Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 28 (12.7.1865)
- Date
- 1865-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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479 480 sich also, über jüdische nnd römische Geschichte zu sprechen, ohne zu wissen, daß der von TitnS zerstörte Tempel nicht der salomonische war, und ohne zu ahnen, daß die LaSzivität der römischey Jugend ganz andere Quellen hatte, alö die Verführung der Juden! Oder meint Herr P. P. wirk, lich, daß die Liederlichkeit deS römischen HoscS jüdischen Vorbildern folgte, nnd daß Tibull mit seinem brütenden und verirrten Sinnenrausche, sowie Properz mit seiner lüsternen Neberlegung und seinem Kitzel deS Bewußtseins bei Rab« bincil in die Schule gegangen sind? Hat Letzterer sein schandlicheS Bekenntniß: ״N08 contra angosto versanius proelio lecto“ (Elcg. 2, 1, 45) abgelcrnt? Ist die trostlose Doktrin: ,,Llaxima 60 niliilo nascitur bistoria“ (Ibid. v. 16) etwa aus dem Talmud geflossen? Herr P. P. wird vielleicht auch vor solche» Behauptungen nicht zurückschrecken, da er die Scheu, sich lächerlich zu machen, gar nicht zu kenne» scheint. Da schon Gibbon, Denville, Peter Major die Ro' manen von den alten Römern abstammcn lassen, muß man e6 nur nalürlich finden, daß die heutigen Romanen dasselbe lhun. Wir wollen dem Herrn Panteliu Popassn den Ruhm nicht streitig machen, daß er der Sprößling eines alten, edlen römischen Geschlechtes ist. Diese Abstammung sollte ihn aber nicht verleiten, für seine Ahnen gegen die Inden Partei zu nehmen; denn ganz gewiß wird er kein statSrechtliches Moment ausfindig machen, welches geeignet wäre, daö Recht der römischen Republik oder deS römischen KaiserreichcS aus Judäa zu begründen. In Folge deö Unglücklichen ThronftreiteS zwischen Aristobul und Hyrkan, welche Pompcjnü zum Richter anricsen, kam Judäa allmälig unter das Joch deS ländergierigeu Nom. Bei den wiederholten Versuchen der jüdischen Nation, taS unerträgliche Joch abzuschüttcln, hat dieselbe ans die Stimme kalter, ruhiger Derechnuug wenig geachtet. DieS kann ohne Bedenken zngegeden werden. Noch weniger aber kann in Abrede gestellt werden, daß sich die Juden in jenen Versuchen, die römischen Ketten zu brechen, mit nnsterblichem Ruhme bedeckten. In ihren BesreiungSkricgen sahen sie sich den berühmtesten römisch״» Feldherren gegenüber: dem PompejuS, Markus AnroniuS, VrSpasian, TitnS, Trajan, Martins Turbo, Lucius Quint,lS. Der Kaiser Hadrian, den Herr P. P. besonders hervorhebt, war auch weit entfernt, de» Muth und die Todesverachtung seines Gegners zu unterschätzen. Er berief, wie Div CassiuS berichtet, die tüchtigsten Feldherr» seiner Zeit auf den Indäischen Kampfplatz, vor Allen Julius SeveruS aus Dritlauten. Der Preis deS Siegcö kam auch den Römer» hoch genug zu stehen. Wenn nun fanatische Kirchenväter den Barkochda, der die jüdischen Schaaren gegen Hadrian anführte, einen Räuber und Mörder nennen, so mag man dies auf ihrem Standpunkte erklärlich finden. Wie aber ein Schrift« stcllcr in unserer Zeit, in der Mitte einer freien Nation, auf den Gedanken kommen kann, den Inden ihre» Kampf gegen Nom zum Verbrechen anzurcchnen, ist in der Thal unbegreiflich. > Der Herr Verfasser bleibt bei den Kämpfen der Juden während ihres zweiten