämlich am Schlüsse seines Systems der RechtSlehre die ״absolute Begründung des RechtS in der Wirklichkeit" bespricht, sagt-er, wie folgt: ״Also die Aufgabe, daS Recht zu konstituiren, welche jetzt auf die zurückgeführt worden ist, den Gerechtesten seiner Zeit und seiner Nation zum Herrscher derselben zu machen, ist durch menschlicheFreiheit nicht zu lösen. ES ist darum eine Aufgabe an die göttliche Weltregierung. Von der Lösung dieser Aufgabe aber hangt überhaupt ab die Gerechtigkeit im State; diese ist darum auch eine Aufgabe der göttlichen Weltregierung. Irgend einmal wird nnd muß Liner kommen, der als -er Gercchtcstc seines Volkes der Herrscher desselben ist; d׳eser wird auch das Mittel finden, eine Succession zu erhalten: daS ist dann ziemlich leicht. (Nachgel. Werke 2, 635). Also auch Fichte, — sagt Dlnntschli in seiner Geschichte deS allgemeinen StatSrechiS hierauf bezüglich (S. 385), — verlangt einen politischen Messias!! An die Spitze der dritten und letzten Abtheilung seiner Schrift setztHr. P. P. einige jndenfeindliche Worte deS TacituS, der übrigens auch folgende Worte in seine Schilderung der Inden anfnahm: ״Die Jndäer erkennen nur im Geiste'eine einzige Gottheit. RuchloS feie». diejenigen, die Bildnisse der Götter von vergänglichem Stoffe in Menschengestalt darstellen: jenes Höchste und Einzige sei weder wandelbar noch vergänglich." *) Wir geben indeß zu, daß TacituS die Juden wie ein Judenfe iud bespricht, und daß er sogar ihren Glauden an einen unsichtbaren Gott als Aberglauben bezeichnet. Wir erlauben unö aber, Herrn P. P. zu fragen, wie er eS aufnehmen würde, wenn ein mohamedanischer Schriftsteiler ein Pamphlet gegen Christen «nd Christenthnm herauSgäbe, und sich dabei ebenfalls auf TacituS beriefe? Wenn Herr P. P. weiß, waS TacituS über die Juden sagt, sollte eS ihm auch bekannt sein, wie der Griffel deS römischeu Geschichtschreibers die Christen gezeichnet hat. Bekanntlich traf die Christen in -Rom bittere Verfolgung, als der Kaiser Nero nach dem großen Brande RomS im Jahre 64 den ') Judaei menfe 80Ja anumque m11m־n intelligunt; profanos, qui dpQm imagines morttlHiUs uiatmis in spccius ht/mii.um effiugaut; »uiumuiu iliud et aetenmia neque ujutabile nrque Tacit. Uial. üb. V Cap. 6.