statlichen Lebens nicht stehen; auch die Leiden und erlittenen Versolgnngen der zerstreuten jüdischen Gemeinden zieht er in den Bereich feiner Darstellung und Deduktion. Er bemüht sich hier sichtbar, ein reiches historischeS Wissen an den Tag zu legen. Hätte er die ״syvagogale Poesie des Mittelalters״ von Dr. Zunz gekannt, wäre eö ihm ein Leichtes gewesen, ein ohne Vergleich vollständigeres JndenverfolgungS - Register zu liefern. WaS will aber Herr P. P. mit seinem VersolgungS-Register eigentlich erzielen? Er will daraus den Schluß ziehen, daß die Juden durch ihre Verbrechen, ihre Laster, kurz ihre Verworfenheit, sich den selbstverschuldeten Haß der Völker zugezogen haben: einen Haß, der auch in unserer Zeit derselbe bleiben muß. da ja auch die Juden dieselben geblieben sind. Trauriges Raisonuement! Herr P. P. wirft den liberalen und judcnsreundlichen Schriftstellern Ignoranz nnd Oberflächlichkeit vor; in den menschenfeindlichen und verfolgnngSsüchtigen Schlüssen, die er auS den mittelalterlichen Judenhetzen zieht, zeigt er aber nur seine eigene Ignoranz und Oberflächlichkeit. Hätte sich der Verfasser mit dem Gegenstände seiner Abhandlung vertrant gemacht, so. wäre eö ihm nicht unbekanut geblieben, daß die enropäischcn Christen der ersten Jahrhunderte, weit entfernt, den Juden zu grollen, — wozu ihnen letztere auch gar keine Veranlassung gaben, — mit denselben vielmehr in Frieden und Eintracht verkehrten, bis cS d e in F a » a t i ö m u ö nach oft fehlgeschlagenen Versuchen endlich gelang, Haß und Verachtung gegen dieJuden zu wecken. Wenn Herr P. P. die geringe Mühe nicht schenk, die ans dem vierten Jahrhundert stammenden CanoneS von Elv i r a nachzusehen, wird er erstaunt sein wahrzunehmen, daß die von ihm inS Alterthnm zurückverlegte Antipathie der Christen gegen die Juden zu jener Zeit gar nicht vorhanden war, so daß jene CanoneS den freundschaftlichen Umgang zwischen Christen nnd Juden unter harten Kirchenstrafen verbieten! In Frankreich war die soziale Duldsamkeit im fünften Jahrhundert so sehr einheimisch, daß sich sogar christliche Geistlichc von Juden zu Tische laden ließen, nnd ihre jüdischen Freunde auch an ihrem eigenen Tische zu sehen pflegten, die Wahl der zu genießenden Speisen dem Gewissen der jüdischen Gäste überlassend. Die Konzilien konnten sich aber mit dieser sozialen Intimität nimmermehr befreunden. Auf das Verbot deS ConciliumS zu VauneS (-165) folgte das deS ConciliumS von AgdeS (506). Die alte Erfahrung, daß Gesetze, — sie mögen statlichen oder kirchlichen Ursprung haden, — nicht leicht durchdringen, wenn sie mit den besteheuden Sitten kollidircn, bewährte sich auch hier. Der von gegenseitigem Wohlwollen beseelte Umgang zwischen Christen und Juden wurzelte so tief, daß die Prohibition noch öfters wiederholt werden mußte, bis endlich die Scheidewand, dastand, deren Errichtung der Fanatismus mit so vieler Zähigkeit betrieb. Frage: wozu bedurfte eS so zäher, durch Jahrhunderte thätiger Anstrengung, wenn die Inden so verworfene und verhaßte Menschen waren? Wenn die christliche Bevölkerung die Juden für eine ״Pestilenz" hielt, wozu brauchte sie gewarnt zu werden, mit denselben zu speisen und zu spielen? Wie kam eS, daß die wiederholten Warnungen lo lange, lange Zeit ohne Erfolg blieben?